50
Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte. 52. Bd. Nr
e) Die Bewegungen des Eises.
Wir kommen nun zu den Bewegungen des Eises unter der W irkung der Luftströmungen.
Es ist bekannt, daß der Wind bei der Bewegung der Wassermassen des Ozeans eine bedeutende
Rolle spielt. Es braucht nur an die Aequatorialströme unter der Wirkung der Passate oder an die
Westwindtriften erinnert zu werden. Aber auch in der Ostsee läßt sich eine Abhängigkeit der Strö
mungen vom Winde nachweisen (i). (Im Gegensatz zur Nordsee, wo die Gezeitenströme die Trift-
strönie merklich überlagern, ist dies in der Ostsee nicht der Fall. Die freilich auch hier festzustellen
den Gezeitenströme sind von so untergeordneter Bedeutung, daß sie für unsere Untersuchungen nicht
in Frage kommen). Die Wirkung der Winde auf die Strömungen in der Ostsee ist allerdings nicht so of
fensichtlich wie auf dem Ozean, da sowohl der aus der Ostsee heraussetzende, durch die. überschüssige
Süßwasserzufuhr bedingte Baltische Strom, als auch die Küstenkonfiguration gerade in der Ostsee
eine die einfachen Verhältnisse stark verändernde Rolle spielen. Ganz besonders ist dies im Beltsee
gebiet der Fall, wo eine direkte Abhängigkeit des Stromes vom Wind nur für stürmische Winde
nachzuweisen ist (2).
Die Sachlage ändert sich aber sofort, wenn wir statt der W asseroberfläche eine schwimmende
Eisfläche betrachten: denn diese bietet infolge ihrer rauhen Beschaffenheit dem Winde eine sehr viel
größere Angriffsfläche dar. In verstärktem Maße ist dies bei treibenden einzelnen oder zusammen
gefrorenen Eisschollen der Fall. Es kommt hinzu, daß die Süßwasserzufuhr während der Frost
periode unterbunden ist, da die Flüsse vereist sind und die Niederschläge in fester Form nieder
gehen, somit beide Faktoren als stromerzengende Momente nicht in Erscheinung treten. Darum ist
eine Abhängigkeit der Eisbewegung vom Winde in der Ostsee mit großer Wahrscheinlichkeit zu er
warten. — Das Material, das die Grundlage zur Untersuchung dieser Eisbewegungen bildet, entnehmen
wir den Tagebuchaufzeichnungen (3) der festgeratenen, mit dem Eise treibenden Schiffe. Von den
12 während der Eisperiode des Winters 1928/29 stattgefundenen Triften sollen die wichtigsten in
folgenden Ausführungen Erwähnung finden. Vorher aber wollen wir uns kurz über frühere Eis
triften unterrichten und das Material dieser mit dem unserer Ostseetriften vergleichen.
Es sind dies die Triften folgender Polarexpeditionen:
1) Die Trift der Fram über das Nordpolarbecken während der Expedition Nansens von 1893/96.
2) Die Trift der Deutschland im Eise der Weddellsee (Deutsche Antarktische Expedition) vom 8.
März bis 25. November 1912. bearbeitet von W. Brennecke.
3) Die Trift der Maud auf dem Nordsibirischen Schelf vom 8. 8. 1922 bis 9. 8. 1924. bearbeitet
von H. U. Sverdrup (4).
Zwischen diesen drei Polartriften und denen der Ostsee bestehen nun grundsätzliche Unter
schiede, auf die hier näher eingegangen werden so 11, d a sie für die folgenden Untersuchungen von
Bedeutung sind.
1) Die Polartriften ereigneten sich fern von Land in größeren Meeresgebieten. Dagegen spielen
sich unsere Ostseetriften in allernächster Nähe des Landes ab, in Meeresteilen, die wir im
Vergleich mit jenen Polarmeeren sehr gut mit langen schmalen Kanälen vergleichen können.
2) W enn wir die Zeiträume der Triften betrachten, erkennen wir, daß die Trift der Fram (4)
eine Dauer von drei Jahren, die Trift der Deutschland (5) eine Dauer von acht Monaten, und
1) L. Dinklage. Die Oberflächenströimmgen im südwestl. Tlieile d. Ostsee u. ihre Abhängigkeit v. Winde.
Ami. d. Hydr. usw. 1S88. S. 1.
2) H. Spethmau n. Studien z. Ozeanographie der südwestlichen Ostsee. Int. Revue d. gesamt. Hydrogr.
u. Hydrobiol., Band V. Hydrogr. Sltppl. 5. Serie. S. 15.
3) Kleine Wetterbücher der Deutschen Seewarte.
4) H. U. Sverdrup. The Wind-drift of the Ice ou tIre North-Siberian Shelf. The No rwegian North-Polar-
Expedition with the „Maud“. 1918/25. Scientific Results Vol. IV. Nr. 1.
5) W. Breunecke, Die ozeanogr. Arbeiten d. Deutschen Antarkt. Expedition 1911/12. A. d. Archiv der
Deutschen Seewarte. XXXIX. Jahrg. 1921.