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Volltext : 51, 1932

Lorenz  Steiner:  Die  sozialwirtschaftl.  Aufgaben  u.  Leistungen  d.  Deutsch,  öffentl.  Wetterdienstes  15

Um  den  volkswirtschaftlich  günstigsten  Leistimgsgrad  jedes  einzelnen  Verkehrsmittels  zu  erzielen,  um
bei  allen  Verkehrsmaßnahmen  das  Grundgesetz  der  Wirtschaftlichkeit  zu  erfüllen,  ist  es  notwendig,  die  durch
den  Betrieb  naturgemäß  ausgelösten  Gefahren  nach  Möglichkeit  auf  ein  Mindestmaß  zu  beschränken.
Liegen  nun  die  Gefahren,  die  jeder  Verkehr  in  sich  birgt,  oft  in  der  Möglichkeit  des  Versagens  des  Materials ­
  oder  des  Menschen  begründet,  so  sind  sie  zum  großenTeil  auch  in  den  Einwirkungen  der  Naturgewalten
zu  suchen.  Diese  elementaren  Hindernisse  der  Natur  zu  überwinden,  dem  Verkehr  es  zu  ermöglichen,  jederzeit ­
  d.  h.  ohne  Unterbrechung  durch  die  Nacht  und  durch  das  Wetter  zu  arbeiten,  die  Sicherheit  von  Fahrgast, ­
  Mannschaft  und  Fracht  durch  rechtzeitige  Warnung  vor  naturbedingten  Gefahren  zu  erhöhen,  gehört  zu
den  Aufgaben  der  See-  und  Luftwarten,  wie  wir  allgemein  die  betreffenden  praktisch-naturkundlichen  Anstalten ­
  nennen  wollen,  eine  Aufgabe,  die  wir  zusammenfassen  in  dem  Begriff  „Förderung  des  Verkehrs“.
1)  Es  ist  bekannt,  von  welcher  Bedeutung  die  Warnung  der  Schiffahrt  vor  Sturm  ist,  aber  auch  darüber
hinaus  ist  das  Bedürfnis,  die  allgemeine  Wetterlage  rechtzeitig  kennen  zu  lernen,  von  außerordentlicher  Wichtigkeit. ­
  Denn  außer  Sturm  sind  Wind  und  Wetter,  Nebel  und  Eis  die  geborenen  Feinde  der  Schiffahrt  und
werden  es  bleiben.  Daraus  ergibt  sich  die  Notwendigkeit,  den  ganzen  Betrieb  der  Schiffahrt  jeweils  den  Naturverhältnissen ­
  anzupassen,  um  dadurch  den  Anforderungen  der  Wirtschaftlichkeit  nach  besten  Kräften  zu
entsprechen.
Zwar  haben  die  Erhöhung  des  Tonnengehalts,  die  Vermehrung  der  Pferdestärken  der  Maschinen,  die  Verbesserung ­
  der  Sicherheitseinrichtungen  die  Gefahren,  die  gewisse  Witterungselemente  für  die  Schiffahrt  bedeuten, ­
  vermindert,  völlig  beseitigt  aber  haben  sie  sie  nicht.  Die  trotz  der  technischen  Fortschritte  durchaus  nicht
seltenen  Seeunfälle  —  ich  erinnere  nur  an  die  Katastrophe  der  „Luise  Leonhardt“  im  November  1930  am
V  ogelsand  vor  der  Elbmündung  —  beweisen,  daß  auch  in  der  modernen  Dampfschiffahrt  das  Wetter  noch
einen  beträchtlichen  Einfluß  hat,  zumal  mit  der  erstrebten  Geschwindigkeitsvermehrung  die  Gefährdung  der
Seeschiffe  durch  Seeschlag  wächst,  ähnlich  wie  die  Gefährdung  der  Luftschiffe  durch  Luftturbulenz 22 ).
Ohne  weiteres  sei  zwar  zugegeben,  daß  die  modernen  Ozeanriesen  sich  durch  widriges  Wetter  im  allgemeinen ­
  in  ihrem  Fahrplan  kaum  behindern  lassen.  Trotzdem  aberbietet  die  Kenntnis  der  Wetterverhältnisse
auf  den  befahrenen  Strecken  der  Ozeanschiffahrt  noch  manche  Vorteile,  die  letzten  Endes  auf  eine  durch  richtige ­
