Dittmer: Vorland und Watten zwischen Steinloch und Dwarsloch. Ein Beitrag zur Kenntnis des Niederelbwatts 33
Die Vogelwelt ist infolge der geschützten Lage und des Nahrungsreichtums sehr mannigfach.
Ich will mich darauf beschränken, die am meisten vorkommenden Arten aufzuzählen. Außer den
verschiedenen Entenarten, der Stockente (Anas bochasj, der Spießente (Anas acuta), der Tafelente
(Nyroca fernia), Reiherente (Nyroca fuligula), Schellenente (ßucephala clangula) nenne ich den Gänse
säger (Merganser merganser), den grauen Fischreiher (Ardea cinerea), Flußseeschwalben, Möven und
Schwäne.
Zu den uferzerstörenden Tieren gehört außer der Wasserratte (Arvicola amphibius) die in den
letzten Jahrzehnten eingewanderte Wollhandkrabbe (Eriocheir sinensis, die sich zu einer wahren
„Landplage“ entwickelt hat. Bis zu einem halben Meter baut sie ihre Wohnbauten in das Kliff hinein,
wobei sie vorzugsweise auf Schiclitfiächen vordringt. Meist viele Stockwerke liegen übereinander. Die
ganz natürliche Folge ist, daß die Uferränder zusammensinken und schließlich einstürzen. Der Ab
bruch wird dadurch stark gefördert. Diese Erscheinungen treten besonders im Vorland auf. Aber
auch in den Wattgebieten macht sie sich unangenehm bemerkbar. Ja selbst in der inneren Marsch
richtet sie noch manchen Schaden an. Dabei vermehrt sie sich immer stärker. Schon bis nach
Böhmen ist sie vorgedrungen, und alle Bemühungen, diesen Schädling zu vernichten, sind bisher
erfolglos gewesen. Bemerkenswert ist, daß sie in einzelnen Fällen mit ßalaniden besetzt ist, die
sonst nicht imstande sind, so weit elbaufwärts vorzudringen.
Da sich die Wollhandkrabbe mehrfach häutet, sind ihre Panzer im Spülraum eine häufige
Erscheinung.
Auf die Mitwirkung der Pflanzenwelt ist bereits im allgemeinen Teil hingewiesen worden. Die
Artenzahl ist gegenüber den Nordseewatten sehr groß. Halophyten kommen überhaupt nicht mehr
vor. Denn der Saizgehatt des Elbwassers ist in diesem Gebiet schon ganz gering und dürfte kaum
von den Werten bei Hamburg oder der Oberelbe abweichen. Selbst im trockenen Sommer 1934 war
in der Binnenelbe keine Zunahme des Salzgehalts zu verspüren, obwohl bei Glückstadt selbst in
der Marsch Gräben und Wettern mindestens bis Januar 1935 noch Salzwasser führten.
ln denjenigen Pflanzen also, die in großen Beständen und in wirklich großem Umfange an der
Landbildung beteiligt sind, gehören vor allem die Simsen- und Binsenarten, auf den höheren Teilen
des Watts der Rohrkolben und das Retli. Die Artenzahl der accessorisclien Pflanzen ist sehr groß,
und cs würde über den Bereich dieser Arbeit hinausgehen, wenn ich sie alle aufzählen wollte. Von
dem sandüberspielten Sommerdeich bei Bishorst nenne ich nur noch eine typische Sandpflanze: Sedum
acre; sie kommt auch auf Lühesand (nach einer mündlichen Mitteilung von W. Wrage), wie auf dem
Aufspülungsgelände auf Pagensand vor. Durch ihren dichten rasenförmigen Wuchs hält sie den Sand
gut fest, ist aber gegen Wellenschlag und starke Strömung wenig widerstandsfähig. Bei Sturmfluten
werden daher oft ganze Fetzen herausgerissen.
Auf die Mitwirkung der Diatomeen bei der Verfestigung des Schlicks brauche ich nicht beson
ders hinzuweisen. Sie ist genügend bekannt (Wohlenberg [36]).
Die abgestorbenen Reste der Binsen- und Schilf Vegetation bilden im Herbst und Winter am
Strand und auf dem Vorland girlandenförmige Spülsäume. Viel Material wird auch im Vorlandwatt
von Hohenhorst und Scholenfleth abgelagert. Diese Deekenmassen können die Veranlassung zu
Schilftorilagen in den obersten Schichten des Wattbodens geben. Und in der Tat zeichnen sich
diese Schichten durch einen hohen Humusgehalt aus. Größere Wälle entstehen häufig auf dem
erhöhten Uferrand des Vorlandes oder vor dem Deich. Hier müssen sie durch Abbrennen entfernt
werden, da sonst die Grasnarbe zerstört würde. Häufig geschieht dies auch. Solche Stellen, wo
Deeken gelegen haben, sind oder werden leicht zu Schwächestellen. Der Abbruch kann durch Kolk
bildung, wenn nicht verursacht, so doch begünstigt werden.
Die wirtschaftliche Bedeutung der Pflanzenwelt soll nur kurz erwähnt weiden. Scirpus taber-
naemontani, das Henn, wie es hier genannt wird, und die Rohrkolbenarten werden als Bindematerial
und zu Flechtarbeiten gern benutzt, das hier besonders kräftige Reth wird zum Dachdecken
verwandt.