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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte. — 55. Bd. Nr. 5.
für 50 m Tiefe die Linien gleicher West-Ostkomponenten der Geschwindigkeit aufgetragen. Es wurde das
Niveau von 50 m Tiefe gewählt, weil dies die Grenze zwischen Deckschicht und Tiefenwasser ist, und wir
somit einerseits hier im allgemeinen die größten Geschwindigkeiten haben, andererseits von dem Einfluß
der störenden Oberfläche frei sind. Die Linien gleicher Westkomponenten sind durch ausgezogene, die
jenigen gleicher Ostkomponenten durch strich-punktierte Kurven dargestellt.
Zunächst fällt die dichte Scharung der Linien auf 19° östlicher Länge zwischen 72° und 74° nördlicher
Breite auf. Hier sind im Kern Geschwindigkeiten von mehr als 7 cm/sec. vorhanden, entsprechend dem
Lauf der Bäreninselsenke erstrecken sich die Kurven nicht genau in west-östlicher Richtung, sondern sind
etwas nach Norden abgelenkt. In 30° östlicher Länge und 74° nördlicher Breite bemerkt man eine inten
sive Einbuchtung, wodurch die schon erwähnte Abzweigung eines Armes des atlantischen Wassers, der
Franz-Josefs-Strömung, deutlich hervortritt. Nach dieser Abspaltung ist dann auch die Geschwindigkeits
änderung nicht mehr so heftig, wie an dem weiten Auseinanderliegen der Isolinien zu erkennen ist. Es
läßt sich eine gewisse Parallelität zwischen diesen Kurven und den Isothermen und Isohaiinen feststellen.
Nördlich bzw. nord-östlich des eben genannten Gebietes liegen die ausgezogenen Kurven 0 cm/sec. und
— 1 cm/sec. In ihrem westlichen Teil, wo sie auch der -j- 1 cm/sec. Linie parallel laufen, geben sie die Lage
der polaren Grenzfläche an, wie ein Vergleich mit den Karten von Tafel V (vgl. „Berichte“) zeigt. Ganz im
Norden des untersuchten Gebietes bei 38° östlicher Länge und 76°45' nördlicher Breite und ebenso unter
38° östlicher Länge und zwischen 75° und 76° nördlicher Breite bemerkt man vordringendes Ostwasser.
Hier treten die in diesem Schnitt größten Westkomponenten auf, nämlich —2 cm/sec.; es handelt sich um
den schon oben festgestellten Polarstrom, der an dieser Stelle besonders kräftig entwickelt ist. Zwischen
75° und 76° nördlicher Breite hat das Ostw-asser nur geringe Geschwindigkeiten von 0 bis —1 cm/sec.
Betrachtet man die Tiefenkarte des Barents-Meeres (vgl. „Berichte“ S. 245), so findet man hier die Mittel
bank. Dadurch wird es wahrscheinlich, daß die Abspaltung der Franz-Josefs-Strömung durch die Boden
gestalt bedingt wird, und zwar durch diese Bank. Das ganze bis je^t behandelte Gebiet wird nach Süden
durch einen Streifen ausgezogener Isolinien begrenzt. Dadurch wird die Vermutung zunächst bestärkt, daß
sich hier durch das Barents-Meer ein Strom von Osten nach Westen zieht, wir müssen aber bei der Be
trachtung dieser Karte sehr vorsichtig sein, denn unsere Kurven sind ja weder Stromlinien noch Bahn
kurven, und es ist möglich, daß das Wasser mehr oder weniger senkrecht zu diesen Linien fließt, und auch
aus dieser Karte können wir darum keine Entscheidung treffen über die Existenz des eben genannten
Stromes. Zwischen diesem Gebiet und der Küste treten dann wieder nach Osten fließende Wassermassen
auf, nur unter 70% ° nördlicher Breite und 33% ° bis 38° östlicher Länge unterbrochen von einer aus
gezogenen Kurve, durch die der schon früher an dieser Stelle festgestellte Wirbel markiert wird. Aller
dings beschränkt sich seine Ausdehnung wohl auf den 33. bis 34. Meridian. Auffallend ist die starke
Strömung am Nordkap unter 26° östlicher Länge und 71% ° nördlicher Breite, wo Werte von 12 bis
13 cm/sec. erreicht werden, die größten Geschwindigkeiten des Tiefenwassers überhaupt. In dem Gebiet,
das von 29° und 38° östlicher Länge und 71° und 73° nördlicher Breite begrenzt wird, dehnt sich das
Westwasser sehr breit aus, der Verlauf der 2 und 3 cm/sec.-Linien weist eine kräftige Einbuchtung auf,
besonders bemerkenswert ist die Lage der Isolinien zwischen 71° und 72° nördlicher Breite und 30° und
36° östlicher Länge, hier sind diese nicht nach Süd-Osten gerichtet, sondern im Gegenteil nach Nord-Osten.
W r ährend also über der Bäreninselsenke der Verlauf der Linien gleicher Geschwindigkeitskomponente
west-östlicher Richtung noch im großen und ganzen mit der allgemeinen Richtung der Wasserbewegung
zusammenfiel, ist das hier, wo sich die Murman-Strömung, die nach Süd-Osten setjt, befindet, keineswegs
der Fall. Aus diesem Sachverhalt dürfen wir folgern, daß die tatsächliche Geschwindigkeit größer als die
berechnete ist, und zwar bei Süd-Oststrom etwa 1.4mal so groß, so daß die Murman-Strömung, soweit
sie durch Dichteunterschiede bedingt ist, 4 bis 8 cm/sec. Geschwindigkeit besitjt.
Überblickt man noch einmal die Karte, so tritt deutlich die Verteilung des atlantischen Wassers im
Barents-Meer in die Erscheinung. Erwähnt sei noch, daß eine Verbindung des Westwassers (gleich
bedeutend mit einer Unterbrechung der Wassermassen mit westlicher Bewegungskomponente) längst 30°