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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte — 55. Band, Nr. 3
d) Der Salzgehalt an einigen Stationen des Bottnischen Meerbusens,
Über den Salzgehalt des Meerwassers sind finnische Beobachtungen angestellt, zusammen mit den Tempe
raturbeobachtungen, über die im vorigen Abschnitt gesprochen wurde. Es handelt sich um die gleichen Stationen:
Marjaniemi, Ulkokalla, Valsörarna, Norrskär und Market.
Vorausgeschickt werden müssen noch einige allgemeine Bemerkungen über die Wirkungen des Salzgehaltes
auf die Vereisung. Wasser von 0% Salzgehalt, also reines Süßwasser, friert bei 0°, dagegen erniedrigt sich der
Gefrierpunkt des Wassers bei steigendem Salzgehalt. Die in Frage kommenden Zahlen sind: Salzgehalt 1% —
Gefrierpunkt —0,7°. Demnach liegt der Gefrierpunkt von Wasser mit einem Salzgehalt bis zu 0,5% wenige
Zehntel Grad unter Null. Der Salzgehalt unseres Gebietes schwankt von durchschnittlich 2,8 bis 3%o bei Marja
niemi bis 5,5%o im Siidkvark. Dementsprechend kann sich, wie aus den Wassertemperaturen hervorgeht, das
Wasser bis auf 0,3° unter Null abkühlen, ohne daß es gefriert. Da eine in den beobachteten Grenzen mögliche
Schwankung des Salzgehaltes in den einzelnen Jahren nur eine ganz minimale, wenige Zehntel Grad betragende
Senkung des Gefrierpunktes zur Folge haben kann, dürfte der Einfluß des Salzgehaltes sowie seiner Schwankun
gen auf den Gang der Vereisung nur von untergeordneter Bedeutung sein, kann demnach hier des weiteren außer
acht gelassen werden.
Wesentlich wichtiger dagegen ist der Einfluß der Eisbedeckung auf den Salzgehalt. Im Winter wird durch
den Gefrierprozeß der Salzgehalt des nicht gefrorenen Wassers unter oder in der Nachbarschaft der Eisdecke
erhöht, da das Eis kein Salz enthält. Das Maximum des Salzgehaltes liegt darum bei fast allen Stationen im
Winter, lediglich bei Norrskär und Märket haben wir sekundäre oder sogar primäre Maxima im Sommer und
Herbst. Auf diese Sonderfälle sei aber hier nicht näher eingegangen, da deren Erklärung mit den Eisverhältnissen
in keiner Beziehung steht. Andererseits liegt das jährliche Minimum im Frühjahr zur Zeit der Eisschmelze, in
den Kurven des Salzgehaltes macht sich die Eisschmelze bei den nördlicheren Stationen in einem auffallenden
tiefen Einschnitt bemerkbar {vgl. Abb. 3). Der Salzgehalt sinkt dann z. B. bei Marjaniemi bis auf 0,2%o, beharrt
darauf jedoch nur sehr kurze Zeit, um bald wieder ebenso steil anzusteigen, erreicht dann aber nicht ganz so
hohe Werte wie vor der Eilschmelze. Im Hochsommer bis Herbst stellt sich meist noch ein sekundäres Minimum
ein, das bei den Stationen Norrskär und Märket sogar primär werden kann. Dessen Erklärung liegen nicht die
Eisverhältnisse zugrunde, so daß hier darauf nicht näher eingegangen sei. Bei Norrskär ist eigentlich nur in einem
Frühjahr (1923) der Salzgehalt zur Zeit der Eisschmelze sehr niedrig gewesen (3,2%o), während in den übrigen
Jahren, soweit Beobachtungen aus dem in Frage kommenden Zeitraum überhaupt Vorlagen, ein solcher Einschnitt
nicht feststellbar ist, bzw. nur minimal ist. Auch bei Valsörarna scheint er nicht immer ausgeprägt zu sein.
Dieser Einschnitt fällt stets mit dem Anstieg der Wassertemperatur über den Nullpunkt zusammen (vgl. Abb. 3).
Besonders deutlich läßt sich das Schmelzminimum des Salzgehaltes bei Ulkokalla und Marjaniemi fest
stellen, es kann sogar, wie 1919, zweifach sein, wenn sich plötzlich der Schmelzprozeß verzögert oder ganz unter
brochen wird. Ferner scheinen im Winter 1926 mehrere Perioden aufgetreten zu sein, während derer das Eis
schmolz. Eigenartigerweise zeigen aber die strengen Winter 1923/24 und 1928/29 keinen oder einen nur unbe
deutenden Einschnitt in der Salzgehaltskurve. Eine Erklärung dieser Erscheinung ist mir zunächst nicht möglich,
wenn man nicht ein Ausfallen auf Grund der nur dreimaligen Beobachtungen im Monat annehmen will, so daß
in Wirklichkeit die Erniedrigung zwischen zwei Messungsterminen stattgefunden hat.
Die Schicht des salzarmen Wassers während der Eisschmelze ist jedoch nur dünn und wird verhältnis
mäßig rasch südwärts getrieben, dabei aufreißend und sich vermischend, so daß schon aus diesem Grunde bei den
frei in der See liegenden Stationen nicht so klare Verhältnisse eintreten können.
Zusammenfassend ergibt sich also ein deutlicher Einfluß der Vereisung auf den Salzgehalt, indem der
Salzgehalt infolge des Gefrierens des Seewassers im Winter sein Maximum erreicht, welches ganz allmählich
vom Herbst zum Frühjahr ansteigt, um dann plötzlich zur Zeit der Eisschmelze abzufallen*, allerdings auch nur
für kurze Zeit, jedoch auf sehr niedrige Werte.
e) Der Einfluß der Schneedecke auf die Vereisung
Schneefall und Schneedecke haben eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für Zustandekommen und Er
haltung der Eisdecke.
Die Eisbildung im Meere wird durch starken Schneefall beschleunigt, bzw. bei Temperaturen bereits er
möglicht, die sonst für die Bildung einer nennenswerten Eisdecke noch nicht ausreichen würden. So berichtet
G. Reinicke über den Winter 1906/07 vom Bottnischen Busen (Ann. 1907, S. 413): „Der Februar hatte im Nord
botten weniger strenge Kälte als viel Schnee gebracht, der allerdings zusammengefroren war und die Eisdecke
verstärkt hatte, aber doch kein sehr festes Kerneis bildete.“ Auch in den finnischen Berichten kommt dies ge
* Jurwa (Havsforskningsinst. Skr. 23) neigt zu einer etwas abweichenden Ansicht, wenn er z. B. den Sprung im Salzgehalt
bei Ulkokalla im Frühjahr 1920 von 3,68%*, auf 0.46%,, und wieder auf 3,30% o folgendermaßen erklärt: „... denna störing i salt-
halten förorsakades av smältvattnets rikligare tillflöde genom Kalajoki.“ Danach wäre also die Schmelzwasserzufuhr der Flüsse aus
schlaggebend für die Senkung des Salzgehaltes. Daß diese Zufuhr mitwirkt, ist unbestritten, daß sie aber der alleinige Faktor
sei, möchte ich bezweifeln.