  Ausnutzung  der  naturkundlichen  Verhältnisse  ermöglichte  rationellere  Wirtschaftsführung  —  Kohlen-,
Zeit-  und  Materialersparnis  —  und  damit  auf  erhöhte  Rentabilität  hinauslaufen.
Im  allgemeinen  haben  zwar  die  Schiffe,  um  den  Gefahren  von  Zusammenstößen  auszuweichen,  bestimmt
vorgeschriebene  Routen  einzuhalten;  es  bleibt  aber  den  Kapitänen  überlassen,  Abweichungen  bis  zu  einem
gewissen  Grade  aus  eigener  Initiative  vorzunehmen.  Dadurch  ist  es  dem  gut  beratenen  Schiffsführer,  dem  Millionen ­
  von  Werten  anvertraut  sind,  möglich  gemacht,  gemeldete  Gefahrzonen  zu  umgehen  und  Schiff  und  Ladung ­
  sicher  und  unbeschädigt  an  den  Bestimmungsort  zu  führen.  Ein  etwaiger  Zeitverlust  wird  reichlich  wettgemacht ­
  durch  die  Erwägung,  daß  die  durch  den  Kampf  mit  widrigen  Naturelementen  eventuell  entstehenden
Schäden  zeitraubende  und  kostspielige  Reparaturen  —  dazu  noch  in  Auslandshäfen  -—  erforderlich  machen.
Dies  gilt  auch  hinsichtlich  der  modernen  Schnelldampfer,  denn  sie  müssen  bei  schwerem  Wetter  gar  oft  die
f  ahrt  reduzieren,  um  erhebliche  Schäden  durch  Seeschlag  zu  vermeiden.  Für  diese  Schnellschiffe  wird  sich  ein
aus  meteorologischen  Gesichtspunkten  abgeleitetes  Abweichen  vom  planmäßigen  Kurse  zumal  dann  ergeben,
wenn  die  rechtzeitig  auf  Grund  der  betreffenden  Meldungen  erkannte  Wetterlage  es  ermöglicht,  nicht  nur  dem
Gefahrensektor  auszuweichen,  sondern  den  fahrtfördernden  Sektor  aufzusuchen.
Läßt  sich  schon  fiir  die  Ozeanschiffahrt  eine  Gefährdung  durch  Wettereinflüsse  nicht  wegleugnen,  so
spricht  die  geringere  Seetüchtigkeit  der  Fahrzeuge  der  mittleren  und  der  Kleinschiffahrt,  der  Segelschiffe  sowie ­
  vor  allem  der  Fischereifahrzeuge  bei  diesen  für  weit  höhere  Gefahrenprozente.  Der  Kapitän  eines  kleineren ­
  Dampfers,  eines  Seglers  wird  im  Hafen  bleiben,  oder  die  schützende  Flußmündung  nicht  verlassen,
wenn  er  auf  Grund  des  Wetterberichts  für  einen  oder  mehrere  Tage  mit  gegen  den  Kurs  laufenden  Wind  und
Seegang  rechnen  kann,  anstatt  nutzlos  gegenan  zu  dampfen  oder  zu  kreuzen  und  Kohlen  und  Material  ohne
Aussicht  auf  ein  Vorwärtskommen  zu  beanspruchen.  Der  Führer  eines  Schleppzuges  wird  lieber  günstiges
Wetter  abwarten,  als  Gefahr  zu  laufen,  seine  geschleppten  Fahrzeuge  in  schwerem  Wetter  entweder  ganz  zu
verlieren  oder  erst  nach  Tagen  wieder  beisammen  zu  haben.  Desgleichen  wird  der  Schlepptransport  eines
Docks  oder  Baggers  über  See  erst  bei  Vorliegen  eines  günstigen  Wetterberichts  vor  sich  gehen  können,  sollen
nicht  Totalverlust  oder  mindestens  schwere  Beschädigungen  des  hochwertigen  Gutes  zu  beklagen  sein.  Leider ­
  wird  es  sich  nur  in  wenigen  Ausnahmefällen,  und  auch  da  nicht  einmal  objektiv  einwandfrei  fcststellen

2ä )  Seilkopf:  Annalen  d.  Hydrographie.  1928,  Seite  10Í.
            
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