34
Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte — 55. Bd. Nr. 1
4. Muschel- und Schneckenlarven: Sie sind nie häufig in den Fängen, haben aber eine viel
fach schon sehr gut ausgebildete Schale, die sehr viel Kalk enthält, so daß wenige Exemplare genügen, den Kalk
gehalt einer Wasserprobe stark zu beeinflussen. — Sie kommen nur in Küstengewässem vor (kaum in freiem
Wasser), besonders da, wo viel Detritus vom Boden aufgewirbelt wird.
5. Vom pflanzlichen Plankton kommen als Kalklieferanten wohl nur die Coccolithophoriden
in Frage. Diese ganz kleinen Formen werden von Planktonnetzen überhaupt nicht gefangen, da sie die Netz
maschen passieren. Man kann sie nur durch Zentrifugen-Untersuchungen feststellen. Da auf der Mai-Fahrt keine
Zentrifugen-Untersuchungen gemacht wurden, wissen wir über ihre Verbreitung in dieser Zeit nichts. Es ist aber
wohl mit Sicherheit anzunehmen, daß sie in der inneren Deutschen Bucht kaum eine Rolle gespielt haben. Da
gegen muß mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß sie außerhalb des Küstenwassers vorhanden waren. Aber
es ist kaum anzunehmen, daß ihre Häufigkeit so groß war, daß sie den Kalkgehalt des W r assers beeinflußten. Da
aber die Kalkkörper der Coccolithophoriden, die Kokkolithen, außerordentlich klein sind, werden sie sehr lange
im Wasser schweben, so daß sie mit Strömungen leicht und weit verfrachtet werden können. Man wird sie also
überall dort erwarten können, wo sich Strömungen aus der freien Nordsee den Küsten nähern.
Der Kalkgehalt des Protoplasmas: Schließlich muß man bedenken, daß überall dort, wo
sehr viel Plankton im Wasser war, möglicherweise durch das lebende Plasma all dieser Pflanzen und tierischen
Lebewesen eine gewisse Anreicherung von Kalk von selbst stattfindet. Da dies Plasma aber schon sehr bald nach
dem Schöpfen zerfällt und da fast alle kleinsten Organismen schon beim Filtrieren zerfallen, oder selbst noch
durch ganz dichte Filter (siehe Seite 12) hindurchgehen, so wird man die Wasserprobe von diesem Kalzium des
Plasmas wohl kaum befreien können. Das ist sehr wichtig für die Kalkgehaltsverteilung, in der im allgemeinen wenig
Kalkplankton, aber sehr große Mengen von nichtkalkhaltigen Lebewesen vorhanden sind. Wichtig wäre nun noch
zu wissen, wie groß der Anteil des Kalkes am Aufbau der Örganismenzellen oder -skelette ist. Obgleich man heute
schon einigermaßen über die chemische Zusammensetzung des Planktons unterrichtet ist, ist es bedauerlich, daß
die in den Organismen enthaltene Kalkmenge bisher nicht bestimmt worden ist. Nur bei C h r . D e 1 f f 52 ist
eine Angabe zu finden. In seiner Untersuchung über die chemische Zusammensetzung von Copepoden (Anomalo-
cera patersoni) beträgt der Kalkanteil 2,35% (berechnet als Kalzium) der reduzierten Trockensubstanz, also
eine verschwindend kleine Menge.
Obgleich Zahlen über die Menge der Kalkplanktonen nicht vorhanden sind, ist doch ein Vergleich des
Kalkgehaltes des Wassers mit der Planktonverbreitung möglich.
Ein hoher Kalkgehalt ist zu vermuten in den Suspensionen des ganzen nordfriesischen Küstenwassers ([1],
siehe Figur 26). Hier fanden sich so große Mengen von Detritus, daß dieser den Planktongehalt an Masse um
ein Mehrfaches übertraf, ferner sind besonders die mit dem Detritus zusammen vom Boden aufgewirbelten Fora
miniferenschalen zu nennen, weiter Larvenformen von Crustaceen mit kalkhaltigem Panzer, sowie Schnecken- und
Muschellarven, die meist schon eine kleine Schale gebildet hatten, und Echinodermenlarven. Aus dieser Auf
zählung ist schon zu ersehen, daß in diesem Gebiet der Kalkgehalt am stärksten beeinflußt sein muß. Wenn wir
die Daten für Kalkgehaltsüberschuß (siehe Seite 27 und Figur 17) hier zum Vergleich heranziehen, so sehen wir,
daß die Region des nordfriesischen Küstenwassers die größten Anomalien im Kalkgehalt aufweist. Soviel, wie
jetzt darüber zu sagen ist, ist der anomale Kalkgehalt einzig und allein auf die großen Mengen Detritus, der im
Wasser durch die Gezeitenströmungen schwebend gehalten wird, zurückzuführen.
In der nordfriesischen Mischwasserzone [2a] sind mehr oder weniger große Mengen von Echinodermen
larven, die ein larvales Kalkskelett besitzen, beobachtet worden. Ein eng umgrenztes Gebiet ebenfalls mit sehr viel
Echinodermenlarven fand sich auch noch vor Norderney. Dieses Gebiet zeichnete sich gegenüber dem vorher
genannten hydrographisch dadurch aus, daß es eine verhältnismäßig kleinere Anomalie des Kalkgehaltes hatte.
Im Gegensatz zu dieser Region weist das Gebiet des westlichen Wassers [5] die relativ kleinste Anomalie
in der Kalkgehaltsverteilung auf. Diese steigt erst im Grenzgebiet der Konvergenz und südwestlich von Helgoland
etwas an. Diese nahezu einheitliche Planktonverteilung wird wahrscheinlich durch die konstante Kalkgehaltsver
teilung in diesem Wasser bedingt (siehe Figur 26).
Schließlich ist noch das Gebiet des Wassers der mittleren Nordsee [3] zu erwähnen, das vor allem viel
Copepoden und Copepodenhäute enthielt. Durch das Vorhandensein dieses Planktons wird auch eine etwas höhere
Kalkgehaltsanomalie als im Gebiet des westlichen Wassers verursacht. Dieses Wasser muß als verhältnismäßig
„reines“ unvermischtes Wasser der Nordsee aufgefaßt werden, das aber ein reges Organismenleben enthält. Im
westlichen Wasser dagegen sind die Verhältnisse andere. Vielleicht ist die Heimat dieser Wasserart in den Aus
läufern des sogenannten „Kanalstromwassers“ zu suchen, welches erst in Berührung mit fremden Wasserarten im
Konvergenzgebiet den Anstoß zu einer ungeheuren Wucherung bestimmter Planktonformen gibt 53 .
Damit ist die Aufzählung derjenigen Gebiete mit verschiedenem anomalem Kalkgehalt erschöpft, welcher
vermutlich in erster Linie durch die im Wasser befindlichen Kalkp lanktonten verursacht wird. Mit diesen An
gaben soll aber keineswegs gesagt werden, daß nicht an anderen Stellen eine ebenso hohe oder noch höhere Beein
flussung stattfinden kann. * 5
62 Chr. Delff, Beiträge zur Kenntnis der chemischen Zusammensetzung wirbelloser Meerestiere. Wiss. Meeresunters.
Abt. Kiel, Bd. 14, S. Sl. 1912.
5S A. Wulff, Nanno-Planktonuntersuchungen in der Nordsee. Wiss. Meeresunters. N. F. Abt. Helgoland, 15, Abh. 16.1925.