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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte — 55. Bd. Nr. 1
ausprägen, auch dann, wenn der Salzgehalt des Wassers davon nicht wesentlich beeinflußt wird (siehe Figur 10).
Wenn Flußwasser sich mit Meerwasser mischt, werden erst recht beträchtliche Nährstoffe, durch die hydrographi
schen und biologischen Umlagerungen in diesem Mischwassergebiet verursacht, vorhanden sein, die wiederum
eine Verstärkung der Organismenproduktion bedingen. Daher ist überall in Mischwassergebieten eine sehr starke
Erhöhung des Gehaltes an suspendiertem Kalk zurückzuführen einmal auf die Zustandsänderung des Hydrosols,
zweitens auf den Zufluß reichhaltiger Nährstoffe von oberhalb, weiterhin auf erhöhtes Leben und Sterben des
Kalkplanktons und letztens auch auf die durch Turbulenzströme vom Boden aufgewirbelten Detritusmassen, die
gleichfalls Nahrungsquelle sind.
Diese Beziehungen zwischen der Verteilung des suspendierten Kalkes und des Planktons in der Elbmün
dung kann man auch in der Deutschen Bucht feststellen. Die geographische Verteilung der AA (u . f) , dargestellt
durch Linien gleicher AA (u . 0 , ist in Karte 23 wiedergegeben. Sie zeigt das Zusammentreffen der verschiedenen
Wasserarten von dem Festland und dem offenen Meere der Nordsee. Das Gebiet der großen AA-Werte fällt un
gefähr mit dem Gebiet der aus der Salzgehaltsverteilung sich ergebenden Konvergenz zusammen. Auf Grund der
in der Karte 23 dargestellten AA-Verteilung ist eine andere entwickelt worden, die noch einmal in großen Zügen
das Zusammentreffen der verschiedenen Wasserarten im Mischungsgebiet wiedergibt (siehe Karte 25). Vergleichen
wir diese Darstellung mit denen über die Kalküberschußgebiete (siehe Karten 16 bis 18), so finden wir erheb
liche Unterschiede. Das Gebiet mit starkem Kalkgehaltsüberschuß z. B. an der nordfriesischen Küste zeigt in der
Darstellung der geographischen Verteilung des AA in dem Küstenwasser verhältnismäßig geringe AA-Werte, wäh
rend das Gebiet südlich von Helgoland sowie in der ganzen südöstlichen Deutschen Bucht auf den zu vergleichen
den Karten sehr gut übereinstimmt. Die Gebiete mit Kalküberschuß brauchen also nicht immer Gebiete mit maxi
malen AA-Werten zu sein.
Sehr bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, daß die vorläufigen Ergebnisse einer biologischen Unter
suchung über die Planktonverteilung in der Deutschen Bucht (Poseidonfahrt 1933) mit den entsprechenden hydro
graphischen ausgezeichnet übereinstimmen 40 . Wenn man die Ergebnisse der ausgeführten Untersuchungen über
das Oberflächenplankton im Mai 1933 überblickt, so ergibt sich eine Verbreitung der Planktongemeinschaften, wie
sie Figur 26 wiedergibt 46 47 . Aus der Figur 26 ist eine Übersichtskarte, die die verschiedenen Wasserarten auf
Grund der Planktongemeinschaften enthält, gezeichnet worden (Figur 27). Prinzipiell decken sich die sowohl von
hydrographischer wie auch von biologischer Seite aufgestellten Wasserarten vollkommen (vgl. die Karten 25 und
27), nur die Lagen ihrer Grenzen sind etwas verschoben. Etwas Schwierigkeit bereitete die Feststellung des Ur
sprungs der Wasserarten. Für den Biologen ist die Bezeichnung der Herkunft des Wassers dadurch etwas ein
facher gegeben, daß er auf Grund der Planktonart und der Planktonleitformen Mischwasser vom „reinen“ Meer
wasser und Flußwasser unterscheiden kann. Der Hydrograph allein kann in dieser Hinsicht auf Grund der geo
graphischen Verteilung des AA nur Vermutungen anstellen. Aus der Größe des AA allein, deren absoluter Wert
vor der nordfriesischen Küste genau so groß beobachtet wurde wie vor der ostfriesischen, kann er nichts über die
Heimat des Wassers aussagen. Höchstens aus der Lage der Iolinien des AA ist es ihm möglich, auf die wahrschein
liche Herkunft der in der Deutschen Bucht vorhandenen Wasserarten zu schließen. Die sehr gute Übereinstimmung
der hydrographischen und biologischen Ergebnisse kann aber dazu dienen, gemeinsam unter Berücksichtigung aller
im Wasser vorkommenden Faktoren die Wasserarten zu trennen und sie mit Namen ihrer entsprechenden Herkunft
zu belegen, wie die Figuren 25 und 27 zeigen.
