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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte — 55. Band, Nr. 3
des Meereises, wie sie Granquist für den Winter 1916/17 anführt, in den übrigen Wintern nicht gegeben waren.
Das singuläre Vorkommen dieses extremen Winters mit dem späten Eisgang spricht dafür, daß alle Zufälligkeiten,
wie sie die Schlußfolgerungen Granquists erfordern, hier ausnahmsweise eingetroffen waren. Zu diesen Zufällig
keiten, die erst zusammen diese Wirkung haben konnten, gehört: 1. starke Eisbildung im Winter, 2. später kalter
Frühling, 3. reichliche Schmelzwasserzufuhr an der Küste, 4. starke Erwärmung des Festlandes, 5. mangelnde
Sonneneinstrahlung über dem Meere, 6. Fehlen offenen Wassers im Meere bis weit in den Frühling hinein,
7. Fehlen zyklonaler warmer Winde sowie starker ablandiger Winde, 8. Ausbildung einer ruhigen Strahlungs
wetterlage mit monsunartigem Charakter {d. h. Erhaltung der abgekühlten Meeresluft und Ausbleiben warmer
Landwinde über der Meeresoberfläche; erst über jener untersten Schicht kann sich die warme Luftströmung aus
breiten, Nebelbildung an der Grenze nach unten verursachend).
W'ährend der Zeit des Flußeisganges liegt das Küsteneis meist noch fest und erhält somit Landeis zugeführt.
Dies bedingt zwar in den Flußmündungsgebieten quantitativ eine Vermehrung der Eismassen, qualitativ jedoch
eine Verschlechterung, da durch den Eisgang des Flusses meistens das feste Küsteneis aufgebrochen wird und
dann rasch in Bewegung und Abdrift gerät. Es ergibt sich also eine geringe Zeitspanne zwischen Eisgang auf
dem Fluß und im Hafen bzw. an der Küste. Für Luleä betrug diese Spanne z. B. 1905/06 nur drei Tage, hier war
aber ein sehr milder Winter voraufgegangen.
Die Spanne zwischen letztem Frost und letztem Eis, die nach Steffens als „Tauspanne“ bezeichnet sein mag,
beträgt für die Küstengebiete der nördlichen Bottenwiek durchschnittlich einen vollen Monat, nämlich von Ende
April bis Ende Mai. Frühes Aufhören des Frostes verkürzt diese Spanne, während später Frost sie verlängert (vgl.
das vorher über Landlösung Gesagte; ferner II b 16 und 18).
Sind also strenge und lange Winter im Frühjahr durch die Erscheinung der Landlösung des Küsteneises
gekennzeichnet, so kehrt sich dieser Zustand in milden Wintern in das Gegenteil um, indem dann das Küsteneis
nächst der Küste zuletzt verschwindet und die äußeren Gebiete zuerst eisfrei werden. Dieses war z. B. 1907/08 der
Fall, wo Luleä am 23. April eisfrei meldet, also beinahe einen Monat früher als normal, während Klintarna eine
Seemeile meerwärts, am Rande des Schärenhofes gegen das freie Becken, schon am 12. April eisfrei war.
Bei einem Vergleich des im vorhergehenden besprochenen Gebietes mit anderen „Eismeeren“ ergibt sich
die interessante Tatsache, daß die Erscheinung der „Landlösung“ des Eises, die auf die nördliche Bottenwiekküste
beschränkt ist, charakteristisch für die polaren Küsten des Eismeeres ist. Dort vollzieht sich der Schmelzprozeß
ebenfalls parallel dem Gefrierprozeß: nämlich von der Küste ausgehend. Abgesehen von milden Wintern, die
diese Erscheinung vermissen lassen, verhält sich die Bottenwiek in diesem Punkte völlig abweichend von den
übrigen Teilen des Bottnischen Meerbusens. Parallelen ergeben sich ferner noch mit dem Weißen Meere. Richter
(1934) schreibt z. B.: „Unterschiede zwischen strengen und milden Wintern sind in den Breiten des Weißen Meeres
längst nicht so ausgeprägt wie z. B. an der deutschen Ostseeküste. Ziemlich regelmäßig beginnt dort der Frost
Mitte bis Ende Oktober und dauert mit Ausnahme von ganz unbedeutenden Unterbrechungen zu Beginn und
Ende des Winters bis Anfang Mai.“ Am ehesten lassen sich noch die Kandalakscha- und Mesen-Bucht mit dem
hier besprochenen Gebiet vergleichen. Freilich sind die hydrographischen Voraussetzungen völlig anders, indem
dort Salzgehalt und Gezeitenwirkung sehr wesentlich sind.
Die Bottenwiek, namentlich ihr nördlicher Teil, spielt also, wenn man die Ergebnisse zusammenfassen will,
im Verhältnis zu den umgebenden Meeresteilen der Ostsee, ja des Bottnischen Busens, sowie den benachbarten
Buchten des Eismeeres (Weißes Meer) eine selbständige Rolle. Hinsichtlich der Dauer der Vereisung ist die
Bottenwiek eher noch ungünstiger gestellt als das Weiße Meer.
2. Der nordfinnische Schärenhof.
Die Eisverhältnisse des nordfinnischen Schärenhofes ähneln denen der nördlichen Bottenwiek in vielen
Zügen, zeigen aber einige Abweichungen, die es erlauben, dieses Gebiet für sich zu besprechen.
Im Herbst beginnt die Eisbildung etwas später als im nördlichsten Gebiet; in dem sehr strengen Winter
1919/20, der sich durch sehr frühe Kälte auszeichnete, waren die Gewässer von Jakobstad erst am 22. November
für die Schiffahrt geschlossen. Auch aus einem Vergleich der finnischen Eiskarten geht hervor, daß die Eisbildung
fast stets südlich von Marjaniemi—-Festland später beginnt. Der Verlauf der Vereisung unterscheidet sich dann
nur wenig von dem der nördlichen Küsten, es bildet sich ein Festeissaum aus, der bis an den Rand der Schären
gebiete reicht. Mechanisch begünstigt wird die Eisbildung im Herbst und Frühwinter noch durch vorwiegende
südwestliche Winde, die aber infolge ihrer höheren Durchschnittstemperatur den späteren Einsatz mit verursachen.
Für die südlicheren Teile dieses Gebietes hat Hellström festgestellt, daß die Vereisung in der Hauptsache bei Ost
winden geschieht, die aber sehr oft ein Wegtreiben des Eises von der finnischen Küste verursachen. Inwieweit diese
Feststellungen auch für den Teil nördlich des Kvark zutreffen, ist noch nicht genauer untersucht; es besteht Anlaß
zu der Annahme, daß sich die Windverhältnisse nordwärts ähnlich gestalten. Im Frühwinter treten Ostwinde erst
sehr selten auf.
Damit stimmt auch überein, daß die schwedische Seite in diesen Breiten später vereist als die finnische
(Ostseehandbuch). Treten nämlich kalte Ostwinde im Frühwinter schon auf, dann wird sich an der finnischen
Seite Eisbildung zeigen, an der schwedischen aber werden diese Winter wesentlich wärmer erscheinen, da das
Meer dann noch einen großen Wärmeüberschuß besitzt. Wehen jedoch Südwestwinde, wird das Eis auf der