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Ans dem Archiv der Deutschen Seewarte. — 51. Bd., Nr. 2
Am 29. Oktober abends hatte die „Livadia“ auf der Reede von Dakar Anker geworfen und
lief am folgenden Morgen in den Hafen ein, wo sie zum Löschen der Ladung bis zum 1. November
nachmittags verblieb, ln dieser Zeit hatten wir Gelegenheit, Lage und Umgebung des meteoro
logischen Observatoriums nahe dem Generalgouvernement kennenzulernen und durch die
Liebenswürdigkeit unseres Kapitäns, Herrn Hauschild, auf einer Fahrt mit der Barkasse der
„Livadia“ die Insel Goree zu besuchen. Goree ist jenes Felseneiland in der weiten, nach Süden
offenen Bucht von Dakar, das die ersten 9 , heute verlassen daliegenden Europäersiedlungen
trägt, und auf der dementsprechend die ersten meteorologischen Beobachtungen gemacht
worden waren.
Am 31. Oktober wurde bei der Mittagsbeobachtung zum ersten Mal seit Verlassen der
Westwindzone wieder ein Bodenwind aus westlicher Richtung beobachtet, in diesem Falle der
Seewind, der sich von nun an an jedem Mittag einstellte. Man vergleiche hierzu die Abb. 6,
die für die Fahrt in der Tropenzone die meteorologischen Terminbeobachtungen in den gleichen
Maßstäben zur Darstellung bringt, wie die Abb. 1 (siehe Seite 5) für die Ausreise. Der Vergleich
beider Figuren zeigt die Zunahme der Tagestemperaturschwankung 10 infolge der Landnähe. Als
die „Livadia“ am Morgen des 2. November vor Bathurst, der Hauptstadt der englischen Gambia-
kolonie, in der Gambiamündung festmachte, lag als Zeichen der nächtlichen Ausstrahlung über
dem Land im Osten ein dichter Bodennebel, über den nur die großen Schirmkronen der Bäume
hervorsahen. Rasch mit Sonnenaufgang löste sich der Nebel auf.
Der klimatische Gegensatz zwischen Dakar und Bathurst trat in der Vegetation und dem
Stadtbild deutlich in Erscheinung. Das Cap Verde bei Dakar verdankt den Namen eines „grünen
Vorgebirges“ wohl nur dem Umstand, daß die an der Westküste von Rio de Oro und Maure
tanien entlangsegelnden Schiffer hier zum ersten Mal etwas von Vegetation zu sehen bekamen.
Der aus den Subtropen kommende Reisende würde eher seine Vegetationsarmut hervorheben,
die für das ganze Gebiet von Dakar charakteristisch ist. Auf der Insel Goree sahen wir zum
ersten Mal die Baobabs, die in ihrem Stamme Wasser aufspeichernden Affenbrotbäume, die für
das Trockenklima an der Wüstengrenze so charakteristisch sind, daß sie einer Köppenschen
Klimazone als Leitpflanze den Namen gegeben hatten (Baobabklima = Savannenklima).
In der Umgebung von Bathurst dagegen wurden die Palmen häufiger 11 ). Im Eingeborenen
viertel waren mehrere der breiten Straßen von einem sauber eingefaßten Bachbett durchzogen;
an vielen Kreuzungen der meist rechtwinklig angelegten Straßen standen Brunnen. Der Beginn
der Trockenperiode zur Zeit unserer Anwesenheit bekundete sich darin, daß diese Bachbetten
kein Wasser mehr führten, die hier immer noch beträchtliche Intensität der Trockenzeit darin,
daß die auf hohe Steinpfeiler gestellten Villen im englischen Teil der Stadt große Wassertanks
im freien Raum zwischen den Pfeilern haben, in denen das Regenwasser aufgespeichert wird
und die — wohl zur Verminderung der Wärmeaufnahme durch Strahlung — leuchtend weiß
gestrichen sind.
Bei der Ausfahrt aus dem Gambia am Abend des 2. November hatten wir — auf offener
See zum letzten Mal — einen Wind aus NNW, der sowohl als Passat, wie als abendlicher Land
wind oder auch als Einlauf in den im SE stehenden Gewitterherd gedeutet werden kann. Am
a Schon 1364 benutzten Kaufleute aus Rouen die Insel als Stützpunkt. 1640 wurde sie endgültig von Frank
reich in Besitz genommen (nach F. Jäger).
10 In den Abbildungen 1, 6 und 10 sind nur die Terminbeobachtungen eingetragen; der vollständige Temperatur
gang ist naturgemäß extremer. Die Schwankungen in den Terminbeobachtungen sind also nur ein Maß
für die wahren Tagestemperaturschwankungen.
11 Siehe auch die große Vegetationskarte in H. L. Shantz und C. F. Marbut: The Vegetation and Soils of Africa.
Americ. Geograph. Soc., Research Series Nr. 13, New York, 1923.