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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte — 55. Band, Nr. 3
Außer den für die einzelnen Gebiete typischen Durchschnittswerten der Vereisungsdauer ergibt sich in
diesem Zusammenlang lediglich, daß die nördlichen Stationen (in den Kurven Salmis und Luleä) eine weit gerin
gere Schwankung von Jahr zu Jahr aufzuweisen haben als die südlichen Häfen, eine Tatsache, auf die bereits an
anderer Stelle hingewiesen wurde.
Eine Periodizität würde für die Eisvorhersage eine entscheidende Bedeutung haben, die statistische Unter
suchung hat jedoch, wie gezeigt, hierfür keinerlei Anhaltspunkte gegeben. Es gibt jedoch noch einen anderen Weg,
um Anhaltspunkte für eine Eisvorhersage zu erhalten.
Wiese (Ann. 1922) konnte feststellen, daß zwischen der Lufttemperatur in Nordsibirien und der Eisbreitc
vor Ostgrönland, und entsprechend auch der Lufttemperatur in Nordisland, 4% Jahre später klare Beziehungen
bestehen. Schwere Eisjahre bei Nordisland bedingen wiederum eine Verlagerung der atlantischen Wirbeltätigkeit
von Island nach dem Skandik. Wiese kommt dann zu dem Schluß: „Die eisarmen Jahre sind somit Jahre inten
siver atmosphärischer Zirkulation, wie im Nordatlantischen Ozean so auch in Europa.“ In schweren Eisjahren
dringt jedoch das arktische Hoch in Verbindung mit der Ausbreitung des arktischen Eises nach Süden vor, in ent
sprechender Weise wird das Azorenhoch von normal 50° Breite auf 45° verschoben. „Man sieht, daß die starke
Ausbreitung von Polarwasser in den eisreichen Jahren eine merkbare Erschlaffung der nordatlantischen Minima
zur Folge hat, besonders stark büßt dabei das Minimum in dem Barentsmeer ein.“ „Diese Verschiebung der Iso
baren beeinflußt weiter den großen westlichen Ausläufer der sibirischen Antizyklone. Wir sehen, daß in den eis-
armen Jahren dieser Ausläufer an den Atlantischen Ozean reicht, indem er äich im westlichen Mitteleuropa zu
einem selbständigen Hochdruckgebiet ausbildet. In eisreichen Jahren verursachen die von der isländischen De
pression nach Süden eindringenden Isobaren ein starkes Zurüektreten des sibirischen Ausläufers.“
So weit die Schlußfolgerungen Wieses. Für das Gebiet des Bottnischen Meerbusens ergäbe sich daraus,
daß in schweren Eisjahren in der Arktis die Wahrscheinlichkeit milder Luftströmungen wegen der schwachen Aus
bildung des Barentsmeerminimums sehr gering ist und die nördliche Lage des Bottenbusens in Verbindung mit
der weiter südwärts vor sich gehenden Zyklonentätigkeit die Ausbildung gleichfalls schwerer Eisjahre bedingt.
Im Frühjahr, zur Zeit der größten Eismenge, werden sich die polaren Kaltluftströme, wie sie ohnehin für das
bottnische Gebiet typisch sind, in schweren Eisjahren intensiv gestalten und die Vereisung der nördlichen Teile
des Bottenbusens verlängern. — In leichten Eisjahren rückt die Wirbeltätigkeit weit nordwärts vor, das Barents
meerminimum bedingt über Nordeuropa milde Luftströmungen aus Südwesten, im Frühjahr fehlt dann infolge
geringerer Eismengen die Voraussetzung für polare Winde extrem kalten Charakters aus dem Barentsmeer.
Treffen die Untersuchungen Wieses zu, dann muß auch für den Bottnischen Meerbusen feststehen, daß
seine Eisverhältnisse mit denen des benachbarten Eismeeres im großen und ganzen parallel verlaufen, also auch
in 4%jähriger Spanne mit denen Nordsibiriens. Eine eigene Nachprüfung dieser Schlußfolgerung an Hand von
Eisbeobachtungen aus allen Gebieten war mir nicht möglich. Wie schon an anderer Stelle betont, spielt die
Barentssee für die Entwicklung der Eisverhältnisse im Bottenbusen eine ausschlaggebende Rolle, ist gewisser
maßen das meteorologische Aktionszentrum, dessen Wirkungen sich im Bereich des Bottenbusens mit den dort
herrschenden lokalen Faktoren verbinden und den Gang der Vereisung entsprechend modifizieren.