Dr. Erich Goedecke: Der Kalkgehalt im Oberflächenwasser der Unterelbe und Deutschen Bucht
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Denn
1. sind wir über den Kalkgehah der einzelnen tierischen sowie pflanzlichen Gruppen bisher nur ganz unge
nügend unterrichtet;
2. ist zu beachten, daß bei der vorstehenden Aufstellung das Zwergplankton (Nanno-Plankton), das mit Netzen
überhaupt nicht fangbar, sondern nur durch Zentrifugieren zu erbeuten ist, nicht berücksichtigt wurde. Als
hier besonders interessierende Vertreter des Nanno-Planktons sind die mit feinen Kalkskeletten (Kokko-
lithen) versehenen Coccolithophoriden zu nennen, die zeitweilig in großen Mengen Vorkommen können, im
Mai 1933 allerdings — wenigstens in der inneren Deutschen Bucht — kaum eine besondere Rolle gespielt
haben dürften.
3. ist darauf hinzuweisen, daß bei einem Versuch, aus dem Gesamtkalkgehalt einer Wasserprobe den beim
Schöpfen im Wasser tatsächlich gelösten Kalk von dem in den Organismen gebundenen Kalk zu trennen, es
methodisch außerordentlich wichtig ist, die Trennung der Suspension von dem Wasser unmittelbar nach
der Gewinnung der Probe vorzunehmen. Denn das lebende Plankton zerfällt zu allermeist schon nach ganz
kurzer Zeit, und die kleinsten (Nanno-Plankton-) Formen, die übrigens vielfach schon auf dem Filter durch
den Wasserdruck zerstört werden, gehen etwa schon in der ersten Stunde durch Platzen zugrunde und
geben ihren Plasmainhalt schon sehr bald an das Wasser ab.
4. ist darauf zu achten, ob sich nicht in solchem Wasser, das in erster Linie Detritus enthält, größere Fehler
quellen einschleichen können dadurch, daß aus den toten Suspensionen der Kalk in Lösung geht oder nicht.
Denn, falls diese Auflösung (z. B. der Foraminiferenschalen) nicht stattfindet, würde wahrscheinlich ge
rade in dem detritusreichen Küstenwassergebiet die Differenz zwischen dem Kalkgehalt des filtrierten und
unfiltrierten Seewassers sehr viel größer sein als tatsächlich durch Titration bestimmt wurde.
Sehr aufschlußreich und gewissermaßen eine Bestätigung der im Oberflächenwasser aufgestellten Kalk
gehaltsverteilung sind die Ergebnisse, die 0. P r a t j e in seiner Arbeit über die Sedimente der Deutschen Bucht
veröffentlicht hat 54 55 . Obgleich sich die Kalkgehaltsverhältnisse des Bodenwassers und der Sedimente mit denen
des Oberflächenwassers nur annähernd decken werden, weil die in der Bodenregion vorhandenen hydrographischen
und biologischen Faktoren andersartige Zustandsänderungen verursachen als die in den oberflächlichen Wasser
schichten, muß man doch der vorhandenen Tatsache von der Übereinstimmung des Kalkgehaltes des Oberflächen
wassers und desjenigen der Sedimente hinsichtlich der regionalen Verteilung wie der mengenmäßigen Erfassung
etwas mehr Beachtung schenken 55 . Betrachten wir z. B. die Übersichtskarte 23 mit der von Pratje aufgestellten
Karte über „Die Verteilung des Kalkgehaltes in Prozenten“ (in der Arbeit von Pratje auf Tafel I Abb. 3) oder
mit der über die „Verbreitung und Häufigkeit der Foraminiferen“ (Tafel XI Abb. 20), so können wir fast gleich
laufend dieselbe regionale Verteilung des Kalkgehaltes wahrnehmen. Pratje hat bei Untersuchung der Sedimente
in ein und derselben Fraktion immer wieder die Feststellung machen können, daß die Sedimente auf Grund ihres
Gehaltes an irgendwelchen Stoffen anorganischen und organischen Ursprungs in fünf Bezirke einzuteilen sind und
daß sich in der Art ihrer geographischen Lage innerhalb der Deutschen Bucht die Umweltfaktoren wie z. B. die
Strömungen im Oberflächenwasser erkennen lassen. Diese 5 Bezirke stimmen nicht nur in der Lage zur Küsten
konfiguration mit den oberflächlichen Kalkgehaltsregionen überein, sondern auch hinsichtlich der Größenverteilung.
Der von Pratje bezeichnete sogenannte Mittelbezirk mit dem nordwärts gerichteten Ast, der das nördliche
Schlickgebiet enthält, ist weiter nichts als das Abbild der in der AA (u _ f) -Verteilung gefundenen Kalkgehaltsver
teilung der ungelösten Partikelchen. Im Gegensatz zu den übrigen Bezirken werden auch hier relativ sehr große
Kalkprozentwerte beobachtet. Die Maximalwerte aber werden in dem eng begrenzten Raum des Flußmündungs
gebietes (2. Bezirk nach Pratje) gefunden, das von allen Bezirken mit dem ihm entsprechenden Oberflächen
gebiet am besten übereinstimmt. Es ist das wiederholt erwähnte Gebiet der Helgoländer Bucht, das neben den
eigentlichen Flußmündungen die größte Kalkgehaltsanomalie aufweist. Auch die übrigen 3 Bezirke finden ihr ge
treues Abbild im Oberflächenwasser.
Aus dieser wider Erwarten guten Übereinstimmung von Oberflächenwasser und Boden ist zu schließen, daß
die Eigenart der regional-horizontalen Verteilung irgendeines im Wasser der Deutschen Bucht gelösten und unge
lösten Stoffes in erster Linie den natürlichen hydrographischen und biologischen sowie geologischen Verhältnissen
und Zustandsänderungen in beiden Horizonten zuzuschreiben ist. Auf Grund dieser neuen Erkenntnis sind die Ur
sache des gegenwärtigen Kalkgehaltszustandes und die ihn verändernden Faktoren im folgenden zu suchen:
„Die Organismen entnehmen dem Meerwasser große Mengen Kalk und führen ihn den Sedimenten zu. Aller
Überschuß, der durch die Flüsse oder das Auflösen von Schalen oder des anorganischen Kalkes in den Boden
schichten in das Meerw r asser kommt, wird so wieder herausgenommen und bleibt im Kreislauf.“ (Pratje.)
Nach den aus dieser systematischen Kalkgehaltsuntersuchung sowie den von Wulff und Pratje ge
wonnenen Ergebnissen muß man zu der Erkenntnis gelangen, daß die schon früher bekannte Tatsache von der Zu
54 O. Pratje, Die Sedimente der Deutschen Bucht. Wiss. Meeresunters. Abt. Helgoland, Band XVIII. Kiel 1931.
55 Kür das Gebiet der Elbmündung hat F. Schucht seine Untersuchungen über chemische und biologische Komponenten
der Sedimente veröffentlicht in: F. Schucht, Das Wasser und seine Sedimente im Flutgebiet der Elbe. Jhrb. d. Pr. Geolog.
Landesanst. 25, 1904, S. 431. — Schucht ist der Ansicht, daß der nach der Elbmündung hin größer werdende Kalkgehalt der Sedi
mente auf den Kalkgehalt der Mollusken- und Foraminiferenschalen und wohl auch auf verwitterte Silikate und chemischen Nieder
schlag zurückzuführen und die Ursache dieser Kalkgehaltszunahme in dem Mischgebiet von Fluß- und Meerwasser zu suchen ist.