Für das Gebiet, das sich in südöstlich-nordwestlicher Richtung vor der Elbe- und Wesermündung in die
Deutsche Bucht erstreckt, und das die Planktologen als stationäre N-S-Mischwasserzone (siehe in Figur 26 die
Bezeichnung [6]) bezeichnen, sind ähnliche Betrachtungen anzustellen, wie es für das Mischwassergebiet der Elb
mündung bereits getan wurde. Diese Zone ist während des Frühjahrs sehr kräftig ausgebildet. Durch die über
aus großen abfließenden Elbwassermassen, die zu dieser Zeit vorwiegend aus den Schmelzwässem des Hinter
landes gespeist werden, werden große Mengen von Trümmermaterial ins Meer befördert. Außerdem werden durch
die Flüsse gewaltige Mengen von Nahrungsstoffen anorganischen Ursprungs und ebenso große Mengen von Süß-
wasserplanktonten, die in der Mischzone des Süß- und Salzwassers infolge starker Salzgehaltsänderungen zum
größten Teil der Autolyse anheimfallen, in das Meer verfrachtet. Da diese Organismen wie auch alle marinen
Planktonten mehr oder weniger große Mengen lebensnotwendige Baustoffe wie z. B. Phosphat enthalten, so können
jene während der Autolyse dem Wasser in anorganischer Form gelöst wieder zurückgegeben werden. Daher können
z. B. die freigewordenen Phosphatmengen dem im Wasser befindlichen Mischwasserplankton als wichtige Nah
rungsquelle dienen und eine Blüte hervorrufen 48 .
Diese Konvergenz oder dieses immer vorhandene Mischwassergebiet in der Mitte der Deutschen Bucht wird
nun außer vom Festland auch noch durch die Faktoren des in die Bucht in verschiedenem Maße einströmenden
46 Schon durch die gemeinsame Arbeit an Bord des „Poseidon“ während der Untersuchungsfahrt im Mai 1933 in die
Deutsche Bucht wurde der Verfasser dazu angeregt, hei Auswertung der gewonnenen Beobachtungen über die Kalkgehaltsverteilung
dieses Gebietes die biologische Seite des Kalkproblems mit in die vorliegende hydrographische Untersuchung hineinzuziehen.
47 Der Verfasser ist dem Direktor der Staatlichen Biologischen Anstalt auf Helgoland, Herrn Prof. Dr. Hagmeier, für wohl
wollende Unterstützung dieser Untersuchung zu Dank verpflichtet. — A. Wulff, Über Hydrographie und Oberflächenplankton
nebst Verbreitung von Phaeocystis in der Deutschen Bucht im Mai 1933. Ber. d. Deutsch, wiss. Korn. f. Meeresf. N. F. Bd. VH,
Heft 3, S. 343
48 K. Kalle, Phosphatgehaltsuntersuchungen in der Nord- und Ostsee im Jahre 1931. — Ann. d. Hydr. usw. 1932. S. 14.