Gerhart Sehinze: Die praktische Wetteranalyse.
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schiedenheit zwischen Gradientwind und Bodenwind verhältnismäßig viel größer sein als hei sehr großen
Windstärken. Im Sinne von Guilbert müssen daher diese Winde, die außerdem akzelerieren, unternormal
sein. Nicht weil die Winde zu schwach sind, vertieft sich das barometr. Mini
mum, sondern bei einer in der Entwicklung begriffenen Zyklone sind die Boden
winde im allgemeinen noch schwach. Bei den an der Grenzlinie (Abrollungslinie) zwischen
Kaltmasse und Warmmasse entstehenden Wellenstörungen (im Isobarenfelde Zwischenhoch und Teil
tief oder bei Umkreisung einer Zentralzyklone auch Hochdruckkeil und Tiefausläufer) ist in dem Ge
biete, das sich vor einer herannahenden thermischen Zyklone befindet, ein Auseinandergehen der Isobaren
und ein Divergieren bzw. Krimpen des Windes besonders typisch. (Vgl. hierzu auch die dritte Guilbert-
Regel: „Eine Zyklone bewegt sich gegen ein Gebiet divergierender bzw. krimpender Winde“.) Mit Hilfe
der luftmassenmäßigen Arbeitsmethoden sind aber gerade die von Guilbert behandelten Fragen der Ver
tiefung und Ausfüllung der barometrischen Minima ohne besondere Schwierigkeiten zu beantworten.
Bergeron ist in seinen Arbeiten („Wellen und Wirbel“, bzw. „Die dreidimensional verknüpfende Wetter
analyse“) ausführlich auf diese Fragen eingegangen.
Wir gehen jetjt zu den Regeln über, die Begleiterscheinungen wandernder Zyklonen behandeln.
1. „Die Geschwindigkeit des Cirruszuges gibt noch das beste Anzeichen eines Witterungswechsels; je
rascher die Cirren am Himmel ziehen, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß Niederschlag innerhalb
kurzer Zeit fallen wird. Auch die Richtung des Cirrenzuges ist insoweit ausschlaggebend, als Cirren (speziell
für Mitteleuropa gültig) aus Süd, Südwest, West oder Nordwest meistens bei davon abweichender Richtung
der unteren Winde die eigentlichen Schlechtwettercirren sind, während Cirren aus östlicher Richtung be
deutend seltener von Regen gefolgt sind.“ (Defant 15, I, S. 198). Diese speziell auf mitteleuropäische Ver
hältnisse zugeschnittenen Regeln besagen nach luftmassenmäßigen Arbeitsmethoden, daß:
1. Cirruswolken mit sehr rascher Trift, die einem Zyklonensystem angehören, das kurz vor der Ver
wirbelung steht (oder diese gerade erreicht hat) und somit ein Maximum von kinetischer Energie (und
damit auch Fortpflanzungsgeschwindigkeit) aufweist. Solche Cirren sind mit Recht als Vorboten von Ein
trübung, Niederschlag bzw. Sturm anzusehen.
2. Während die Winde der unteren Luftschichten (in der Kaltmasse) noch dem vorangegangenen
Zirkulationssystem angehören, bewegen sich die Cirren mit den Höhenwinden, die häufig in der Bewegungs-
richtung mit der Warmmasse der herannahenden Zyklone übereinstimmen. Mit Hilfe dieser „indirekten
Aerologie“ deuten also die Cirren die Bewegungsrichtung der Zyklone an (vgl. a. Hesselberg 28 und
Palmen 40 und 42).
3. Bei Cirrenzug aus Ost bis Nordost wird es sich in Mitteleuropa meist um bereits okkludierte
Warmluftmassen, also Warmluftschalen handeln, die bei ihrer Westwärtsbewegung zwar Wolkensysteme,
aber seltener zusammenhängende Regengebiete erzeugen. Cirrenzug aus Siidost dagegen deutet gerade für
Mitteleuropa (und Südskandinavien) in verhältnismäßig zahlreichen Fällen auf in der Höhe bereits nord-
westwärts fließende Warmmassen hin. Die Cirren aus Südost sind also gerade Vorboten von Warmluft
vorstößen mit häufig nachfolgenden stärkeren Niederschlägen.
Die Struktur der Cirren gibt in den meisten der nun angeführten Fälle bereits Aufschluß über das
Entwicklungsstadium der zugehörigen Zyklone, und infolge der Parallelität der Streifrichtung der Cirren
mit der Längserstreckung der Front ist bereits am Himmel die Anordnung der nahenden Hauptfronten zu
erkennen (vgl. auch Moese 31). Im neuen Kopenliagener Schlüssel ist besondere Rücksicht auf die
verschiedenen Arten der Cirren genommen. (Vgl. auch Wolkenfeld bei den einzelnen troposphärischen
Hauptluftmassen Mitteleuropas.)
I. Polarbanden sind wahrscheinlich die letjten Reste thermisch toter Zyklonen, die Streichungs
richtung (Radiation) verläuft dabei parallel der noch schwach vorhandenen Troglinie der Störung, die recht
oft im Druckfeld (Barogramm) noch als schwacher Knick wahrnehmbar ist. Das Auftreten von Polar
banden ist ein Zeichen, daß das antizyklonale System bereits seinen Höhepunkt überschritten hat (ab