36 Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte — 55. Band Nr. 6
solche fasse ich sie auf. Es handelt sich gewiß nicht um rippeiähnliche Bildungen, sondern um
Formen, bei denen Sackungsvorgänge eine ziemlich große Rolle spielen. Die nur wenige mm breiten
Rinnen selbst sind typische Rieselformen. Der Schlick, der vom halbfiüssigen Zustand allmählich in
den zähen übergeht, verliert bei diesem Vorgang etwa V» seines Volumens. (Nach von mir vorge
nommenen Messungen. Proben von halbflüssigem Schlick wurden drei Monate lang der Sedimen
tation überlassen.) Das herausrieselnde Wasser vermag eine merkliche Erosion nicht auszuüben.
Diese Entwässerungsrinnen finden sich überall, wo das Gefälle groß genug ist, an geschützten Stellen,
wo eine starke Schlickablagerung statthaben kann. Merkwürdigerweise erreichen diese Formen nie
mals die NW-Linie. Worauf das zurückzuführen ist, weiß ich nicht.
Diese Rieselmarken sind, da die Strömung zum Rande der Wattinseln sehr schnell abnimmt und
einen zerstörenden Einfluß nicht ausüben kann, Dauerformen, die über die nächste Tide hinweg und
länger erhalten bleiben. Es ist wohl möglich, daß aus ihnen unter bestimmten Bedingungen Priele
entstehen können.
Die Priele.
Ein wesentlicher Bestandteil in der Landschaft, sowohl im Vorland wie im Watt, sind die Priele
oder Ritts. Sie sind in allen Fällen natürliche Bildungen. Daß Priele aus Gräben hervorgegangen
sind, ist mir aus dem Bereich dieser Arbeit nicht bekannt geworden. Im Vorland wäre dies wohl auch
kaum möglich, da die Bewachsung der Grabenufer ein seitliches Einschneiden verhindert. Auch ist
die Lagerung des Bodens sehr stabil. Allerdings bildet die uferzerstörende Wollhandkrabbe neuerdings
eine große Gefahr.
Je nachdem die Priele im Vorland oder Watt liegen, können wir zwischen Vorland- und Watt
prielen unterscheiden. Jeder Vorlandpriel ist in seinem Unterlauf ein Wattpriel.
Die Vorland priel e. über die Entstehung und den Werdegang der Vorlandpriele läßt sich
nur wenig sagen. Wahrscheinlich sind sie aus Wattprielen hervorgegangen, waren also bereits vor
handen, als im 11. oder 12. Jahrhundert das Land eingedeicht wurde. Die meisten von ihnen sind
im Laufe der Jahrhunderte allmählich verlandet, sind begradigt worden oder schon ganz ver
schwunden. Das Sielenritt z. B. hatte, wie schon erwähnt, in früheren Zeiten eine besondere Be
deutung. Da ein großer Teil der Marsch durch ihn in die Elbe entwässerte, muß es weit größer
gewesen sein.
Bei zwei Prielen läßt sich jedoch nachweisen, daß sie erst in den letzten Jahren und Jahrzehnten
eine wesentliche Erweiterung erfahren haben: Das Bishorster Ritt und Plath’s Ritt. Hier waren es
die Durchbrüche des Sommerdeichs, die eine verstärkte Strömung schufen. Unter Mitwirkung der
Wollhandkrabbe geht heute noch die Erosion weiter. Deshalb unterscheiden sich diese Priele, beson
ders das Bishorster Ritt, von allen anderen. Der Boden ist fest und nur auf den Gleithängen von
wenig Schlick überdeckt. Wo es überhaupt zur Sedimentablagerung kommt, besteht das Material meist
nicht aus feinem Schlick, sondern aus kleinsten Schlickgeröliehen, die bei der Auswaschung am
Prallhang entstehen.
Bei jeder Sturmflut vergrößert sich der Querschnitt immer mehr. Im Winter ist es der Frost, der
die Sedimente auflockert. Das Wasser, das in den Schlupflöchern der Wollhandkrabben stehen bleibt,
gefriert während der langen Überwasserzeit und macht den Verband mürbe. Der zweimal tägliche
Wechsel von Auftauen und Regelieren übt dabei natürlich eine sehr starke Wirkung aus.
Alle Vorlandpriele sind Hochpriele, d. h. sie laufen bei Niedrigwasser bis auf etwa in ihnen
befindliche Löcher leer.
Die Vorlandpriele hören mit dem Vorland auf. Ihre Fortsetzung im Watt ist bereits als Watt
priel ausgebildet.
W a 11 p r i e 1 e. Merkwürdig ist, daß Priele, die im Vorland nur in schwachen Krümmungen
oder last gradlinig verliefen, nun im Vorlandwatt plötzlich bestrebt sind, in riesigen Schleifen zu
fließen. So ist z. B. die Ebbrinne des Bishorster Ritts im Watt viermal länger als die kürzeste Ent