Dr. Joachim Blüthgen: Die Eis Verhältnisse des Bottnischen Meerbusens
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Die einzige Veränderung des Eisgürtels besteht in der mehr oder weniger raschen Stärkezunahme. Wenn
man danach die Kulmination der Vereisung in den Küstengebieten feststellen will, so ergibt sich dafür die Zeit
von Mitte bis Ende März; 1916/17 nahm das Eis sogar bis zum 6. April noch zu, erst danach machte sich eine
Abnahme geltend. Die Zunahme im Frühjahr kann natürlich, um die schmelzende Wirkung der Sonneneinstrah
lung aufzuheben, nur durch sehr strengen Frost geschehen, während im mathematischen Mittwinter dafür nur
eine wesentlich geringere Kälte erforderlich ist, wie allein schon aus der frühen Vereisung hervorgeht (vgl. oben).
Die maximale Dicke des Eises zur Zeit der Kulmination beträgt nach einigen Meldungen durchschnittlich
80—90 cm, nur in strengeren Wintern steigt sie auf 100 cm.
Inwieweit beim Zustandekommen des Küsteneisgürtels auch Grundeis beteiligt ist, dessen Vorhandensein
Ackermann (1891) anzunehmen glaubt, möchte ich unentschieden lassen. Die geringe Tiefe wäre dafür an sich
günstig.
Im April, z. T. auch schon im März, beginnt das Eis endgültig an Stärke zu verlieren. Ausschlaggebend
dafür ist zunächst nur die Einstrahlungswärme am Tage, die Luft und Wasser über bzw. neben dem Eise oder in
dessen Nähe erwärmt, während die Eisfläche selbst den größten Teil der Strahlen reflektiert. Da der Tagesbogen
der Sonne in der Zeit des Eisganges bereits sehr lang ist, kann die nächtliche Austrahlung oder die Zufuhr polarer
Kaltluft diesen täglichen Wärmeüberschuß nicht mehr völlig wett machen, so daß also der Zerfall des Eises vor
sich geht. Zyklonale Winde, die gelegentlich eintreten, vermögen dann an einem gewissen Zeitpunkt, den man
analog der „Eisreife“ als „Schmelzreife“ bezeichnen kann, das poröse Eis aufzubrechen, dies wird zum Teil auch
durch den Eisgang der Flüsse besorgt, da diese in der Regel wegen der rascheren Erwärmung des Festlandes eher
aufbrechen.
Als Termin für das Aufbrechen des Küsteneises kann man Mitte bis Ende Mai annehmen, selten reicht das
eigentliche Festeis noch bis in den Juni hinein; etwas anderes ist es mit dem Verhalten des Meereises außerhalb
der Schären, worauf an anderer Stelle eingegangen sei. Namentlich Kemi scheint am längsten vereist zu sein,
indem nach den finnischen Berichten hier der durchschnittliche Eisgang etwa auf den 7. Juni fällt.
An dem Aufbrechen des Eises können sich aber auch Wasserstandsschwankungen beteiligen, die z. B. am
15./16. Mai 1915 die letzten Festeisreste an der Küste aufgebrochen haben. Im Hochwinter dürften Wasserstands
schwankungen hier nicht die gleiche Wirkung haben, da dann ein Einbiegen eher als ein Abbrechen zu erwarten
ist, lediglich das sehr poröse Eis im Frühjahr bricht leicht ab. Diese Beobachtung kann man in unseren deutschen
Gewässern jedes Jahr machen.
Es fehlt jedoch auch nicht an Tatsachen, die einen frühzeitigen Aufbruch des Eises verhindern; so können
Packeiswälle am Rande des Festeisgürtels, die noch dazu vielfach auf dem Grunde festsitzen, dessen Aufbruch
verhindern.
Starke Bewölkung im Verein mit kalten Nordostwinden wird ebenfalls nachteilig auf den Schmelzvorgang
wirken und die Eisbedeckung verlängern. Da im Frühjahr Winde zwischen N und E vorherrschen, die aus dem
Eismeer kalte Luft herantransportieren, wird natürlich zunächst eine Erwärmung verzögert, die Verzögerung ist
demnach nicht auf das Eis der Bottnischen Wiek selbst zurückzuführen (vgl. auch später). Andererseits haben
diese Winde die Wirkung, in dem Nordostwinkel der Bottenwiek das Küsteneis aufzubrechen und meerwärts zu
verfrachten, so daß demnach eine Begünstigung der finnischen Seite des hier besprochenen Gebietes während des
Eisganges gegeben ist.
Wenn die mechanischen Vorgänge ausgeschaltet sind, und nur die Sonneneinstrahlung wirksam ist, ge
schieht es sehr häufig, daß das Schmelzen von der Küste unmittelbar aus beginnt. Die Ursache dieses Phänomens
liegt darin, daß sich das Land rasch erwärmt hat, desgleichen auch das Schmelzwasser entlang der Küste, so daß
dadurch von der Küste aus das Eis am meisten angegriffen wird. Auf diese Weise erhalten wir eine Erscheinung,
die in Übersetzung des schwedischen Ausdrucks „landlöshet“ hier mit „Landlösung“ bezeichnet sein mag. Die
Karte über die Eislage vor Toppila am 25. Mai 1923 (vgl. Abb. 36) zeigt eine solche Erscheinung. Starke Eis
bildung im Winter und Verspätung des Eisganges infolge anderer Ursachen begünstigen die Ausbildung einer
derartigen Eislage. Über die Folgen dieser Landlösung sei folgendes gesagt, was hier über den Raum des Küsten
gebietes allerdings noch hinausgeht, in diesem Zusammenhang jedoch behandelt werden muß:
Die über dem Lande stark angewärmte Luft streicht über das Küsteneis und wird dort großenteils ihre
Wärme abgeben, da das Küsteneis sie zum Schmelzen aufbraucht. Das weiter meerwärts gelegene Eis erreichen dem
nach Luftmassen, deren unterste Schicht erheblich abgekühlt ist, so daß dort die Wirkung hinsichtlich des
Schmelzens nur noch gering ist. Da die Lufttemperatur über dem mit Eis gefüllten Meer sowieso noch niedrig
ist, muß sich dadurch ein Aufgleiten der warmen Luft über die kalte unterste Schicht ergeben. Dies wieder be
dingt häufige Nebelbildung, die ihrerseits die Einstrahlung über dem Meere vermindert. Trotzdem im Juni 1917
sehr hohe Temperaturen über dem Lande herrschten, hielt sich über dem Meere das Eis noch bis in den Juli. Am
6. Juli wurde noch bei Tauvo und Brahestad im Meere Eis gesichtet.
Diese Erklärungsmöglichkeit für die „Landlösung“ des Eises in strengen Wintern zeigt somit eine Verkettung
von Einflüssen, wie sie nur für einige wenige Fälle zutreffen kann. Granquist (Ilavsforskningsinst. Skr. 50) hat
diese Erklärung für den Winter 1916/17 ausführlich dargelegt; in anderen Wintern hat sich eine so extreme
Wiederholung dieses Falles nicht gezeigt, obwohl „Landlösung“ auch in anderen Wintern beobachtet wurde, die
aber nie zu einer so langen Dauer des Eisvorkommens im Meere führte, so daß auch die Gründe für die Erhaltung