Dr. Erich Holler: Feucht- und Troekensteppen im Abiadbecken.
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Zwischen den Platten liegt die Flußtalung: Sie erscheint nicht als Tal, denn ein erkennbares
seitliches Gefälle fehlt; sie ist eine riesig breite Überschwemmungsebene, in der flache und
gewundene Flüsse verlaufen, die von unvollständigen Uferwällen begleitet sind. Diese können
vielfach durch Papyrusmauern ersetzt werden. Die Flüsse haben ein Gefälle von oft weniger
als 1 cm/km. Im Sommer entstehen große Seen und Flußverstopfungen durch Suddablagerung;
in diese Seen gehen Oberläufe hinein und von ihnen praktisch unabhängige Unterläufe ver
lassen sie wieder. Ein Bett ist nicht zu erkennen; oft sind Schiffe in weiter Entfernung vom
eigentlichen Laufe über Land gefahren und auch festgefahren, was für die Reisenden größte
Gefahr in dem völlig ungangbaren Lande bedeutet; festes Land ist vom Schiff aus fast nie zu
erreichen. Eine ganz enorme Verdunstung findet statt (Regenlieferant für die Steppen des NO),
und bald nach dem Ende der Regenzeit gehen die Seen und Sümpfe sehr stark zurück. In
randlichen Bezirken kann die Auftrocknung so weit gehen, daß Trinkwassermangel herrscht
(Meschra er Rek). Der Grund ist, daß der Boden aus schwarzem Lehm besteht, in den das
Wasser nicht einsinkt. Der Boden ist wohl ein Produkt jüngster Ablagerung durch Fluß
sedimente und besonders durch pflanzliches Material. Marno sah am Serafufer eine Reihe von
übereinanderliegenden Aschenschichten, die er für Erzeugnisse der Steppenbrände hält. Lyons
allerdings ist gegen die Annahme, daß am unteren Djebel eine Sedimentation erfolge, da die
plötzliche Abnahme des Gefälles bei Gondokoro alles Material ausfällen müßte; andere Forscher
sprechen unbedingt für einen noch heute stattfindenden Aufbau. Beachtlich ist, daß dort, wo
so viel pflanzliches Material absinkt, nie Torf entsteht.
Wir haben im Suddlande also einen inneren Dauersumpf und darum eine randliche Wechsel
landschaft wie die des SO; durch den Bau des Flußnetzes kommt es zu einer Art von stern-
strahliger Anordnung; das Suddgebiet ragt an den Flüssen strahlig in die umgebende Land
schaft hinein.
Ungeheuer wichtig für dies Gebiet ist die Pflanzendecke, die Ambatsch- und Papyruswälder,
die alle Flutseen und Altwässer und auch die Flußränder besetzen. Sie werden oft stromab
getrieben, setzen sich an seichten Stellen fest und rufen Verstopfungen hervor. Darüber soll
im nächsten Kapitel noch gesprochen werden.
Wenn wir einen Querschnitt durch den unteren Djebel z. B legen, so ergibt sich folgendes
Bild: Der Fluß ist oft 300 m breit, die Wasserfläche aber z. T. mit Pflanzen bedeckt, so daß
man unmittelbar am Papyrus noch 6 m Tiefe mißt. Es ist eine trostlose Halmwildnis, die
unvollständigen Uferwälle tragen kaum Bäume; dahinter liegt eine schwimmende Landschaft,
ein Grassteppensumpf. Sievers schreibt nach Marno: „Der größte Teil der als Sumpfgebiet
des oberen Nils bezeichneten Strecke ist Steppe mit üppigster Hochgrasvegetation. Meilenweit
ist die Umgebung des Nils und auch seiner Verzweigungen mit Gräsern bedeckt, deren Wurzel
stöcke, im Wasser schwimmend, mit seiner Oberfläche sich heben und senken und die Wasser
fläche mit einem wogenden Halmwalde wie mit einem schwimmenden Teppich bedecken.“ Diese
Überschwemmungsebene liegt z. T. unter Mittelwasserniveau. Dahinter folgt der Waldrand
der inneren Steppenplatte. Stevenson-Hamilton gibt einige Zahlen: Die Hauptwasserstraße des
Nils und seine Nebenarme nehmen einen Raum von etwa 30 km Breite ein, die Über
schwemmungsebene, der Toich, mißt durchschnittlich 35 km; die Entfernung vom Schiffahrts
weg zum Waldrand der inneren Platte beträgt also im Mittel 50 km, % -30 + 35.
Das westliche und das östliche Suddgebiet sollen noch einmal ganz kurz für sich besprochen
werden. Die Grenzen für den westlichen Suddbezirk werden verschieden angegeben; man
nimmt manchmal Faschoda, manchmal den No-See als Grenze. Da aber südlich von Faschoda
die festen Ufer in nicht allzu großer Entfernung vom Flusse verlaufen, und da in dem von
W nach O verlaufenden Stück des Abiad viele große Suddversperrungen vorgekommen sind,
wollen wir als Nordostgrenze die Sobatmfindung nehmen. Die Südgrenze liegt bei Gabä