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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte — 55. Band, Nr. 3
Ort:
Küste ;
Windrichtung:
Temperatur:
Datum :
Haparanda
nördl.
Süd
+9°
23. 5.1925
Bjuröklubb
westl.
Südost
-F6°
59
Vasa
östl.
Südsüdost
+ 13°
55
Haparanda
nördl.
Südost
+ 8°
29. 5.1926
Bjuröklubb
westl.
Nordost
+3°
59
Vasa
östl.
Ost
+ 17°
26. 6.1927
Bjuröklubb
westl.
Ost
+ 14°
55
Härnösand
westl.
Ost
+ 13°
55
In der Weise ließen sich noch zahlreiche Beispiele anführen, die dafür sprechen, daß im späten Frühjahr
das Meer bereits abkühlend auf die darüber streichenden Luftströmungen wirkt. Die Ursache liegt darin, daß
die Landwinde schon erheblich erwärmt sind, dagegen die See noch kalt ist, obwohl Eis um diese Zeit nicht mehr
in größerer Menge anzutreffen ist. Man muß also auch diese Einwirkung zu jener zweiten Gruppe rechnen, wo
nach das durch das Eis abgekühlte Meerwasser seinerseits erniedrigend auf die Temperatur einwirkt. Ein direkter
Einfluß des Eises auf die Lufttemperatur läßt sich auf diese Weise nicht nachweisen.
Bei Besprechung der Landlösungserscheinung des Eises im Norden konnte jedoch eine ähnliche Erschei
nung festgestellt werden. Infolge starker Eismassen noch im späten Frühjahr in der nördlichen Bottenwiek
wird die Wärme der Landwinde auf das Schmelzen des Küsteneises verbraucht, und über dem Meereise liegt dann
eine wenig mächtige, kalte Luftschicht. Damit ist also erwiesen, daß ein direkter Einfluß tatsächlich unter
diesen Umständen nachweisbar ist; er ist jedoch lokal sehr beschränkt und kann sich in den Wetterkarten natur
gemäß nicht bemerkbar machen. Es handelt sich hierbei lediglich um eine untergeordnete Erscheinung, die zwar
die Theorie bestätigt, jedoch in der Praxis nicht ins Gewicht fällt, da eine Einwirkung auf das Klima größerer
Gebiete damit noch nicht festzustellen ist. Zyklonale Winde dürften meistens dafür sorgen, daß eine rasche
Durchmischung stattfindet, da ja die abgekühlte Luftschicht nur sehr dünn ist.
Es bleibt also nur noch die zweite Methode des Nachweises eines Einflusses des Eises auf das Klima übrig:
die Erniedrigung der Wassertemperatur und damit der der Luftströmungen, wie es bereits aus der oben angeführten
Tabelle ersichtlich ist. Hier sind noch einige Bemerkungen allgemeiner Natur über die Herabsetzung der Wasser
temperatur in der Nähe von Eis am Platze.
Pettersson (zitiert bei Baschin [Ann. 1913]) gliederte den Schmelzvorgang des Meereises (hier Eisberge)
folgendermaßen: 1. das durch das Eis abgekühlte Meerwasser sinkt nach unten; 2. als Ersatz dafür strömt von
allen Seiten warmes Seewasser nach dem Berge hin; 3. ein Teil des Schmelzwassers breitet sich vom Eise her in
dünner Schicht über dem Seewasser aus. Barnes hatte sogar eine Steigerung der Temperatur in der Nähe des
Eisberges um 2—3° festgestellt, erst unmittelbar am Eise fand ein starker Abfall statt, danach wird ein Aus
breiten kalten Schmelzwassers an der Oberfläche gänzlich in Abrede gestellt. Nach Aitkin soll jedoch eine kalte
Deckschicht bestehen, im ganzen würden sich die Schichten mit gleicher Temperatur zum Eise hin senken.
Demnach scheint es noch keineswegs klar zu sein, wo das kalte Schmelzwasser des Eises im Meere ver
bleibt, für eine Beeinflussung der Luft ist es jedoch von Wichtigkeit, ob sich eine kalte Deckschicht ausbreitet
oder ob sich das kalte Wasser bald mischt oder gar zu Boden sinkt. Eine Verallgemeinerung der Verhältnisse bei
einem Eisberge im Ozean auf die der Ostsee ist nicht möglich, da wir bei dem Bottnischen Meer
busen ein salzarmes, gegen Ende der Vereisung stark ausgekühltes Meeresbecken vor uns haben. Vielmehr wird
sich hier sehr wohl eine kalte Deckschicht ausbreiten können, da diese spezifisch leichter ist als das tiefere
Wasser; ob sie aber größere Teile außerhalb des Eisgebietes erreicht, ist eine andere Frage, die hier offen ge
lassen werden muß. Jedenfalls ist die Deckschicht des Schmelzwassers, wie auch aus den Salzgehaltsminima der
nördlichen Stationen in der Nähe der Küste hervorgeht, nicht sehr mächtig, so daß eine Vermischung sehr bald
eintritt.
Im Mai und Juni macht sich, wie bereits erwähnt, die abkühlende Wirkung des Seewassers voll geltend,
da die Erwärmung des Landes dann bereits weit vorgeschritten ist; die Abkühlung erreicht hier infolge der
späten Eisschmelze in dieser Zeit größere Werte, als sie sonst im Frühjahr an den südlicheren Küsten allgemein
sind; denn es muß ja stets berücksichtigt werden, daß zu dieser Zeit nicht die Tatsache der Abkühlung, sondern
der Grad der Abkühlung auf den Einfluß des Eises schließen läßt. Darum ist es auch sehr schwer, an Hand des
noch sehr geringen Beobachtungsmaterials verläßliche Werte zu errechnen.
Die im Frühjahr recht häufigen kalten Nordostwinde an der schwedischen Küste stehen, soweit es sich um
die Zeit vor der Erwärmung des Festlandes handelt, nicht mit der Eisbildung im Bottenbusen in direktem Zu
sammenhang. Vielmehr entströmen diese kalten Luftmassen dem Nördlichen Eismeer, queren den nördlichen
Teil von Skandinavien und erreichen die Küsten der Bottenwiek noch mit sehr tiefen Temperaturen. Zwar werden
sie über der mit Eis angefüllten Bottenwiek nicht angewärmt, wfie das sonst bei Meeren der Fall ist; die allge
meine Kälte, die bei diesen Luftströmungen herrscht, ist aber eine Folge des thermischen Charakters dieser Winde,
bereits ehe sie den Bottenbusen erreicht haben. Vielmehr haben wir in der kalten Märzperiode, wo die Ausbildung