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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte. — 51. Bd. Nr. b.
erfolgt die Stationierung des Eismeldeschiffes „Boreas“ vor der Mündung des Finnischen Meerbusens. Dieses
Schiff sammelt alle erreichbaren Meldungen von Landstationen, Eisbrechern und Schiffen und gibt auf Anfrage
Auskunft über die ihm bekannten Eis- und Schiffahrtsverhältnisse. Das Auslegen des Eismeldeschiffes hat für
die Schiffahrt noch den besonderen Vorteil, daß die Schiffe jederzeit und in vielen Fällen sogar unmittelbar vor
dem Eintritt in das Eisgebiet, Auskunft vom Meldeschiff erhalten können.
Zur Verbreitung der Eisnachrichten durch die Deutsche Seewarte dienen amtliche telegraphische, funken
telegraphische, funkentelephonische und schriftliche Eisberichte über die Verhältnisse des Nordsee- und Ostsee
bereichs.
Die telegraphischen Berichte umfassen die Eismeldungen des deutschen Nordsee- und deutschen Ostsee
bereichs und der dänischen Küstengewässer, gegebenenfalls auch Meldungen über in offener See angetroffenes
Eis. Die funkentelegraphischen Berichte bringen die Meldungen von 40 ausgewählten Beobachtungsgebieten
des deutschen Nordsee- und Ostseebereichs, gegebenenfalls auch Eismeldungen aus offener See.
Die funkentelephonischen Eisberichte geben in deutscher und englischer Sprache eine Gesamtübersicht über
die Eisverhältnisse in den gesamten deutschen Küstengewässern, gegebenenfalls auch Eismeldungen aus offener
See.
Die schriftlichen Eisberichte umfassen die gesamten bei der Deutschen Seewarte eingehendenEismeldungen
der deutschen und nichtdcutschen Küstengewässer des Nordsee- und Ostseebereichs, gegebenenfalls auch Mel
dungen von Schiffen und Flugzeugen über in offener See angetroffenes Eis.
Schließlich veröffentlicht die Deutsche Seewarte eine Eisübersichtskarte, sobald die durch Eis verursach
ten Schwierigkeiten es erforderlich erscheinen lassen. Auf dieser Karte werden alle Eismeldungen des gesam
ten Ostseebereidis einschließlich der dänischen Gewässer übersichtlich dargestellt.
Die Eiserkundung mit Flugzeugen hat die Aufgabe, die Eisverhältnisse auf den Dampferwegen der west
lichen Ostsee festzustellen und durch Eismeldungen von der offenen See das Eisbeobachtungsnetz des Eisnach
richtendienstes zu vervollständigen.
Abgesehen von den Eisbeobachtungen der Verkehrsflugzeuge gelegentlich ihrer planmäßigen Flüge läßt
die Deutsche Seewarte, da ihr Reichsmittel noch nicht zur Verfügung stehen, Erkundungsflüge dieser Art nur
auf besonderen Antrag und auf Kosten des Antragstellers ausführen. Von dieser Einrichtung ist bisher von sei
ten der Reedereien und Schiffseigentümer praktisch kein Gebrauch gemacht worden. Offenbar haben die sonst
bestehenden Maßnahmen in dieser Hinsicht genügt.
Der Eisdienst verbreitet die Eismeldungen der Eisflugzeuge sowie sich hieraus ergebende Warnungen für
die Schiffahrt im täglichen Eisbericht und in der Eisübersichtskarte sowie in dentäglichenRundfunk-Meldungen.
Die Eishilfe endlich soll in Eisnot geratenen Schiffen durch Flugzeuge oder andere Fahrzeuge Hilfe leisten bzw.
solche Schiffe mit Proviant, Medikamenten und anderen notwendigen Bedürfnissen versehen und die Nachrich
tenvermittelung zwischen den Schiffen und Land aufrecht erhalten. Solche Hilfeleistung geschieht jedoch nur
auf Anforderung der hilfesuchenden Sdiiffe oder der Reeder und gegen Erstattung der Kosten 28 ).
d) Mit Rücksidit darauf, daß die allgemeinen Wettermeldungen nur den durchschnittlichen Bedürfnissen
genügen und, da sie für größere Gebiete berechnet sind, Situationen in Teilgebieten nicht gehörig berücksichti
gen können, wurde ein Sonderwetter- und allgemeiner Auskunftsdienst eingerichtet, der sich auf Anfrage für
besonders gelagerte Fälle zur Verfügung stellt. In der Erkenntnis, daß ein solcher Dienst vor allem für die
Schiffahrt besonders wichtig ist, ist von der Deutschen Seewarte ein durdilaufender, sich audi über die Nacht
stunden erstredeender Beratungsdienst geschaffen worden, der durch persönliche Rückspradie oder durch tele-
graphisdie oder telephonische Anfrage in Anspruch genommen werden kann. Von dieser Spezialberatung ma
chen vor allem die Reedereien Gebrauch. Sie sind darauf angewiesen, eine fortlaufende Übersicht über das
Wetter in den von ihren Schiffen gerade befahrenen Seegebieten zu haben, damit sie die Reisedauer ihrer
Schiffe besser beurteilen und ihre Dispositionen hinsichtlich Schiff und Ladung zeitlich genauer und damit wirt
schaftlicher treffen können.
Geradezu unentbehrlich sind meteorologische Sonderberatungen der Schiffahrt z. B. bei Überführungen
von Baggern und Docks oder bei Fahrten von schwächeren Schiffen. Auch dafür mag das Urteil von berufener
Seite Zeugnis ablegen: Auf dem Transport von Hamburg nach Rotterdam verunglückte am 7. XII. 29 das Vul
kan-Dock Nr. 2, wobei zwei Mann der Besatzung ertranken. Der Spruch des Sdiiffahrtsamtes in Amsterdam
besagt, daß dieses Unglück durch das schwere Sturmwetter verursacht worden ist und daß bei diesem schwe
ren Wetter ein solcher Transport nicht mit Erfolg auszuführen war. Obwohl der Kapitän des Schleppdampfers
28 ) Aus „Deutscher Eisdienst“. Anlage zu den Nachrichten für Seefahrer 1950. Ausgabe 45.