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Ans dem Archiv der Deutschen Seewarte. — 52. Bd. Nr. ß
findet dieser Zusammenhang zwischen der Lage der Druckanomalie und der Temperaturanomalie darin,
daß die negative Temperaturdifferenz nach Norden immer größer wird, d. h. je weiter man sich von dem
südöstlichen Quadranten mit seinen warmen südwestlichen Winden entfernt. Während in Wien die Temperatur
differenz nur 0,28° beträgt, steigt sie in Breslau auf 1,97° und in Hamburg sogar auf 2,64°. Im föhnarmen
Januar wird im Gegensatz hierzu Mitteleuropa wegen seiner Lage im Nordostquadranten der über dem
Golf von Biskaya gelegenen positiven Anomalie von warmen ozeanischen Luftmassen überflutet. — Im
März sind die Temperaturunterschiede zwischen den beiden Fühnhäufigkeitsgruppen den schwächeren
Druckanomalien entsprechend (siehe S. 15) geringer, und Hamburg zeigt, auch im Februar seiner nördlichen
Lage wegen bei Föhnreichtum etwas niedrigere Temperaturen als bei Föhnarmut.
Der Wärmeüberschuß erreicht an allen Stationen sein Maximum im Monat November, in dem Mittel
europa in südöstlicher Richtung von dem weit nach Norden verschobenen, über England liegenden Zentrum
der negativen Druckanomalie liegt. Mitteleuropa steht ganz unter dem Einfluß der auf ihrer Südseite
einströmenden ozeanischen Lnftmassen (während im föhnarmen November kalte kontinentale östliche Winde
auf der Südseite der nun positiven Anomalie Mitteleuropa beherrschen). Im föhnreichen November
liegt die Temperatur imMon&ts mittel selbst in Hamburg um 2,04° höher a 1 s i m f ö h n -
armen November; die Temperaturdifferenz erreicht ihr Maximum in Mitteleuropa in Breslau mit 3,17"
(gegen 3,45° in Innsbruck in demselben Monat).
Zusammenfassend kann gesagt werden, daß (mit Ausnahme Hamburgs im Februar) ganz Mittel
europa im Februar, im Mai, im Juni und in den Monaten September bis Dezember
bei Föhnreichtum in den Alpentälern eine im Mona tsmittel z.T. beträchtlich höhere
Temperatur auf weist als bei Föhnarmut, ein Ergebnis, wie es auch für die Gipfel
und Talstationen der Alpen gefunden wurde.
Hieraus ergibt sich eine interessante Folgerung für den Zusammenhang der
Temperatur Mitteleuropas und der Entwicklung des Islandtiefs: Da, wie Hann zeigte,
die Entwicklung des Islandtiefs und die des Azorenhochs besonders im Winter gut korreliert 1 ), und
Föhnaktivität, wie oben nachgewiesen wurde, bedingt wird durch Schwächung und Rückzug des Azoren
hochs, also in Korrelation hiermit meist begleitet ist von relativ hohem Druck über Island, finden wir
relativ hohe Temperaturen im Monatsmittel über Mitteleuropa bei verringerter
allgemeiner Zirkulation der Atmosphäre und relativ niedrige Temperaturen bei
erhöhter allgemeiner Zirkulation*). Hann kam in seinen Anomalienuntersuchungen für den
Winter zu dem umgekehrten Schluß, indem er Brüssel als Repräsentativstation Mitteleuropas nahm. Dies
ist nicht angängig. In Brüssel sind die Temperaturdifferenzen zwischen den fölmreichen und den föhn
armen Monatsgruppen folgende:
I II 3 ) III ix x XI XII
— 0.99 — 0,51 —0,51 —0,07 — 0,03 +1,55 +1,40
Für die Monate Januar bis März, September und Oktober entsprechen die Temperaturdifferenzen den
auf Grund der Untersuchungen von Hann zu erwartenden. Sie sind nicht so groß wie sie für die Stationen
Mitteleuropas gefunden wurden. Daß der föhnreiche Januar kälter ist als der föhnarme, stimmt mit den
Temperaturen in Mitteleuropa überein; daß auch die Monate Februar und März bei Föhnreichtum kälter
sind als bei Föhnarmut, liegt an der nördlichen Lage Brüssels zu der negativen Anomalie bei Föhn
reichtum (bzw. zu der positiven bei Föhnarmut) über dem Golf von Biskaya. Ähnlich traf es schon für
Hamburg zu. Die geringen Temperaturdifferenzen im September und Oktober folgen daraus, daß Brüssel
ungefähr auf der Mittelachse der in diesen Monaten von Südsüdwest nach Nordnordost bzw. von Süd
südost nach Nordnordwest sich erstreckenden Anomalie liegt, also bei Föhnreichtum zwischen ihrer warmen
Ostseite und der kalten Westseite liegt. Die positiven Temperaturdifferenzen im November und Dezember
resultieren aus der bei der Diskutierung der mitteleuropäischen Stationen bereits erwähnten Verschiebung
der Druckanomalien nach Norden, so daß im November und Dezember auch Brüssel auf ihrer warmen
Südostseite liegt,
') J. Hann, Die Anomalien der Witterung ani Island in dem Zeitraum von 1851 bis 1900 und deren Beziehungen zu
den gleichzeitigen Witterungsanomalien in Nordwesteuropa. Sitzungsber. d. Wiener Akad. Bd. 113, Jan. 1904.
Ü.Wenn der Gradient zwischen den Azoren und Island zum Maßstab der allgemeinen Zirkulation genommen wird.
:i ) Unter Nichtberücksichtigong des föhnarmen Februar 1895, der mit einem Tiefdruckgebiet über den Azoren und einem
Hochdruckgebiet über Grönland nnd Nordwesteuropa im Monatsmittel eine ganz anormale Drnckverteilnng zeigt (siehe S. 14).