Lorenz Steiner: Die sozialwirtschaftl. Aufgaben u. Leistungen d. Deutsch, öffentl. Wetterdienstes 15
Um den volkswirtschaftlich günstigsten Leistimgsgrad jedes einzelnen Verkehrsmittels zu erzielen, um
bei allen Verkehrsmaßnahmen das Grundgesetz der Wirtschaftlichkeit zu erfüllen, ist es notwendig, die durch
den Betrieb naturgemäß ausgelösten Gefahren nach Möglichkeit auf ein Mindestmaß zu beschränken.
Liegen nun die Gefahren, die jeder Verkehr in sich birgt, oft in der Möglichkeit des Versagens des Mate
rials oder des Menschen begründet, so sind sie zum großenTeil auch in den Einwirkungen der Naturgewalten
zu suchen. Diese elementaren Hindernisse der Natur zu überwinden, dem Verkehr es zu ermöglichen, jeder
zeit d. h. ohne Unterbrechung durch die Nacht und durch das Wetter zu arbeiten, die Sicherheit von Fahr
gast, Mannschaft und Fracht durch rechtzeitige Warnung vor naturbedingten Gefahren zu erhöhen, gehört zu
den Aufgaben der See- und Luftwarten, wie wir allgemein die betreffenden praktisch-naturkundlichen An
stalten nennen wollen, eine Aufgabe, die wir zusammenfassen in dem Begriff „Förderung des Verkehrs“.
1) Es ist bekannt, von welcher Bedeutung die Warnung der Schiffahrt vor Sturm ist, aber auch darüber
hinaus ist das Bedürfnis, die allgemeine Wetterlage rechtzeitig kennen zu lernen, von außerordentlicher Wich
tigkeit. Denn außer Sturm sind Wind und Wetter, Nebel und Eis die geborenen Feinde der Schiffahrt und
werden es bleiben. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, den ganzen Betrieb der Schiffahrt jeweils den Na
turverhältnissen anzupassen, um dadurch den Anforderungen der Wirtschaftlichkeit nach besten Kräften zu
entsprechen.
Zwar haben die Erhöhung des Tonnengehalts, die Vermehrung der Pferdestärken der Maschinen, die Ver
besserung der Sicherheitseinrichtungen die Gefahren, die gewisse Witterungselemente für die Schiffahrt bedeu
ten, vermindert, völlig beseitigt aber haben sie sie nicht. Die trotz der technischen Fortschritte durchaus nicht
seltenen Seeunfälle — ich erinnere nur an die Katastrophe der „Luise Leonhardt“ im November 1930 am
V ogelsand vor der Elbmündung — beweisen, daß auch in der modernen Dampfschiffahrt das Wetter noch
einen beträchtlichen Einfluß hat, zumal mit der erstrebten Geschwindigkeitsvermehrung die Gefährdung der
Seeschiffe durch Seeschlag wächst, ähnlich wie die Gefährdung der Luftschiffe durch Luftturbulenz 22 ).
Ohne weiteres sei zwar zugegeben, daß die modernen Ozeanriesen sich durch widriges Wetter im allge
meinen in ihrem Fahrplan kaum behindern lassen. Trotzdem aberbietet die Kenntnis der Wetterverhältnisse
auf den befahrenen Strecken der Ozeanschiffahrt noch manche Vorteile, die letzten Endes auf eine durch rich
tige Ausnutzung der naturkundlichen Verhältnisse ermöglichte rationellere Wirtschaftsführung — Kohlen-,
Zeit- und Materialersparnis — und damit auf erhöhte Rentabilität hinauslaufen.
Im allgemeinen haben zwar die Schiffe, um den Gefahren von Zusammenstößen auszuweichen, bestimmt
vorgeschriebene Routen einzuhalten; es bleibt aber den Kapitänen überlassen, Abweichungen bis zu einem
gewissen Grade aus eigener Initiative vorzunehmen. Dadurch ist es dem gut beratenen Schiffsführer, dem Mil
lionen von Werten anvertraut sind, möglich gemacht, gemeldete Gefahrzonen zu umgehen und Schiff und La
dung sicher und unbeschädigt an den Bestimmungsort zu führen. Ein etwaiger Zeitverlust wird reichlich wett
gemacht durch die Erwägung, daß die durch den Kampf mit widrigen Naturelementen eventuell entstehenden
Schäden zeitraubende und kostspielige Reparaturen — dazu noch in Auslandshäfen -— erforderlich machen.
Dies gilt auch hinsichtlich der modernen Schnelldampfer, denn sie müssen bei schwerem Wetter gar oft die
f ahrt reduzieren, um erhebliche Schäden durch Seeschlag zu vermeiden. Für diese Schnellschiffe wird sich ein
aus meteorologischen Gesichtspunkten abgeleitetes Abweichen vom planmäßigen Kurse zumal dann ergeben,
wenn die rechtzeitig auf Grund der betreffenden Meldungen erkannte Wetterlage es ermöglicht, nicht nur dem
Gefahrensektor auszuweichen, sondern den fahrtfördernden Sektor aufzusuchen.
Läßt sich schon fiir die Ozeanschiffahrt eine Gefährdung durch Wettereinflüsse nicht wegleugnen, so
spricht die geringere Seetüchtigkeit der Fahrzeuge der mittleren und der Kleinschiffahrt, der Segelschiffe so
wie vor allem der Fischereifahrzeuge bei diesen für weit höhere Gefahrenprozente. Der Kapitän eines klei
neren Dampfers, eines Seglers wird im Hafen bleiben, oder die schützende Flußmündung nicht verlassen,
wenn er auf Grund des Wetterberichts für einen oder mehrere Tage mit gegen den Kurs laufenden Wind und
Seegang rechnen kann, anstatt nutzlos gegenan zu dampfen oder zu kreuzen und Kohlen und Material ohne
Aussicht auf ein Vorwärtskommen zu beanspruchen. Der Führer eines Schleppzuges wird lieber günstiges
Wetter abwarten, als Gefahr zu laufen, seine geschleppten Fahrzeuge in schwerem Wetter entweder ganz zu
verlieren oder erst nach Tagen wieder beisammen zu haben. Desgleichen wird der Schlepptransport eines
Docks oder Baggers über See erst bei Vorliegen eines günstigen Wetterberichts vor sich gehen können, sollen
nicht Totalverlust oder mindestens schwere Beschädigungen des hochwertigen Gutes zu beklagen sein. Lei
der wird es sich nur in wenigen Ausnahmefällen, und auch da nicht einmal objektiv einwandfrei fcststellen
2ä ) Seilkopf: Annalen d. Hydrographie. 1928, Seite 10Í.