Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte — 53. Band Nr. 6
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wie sie unsere kleinen, aber tief eingeschnittenen Buchten erfordern, unmöglich. Die Welle würde, bevor
sie Punkt C erreichte, schon brechen. Der Vorgang nach Philippson mag indes für größere Buchten zu
treffen.
Der von mir oben beschriebene Vorgang tritt aber nur ein, wenn die Welle senkrecht auf das Ufer trifft.
Da aber die häufigsten Stürme in unserm Gebiet bei nordwestlichen Winden eintreten, erfolgt der Angriff
selten senkrecht zum Ufer. Die Wellen kommen also aus dem Nordwesten in einem bestimmten Winkel zum
Ufer herangerollt. Es erfolgt zwar eine Ablenkung
der Wellen zur Tiefenlinie hin, aber diese ist nie
mals so stark, daß ein völliges Herumschwenken
der Welle erfolgt. Sie trifft also immer schräg auf
den Einschnitt. Aus diesem Grunde erreicht der
Wellenkamm bei B zuerst das Ufer (Skizze 11,
Fig. 6). Er läuft also schon, bevor das andere
Ende bei A herangekommen ist, am Ufer bei B
entlang, ohne es wesentlich anzugreifen. Hat der
obere Teil des Wellenkamms bei A den Einschnitt
erreicht, beginnt die Pressung. Die beiden Enden
fangen an, wie schon oben beschrieben wurde,
am Ufer des Einschnitts voraufzulaufen. Da das
Ende bei B schon ein Stück in die Bucht vorge
drungen ist, hat es bis C nur einen kurzen Weg
zurückzulegen. Es eilt daher über C hinaus und
trifft sich zwischen A und C mit dem anderen
Ende des Wellenkamms. Hierdurch vollzieht sich
eine Umgestaltung des Einschnittes. Während die Schenkel des Einschnitts bei senkrechtem Angriff fast
gleich lang bleiben, werden sie jetzt ungleich. Der Schenkel BC ist wegen des geringeren Angriffs kürzer
als der Schenkel AC.
Bei A ist der Angriff von Anfang an intensiver, weil hier die Pressung sofort einsetzt. Wir können
tatsächlich bei allen Buchten unseres Gebiets feststellen, daß die dem Nordwestwind entgegengerichtete
Seite länger ist, als die andere. (Siehe Bild 24).
Auf Grund dieser Beobachtung muß ich
nochmals auf Philippson zurückkommen. In
Fig. 9 zeigt Philippson die Veränderung der
Küstenform bei schräg auftreffenden Wellen.
Die Figur ist abweichend von den eben gemach
ten Feststellungen gezeichnet. Bei der von ihm
eingezeichneten Windrichtung müßte die lange
Uferseite der Bucht umgekehrt liegen. (Siehe
Fig. 8 und 9.)
An dieser Stelle wäre es vielleicht ganz an
gebracht, wenn ich auf die von Wrage aufge
worfene Frage, ob eine Ablenkung der Wellen
zur Tiefenlinie erfolgt oder nicht, näher eingehe.
Ich habe beobachten können, daß diese Ablen
kung tatsächlich stattfindet. Wenn in meinem
Gebiet z. B. nördlicher Wind herrscht, stehen
die Wellenkämme im Fahrwasser senkrecht zum
Ufer. Trotzdem aber laufen sie in der Nähe des Küstensaums schräg gegen das Ufer. In der Nähe des Bielen
berger Hafens waren während einer Sturmflut zwei Fahrwassertonnen, die gereinigt werden sollten, an einem
Baum befestigt worden. Sie schwammen während der Sturmflut im Wasser, da das ganze Vorland über
schwemmt war. Es herrschte nördlicher Wind. Die Tonnen wurden aber von den Wellen statt nach Süden,
wie man doch erwarten sollte, in die nördliche Richtung geschleudert, also gegen den Wind. Man konnte
auch deutlich sehen, daß die Wellen, durch das Hafenufer abgelenkt, fast gegen den Wind anliefen.
Auf diese Beobachtung wurde ich von Herrn Tonnenleger Schröder aufmerksam gemacht. Die Fischer
erklärten mir, daß sie bei Sturm mit der Ablenkung der Wellen zu rechnen hätten.
Ich halte daher die Bedenken Wrages nicht für berechtigt.
Skizze 12. Figur 8 und 9.