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Full text : 55, 1936

Dittmer:  Vorland  und  Watten  zwischen  Steinloch  und  Dwarsloch.  Ein  Beitrag  zur  Kenntnis  des  Niederelbwatts  11

Das  Vorland.
Wenden  wir  uns  zunächst  dem  vor  dem  Kreuzdeich  gelegenen  Gebiete  zu.  Vom  Deiche  aus
erkennen  wir  ein  weit  ausgedehntes  Vorland,  hinter  dem  durch  wogende  Rethschallen  in  der  Ferne
der  Lauf  der  Pinnau  angedeutet  wird.  Weit  drüben  sehen  wir  das  gegenüberliegende  Ufer  und  den
Eschdeich.  Nahe  dem  scharfen  Deichknick  am  Kreuzdeich  führt  der  Weg  hinunter  zu  den
Wiesen  und  Viehweiden  des  Außendeichlandes.  Er  wird  von  tiefen  Gräben  auf  beiden  Seiten  begrenzt. ­
  ln  regelmäßigen  Abständen  münden  die  kleineren  Grüppen  und  die  größeren  Scheidegräben,
die  die  einzelnen  Koppeln  voneinander  trennen,  in  diese  hinein.  Wenige  kleine  Priele  fließen  in  großen
Schlingen  hindurch.  Zwei  hohe  Weiden,  einige  Schifl'alirtszeichen  sind  das  einzige,  was  aus  der  sonst
baumlosen  Ebene  herausragt.  Einen  unmittelbar  an  der  A  u  gelegenen,  aufgeworfenen  Hügel  hielt
ich  anfänglich  für  eine  Fluclitwurt  für  das  Vieh,  auf  das  es  sich  bei  Hochwassergefahr  retten  könnte.
Erkundigungen  bei  Ortskundigen  belehrten  mich  aber.  Hierhin  wird  im  Herbst  das  geschnittene  Retli
gebracht,  damit  es  bei  plötzlich  einsetzenden  Sturmfluten  nicht  wegtreiben  kann.  Für  das  Vieh  sind
Zufluchtsstelien  nicht  vorhanden,  so  daß  es  häutig  vorkommt,  daß  die  Rinder  bei  Hochfluten  bis  zum
Rauch  mi  Wasser  stehen  oder  gar  ertrinken.
Das  Ufer  der  Pinnau  bilden,  wie  schon  gesagt,  ausgedehnte  Rethschallen,  die  teils  zum  Vorland, ­
  teils  aber  auch  schon  zum  Watt  gehören.  Jenseits  dieser  Schallen  ist  das  Ufer  steil,  ein
nennenswerter  Anwuchs  kann  hier  nicht  mehr  stattlinden.
Wenden  wir  uns  nun  der  Binnenelbseite  zu.  Auch  hier,  wie  drüben  die  Escli-Schallen,  dehnen
sich  die  Retlifelder  über  eine  große  Strecke  hin  aus.  Solange  sie  vorhanden  sind,  ist  der  Übergang
zum  Watt  ein  ganz  allmählicher.  Wo  sie  aufhören,  können  die  zerstörenden  Kräfte  des  Wassers
einsetzen  und  ein  Klm  herausarbeiten.  Dieses  meist  nicht  mehr  als  30  cm  hohe  Hochwasserklifl
grenzt  weiter  südlich  das  Vorland  gegen  das  Watt  ab.  Aber  nirgends  ist  der  Abbruch  stark.  Aber  er
genügt,  um  eine  Vegetationsdecke  nicht  aufkonnnen  zu  lassen.  Hier  treten  die  obersten  Schichten  des
Marschbodens  gut  zutage.  Sie  zeigen  eine  sehr  deutliche  Schichtung  (Sturmflutschichtung)  und  sind
mit  Moliuskensclialen  derart  durchsetzt,  daß  diese  weithin  weiß  leuchten.  Der  Boden  ist  durch  ausgeschiedenes ­
  Eisenhydroxyd  meist  rostbraun  gefärbt.
Wollen  wir  das  weiter  stromaufwärts  gelegene  Vorland  betrachten,  so  müssen  wir  zum  Deich
zurück.  Denn  dazwischen  liegt  das  tiefe  Sielenritt,  das  in  früheren  Zeiten  größere  Bedeutung
hatte,  als  es  noch  das  weite  Hinterland,  die  Haselauer  Marsch,  entwässerte.  Heute  wird  das  Wasser
durch  die  Schleuse,  weiter  flußaufwärts,  bei  Königspfahl,  in  die  Pinnau  geleitet.
Der  Deich  von  Kreuzdeich  bis  Hohenhorst  verläuft  schnurgerade.  Er  ist,  nachdem
die  Karfreitagsflut  des  Jahres  1745  den  Rest  des  Deiches  bei  Bishorst  weggerissen  hatte,  im  Jahre
1747  gebaut.  Werfen  wir  einen  Blick  auf  Vor-  und  Hinterland,  so  erkennen  wir  den  starken  Höhenunterschied, ­
  der  etwa  1,5  m  beträgt.  Der  Deichfuß  ist  zum  Schutz  gegen  Eis-  und  Sturmfluten  mit
mehreren  Reihen  von  Bäumen  bepflanzt;  aber  hier  sind  es  nicht  mehr  die  hohen,  schlanken  Eschen,
die  für  die  Audeiche  und  weiter  aufwärts  bei  Haseldorf  und  Roßsteert  so  charakteristisch  sind,  sondern ­
  Schwarzerlen  (Ainus  glutinosa)  und  Kopfweiden  (Salix  div.  spec.),  die  so  dicht  stehen,
daß  es  unter  ihnen  immer  dunkel  ist.  Hier  kann  kein  geschlossener  Rasen  gedeihen.  Nur  der  hohe
Gelbweiderich  (Lysimachia  vulgaris),  das  Bittersüß  (Solanum  dulcamara)  und  Huflattich
(Tussilago)  wuchern  hier.  Somit  wird  gerade  das  Gegenteil  von  dem  bezweckt,  was  beabsichtigt  war:
eine  erhöhte  Abspülung,  veranlaßt  durch  die  mangelhafte  Vegetation,  die  dazu  im  Winter  ganz  verschwindet. ­
  Allerdings  bilden  die  Kopfweiden  gegen  das  Eis  einen  wirksamen  Schutz.
Das  Bishorster  Vorland  war  bis  zum  Jahre  1912  bzw.  1919  ein  Sommerkoog.  Damals  brach  an
zwei  Stellen,  im  Süden  am  Knick  bei  P1  a  t  h  s  Ritt,  im  Norden  am  Bishorster  Ritt  der
Sommerdeich.  Noch  heute  ist  das  Gebiet  vom  Deich  umgeben,  doch  hat  dieser  seine  Bedeutung  voll ­
            
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