Gerhart Schinze: Die praktische Wetteranalyse. 57
Außer den bisher beschriebenen, rein orographischen Störungen verhaften sich auch hohe Kaltluft-
massen den andrängenden Warmluftmassen gegenüber ähnlich wie die Gebirgsmassive. Besonders er
wähnenswert sind dabei die großen Vorstöße von cAK von Nowaja-Semlja über Westrußland nach Mittel
europa, die fast in keinem Winter ganz fehlen, sich jedoch je nach Vorhandensein und Höhe bzw. Mangel
einer geschlossenen Schneedecke ganz verschieden verhalten. Nach erfolgtem AK-Einbruch, der meist unter
Schneefällen stattfindet, kommt es durch Strahlungskälte und Ausbildung einer kältesten Bodenschicht
(Bodeninversion) zu einer weiteren Verstärkung des Kaltluftblockes. Nun entstehen für Mitteleuropa zwei
ganz verschiedene Lagen: Entweder den andringenden Warmluftmassen gelingt es (und dies tritt in der
Mehrzahl der Fälle ein), die Schneedecke abzuschmelzen, die Kaltmassen abzubauen und weitere Eigen
kaltluftproduktion in den untersten Schichten durch verhinderte Ausstrahlung (infolge des in der Höhe
stattfindenden Aufgleitens der Warmluft) zu unterbinden, wodurch natürlich die Beendigung der Kälte
periode eintritt. Oder aber in bei weitem selteneren Fällen vermögen die Warmluftmassen die Schnee
decke nicht abzuschmelzen, ja die zuerst fallenden Aufgleitniederschläge der andringenden Warmluft
bringen der Schneedecke sogar noch einen Zuwachs, und bei erneut einsetjender Ausstrahlung ist mit einer
Verstärkung des Kaltluftblockes zu rechnen. Im Fall 2 ist die arktische Frontalzone in Mitteleuropa bzw.
sogar Westeuropa stationär geworden, und zur Erhaltung dieser rein winterlichen Kältewelterlage findet
eine fortdauernde neue Zufuhr von arktischer Kaltluft meist in einem 5% tägigen Rhythmus statt. In
ganz seltenen Fällen kann es daun geschehen (bestes Beispiel: Januar—Februar 1929), daß wochenlang die
Warmluft nicht vermag den Kaltluftblods zu beseitigen. Die Warmmassen und damit auch die ihr zuge
hörigen Zyklonen (bzw. barometr. Minima) ziehen dann nördlich und südlich des Kaltluftblockes, wobei
sich im Süden über dem Mittelmeer Neubildungen zwischen der Kaltmasse des Blockes und der Warmluft
einstellen, die zu einer fortgesetzten Schwächung des Kaltluft-Massives führen. Andererseits bringt die
Zyklogenese im Norden eine Kräftigung des Kälteblockes, da hier die zur Zyklogenese benötigte Kaltluft
der Polarkalotte entnommen wird, wodurdi nunmehr von Norden her der Kaltluftblock erneut ver
stärkt wird.
Eine weitere Regel von van Bebber (van Bebber 2, Defant 16, II, S. 131, und Hann, S. 588) behandelt
die wahrscheinliche Fortpflanzungsrichtung eines barometr. Minimums: „Ist die Verteilung von Luftdruck
und Temperatur in der Umgebung der Depression die gleiche, liegen also hoher Druck und hohe Tem
peratur in gleicher Richtung, so erfolgt die Fortpflanzung der Depression nahezu senkrecht auf die
Richtung des Luftdruck- und Temperatur-Gradienten (d. h. sie folgt der Richtung der Isobaren).“ Im
warmen Sektor einer noch nicht okkludierten Zyklone ist die vorherrsdiende Windrichtung die gleiche wie
die im peripheren Teile der warmen Antizyklone herrschende und ist für das Fortschreiten der Störung
während der nächsten etwa 8—12 Stunden maßgebend. Die Zyklone läßt daher die hohe Temperatur und
den höchsten Druck zu ihrer Rechten liegen. Ist die Zyklone dagegen bereits okkludiert, so bewegt sie
sich mit oder besser in der allgemeinen Strömung weiter. In vielen Fällen dreht sie sich dabei um ein
dynamisches, zumindest in den unteren Schichten der Troposphäre warmes, antizyklonales Aktionszentrum
(vgl. weiter unten). Aber auch in diesem Falle wird die Regel bestätigt, da dann die Zyklone höheren Druck
und höhere Wärme ebenfalls zur Rechten liegen läßt.
VII. „Sind Luftdruck und Temperatur in entgegengesetztem Sinne verteilt und von gleichem Einfluß,
so wird dadurch die Bewegung der Depression gehemmt; sie kann stationär werden und eine länglich
verzerrte Form annehmen.“
In diesem Falle ist das Hochdruckgebiet, das als Gegenpol des wärmeren Gebietes hingestellt wird,
eine kalte, thermisch bedingte Antizyklone, welche die gleichen Wirkungen wie ein Gebirgsmassiv ausübt
(vgl. oben, Seite 56). Die Warmmasse der Zyklone wird dabei am weiteren Fortschreiten gehindert und diese
okkludiert rasch. Ihre thermisch-potentielle Energie wird am Rande der Barriere (an der quasistationären
Front) in kinetische Energie umgesetzt (häufig Stürme), und außerdem wird meist auch ein quasistationäres
Regengebiet auftreten. Im Druckfelde entsteht dabei die von van Bebber beschriebene, länglich verzerrte
Zyklone (besser barometr. Minimum).