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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte. — 51. Bd. Nr. 6.
Stationen cler nördlichen gemäßigten Zone gerechnet werden, die ein ausgezeichnetes Material für die wissen
schaftliche Ausbeutung der täglichen Wetterkarten in weitemUmfangedarstellen und denlanggehegtenWunsch,
eine tägliche Wetterkarte von der nördlichen Halbkugel herstellen zu können, erfüllt haben.
Doch schon taucht ein neues Problem auf: die Weltwetterkarte. „Bildfunk, Luftverkehr, die offensichtlich
wieder zunehmende Tendenz der Schiffahrt zu Schnelligkeitsrekorden, der wachsende Zwang für die abend
ländischen Völker, die Volkswirtschaften cler Weltwirtschaft anzupassen — wie ist das Wetter in den Kaffee
distrikten Brasiliens? wie w i r d es sein? — alles drängt zu der Funkweltwetterkarte“ 13 ).
Seit 1926 finden von der Deutschen Seewarte aus Versuche statt, nach dem Bildübertragungsverfahren von
Professor Dr. Dieckmann die tägliche Wetterkarte des Atlantischen Ozeans auf dem Funkwege zu übertragen.
An den Versuchen, die schon heute relativ gut gelingen, sind außer der Deutschen Seewarte noch die Betriebs
gesellschaft für drahtlose Telegraphie sowie die Reichspost beteiligt. Ahlgrimm, ein Mitarbeiter der Deutschen
Seewarte, schreibt darüber in den „Annalen der Hydrographie und maritimen Meteorologie 1926“ 14 ): „Der
erstmalige Empfang einer Ozeanwetterkarte vom Tage mitten auf dem Atlantik bedeutet einen Markstein in
der Entwickelungsgeschichte der Nachrichtenmittel. Auch in der Wetternachrichtenübermittelung scheint der
Bildfunk bei weiterer Verbesserung berufen zu sein, den Arbeitsprozeß bei der Verbreitung von synoptisch zu
sammengestellten Wetterbeobachtungen wesentlich zu verkürzen. Das Erscheinen einer täglichen Weltwetter
karte tritt in den Bereich des Möglichen, sobald die Hauptstaaten der Erde dazu übergehen können, die Wet
terkarten ihres Erdteils durch Bildfunk über die Erde zu verbreiten, die dann mosaikartig zusammengesetzt die
Weltwetterkarte ergeben.“
2. a) Bei der Verbreitung der gesammelten Wettermeldungen durdi die Zentralstation — die Meldungen
müssen ja zur Kenninis aller Wetterdienst ausübenden Stellen in Europa gebracht werden — sind zwei Arten
von Telegrammen zu unterscheiden: 1) die Sammeltelegramme deutscher Stationen—Funkobs Deutschland—,
verbreitet für den deutschen Wetterdienst und im Austausch gegen die ausländischen Wettermeldungen und 2)
die Sammeltelegramme europäischer Stationen — Funkobs Europa —, eine geeignete Auswahl von Meldungen
europäischer Stationen für die Wetterdienststellen im Reich, Flugplätze usw. bestimmt, denen sie einen Über
blick über die Verteilung der Witterungselemente über Europa geben sollen.
Für die Verbreitung des „Funkobs Deutschland“ steht der Deutschen Seewarte ein eigener Sender in Kö
nigswusterhausen zur Verfügung, der mit der Seewarte durch ein Kabel verbunden ist und von dort aus täg
lich dreimal ferngetastet wird. Die Verbreitung der europäischen Sammeltelegramme erfolgt ebenfalls von der
Deutschen Seewarte aus und zwar viermal täglich durch Ferntastung über den Sender der Flughafenfunkstelle
Hamburg-Fuhlsbüttel.
Dank diesen technischen Einrichtungen ist es möglich, die Sammeltelegramme bereits 20—50 Minuten nach
der vollen Stunde cles Beobachtungstermins zur allgemeinen Kenntnis zu bringen und den öffentlichen Wetter
dienststellen die Erfüllung ihrer vornehmsten Aufgabe, die Aufstellung wirklich zuverlässiger Wettervorher
sagen, zu ermöglichen und ihre Veröffentlichungen so schnell an die Interessenten zu bringen, daß sie nicht
durch den raschen Ablauf der Witterung unserer Breiten überholt, veraltet und damit zwecklos sind.
Die bisher geschilderte Nachrichtenorganisation umfaßt lediglich die W etternachrichten, die die Grundlage
des meteorologisch-synoptischen Dienstes abgeben. Die weitere wichtige Aufgabe ist: die Verarbeitung der ge
sammelten Wetternachrichten in Form von Wetterübersichten und ihre Veröffentlichung im Zusammenhang
mit der Wettervorhersage.
Die Verwertung des gesammelten Materials erfolgt in der Weise, daß es laufend, mit dem Eingang der
Nachrichten Schritt haltend, in Kartenunterdrucke (sogenannte Arbeitskarten) eingetragen wird. Die so ent
stehende Wetterkarte gibt die Luftdruck- und Temperaturverteilung sowie den zu der Beobachtungszeit an
den einzelnen Beobachtungsstationen herrschenden Witterungszustand wieder. Sie gewährt somit einen Über
blick über die Verteilung der verschiedenen Witterungselemente über dem Nachrichtengebiet und derVergleich
mit den Kartendarstellungen der vorhergehenden Beobachtungstermine und Tage zeigt die Veränderung der
Witterungselemente während dieser Zwischenzeit. Damit ist der Meteorologe dann in der Lage, das Wandern
der „Hochs“ und „Tiefs“ zu verfolgen, er kann eine Diagnose des Wetters stellen und an Hand erprobter Re
geln, die auf Grund wissenschaftlicher Forschung gefunden wurden, die Prognose herausarbeiten und nötigen
falls Warnungen erlassen.
Welch angespannte Arbeitsleistung notwendig ist, um das bisherige Programm durchzuführen, geht dar
13 ) Castens: Die Deutsche Seewarte in Hamburg. Aus: Forschungsinstitute, Ihre Gesdiidite, Organisation und
Ziele. Hamburg. 1930.
14 ) Versuche zur drahtlosen Bildübertragung der Ozeanwetterkarte an Sdiiffe auf dem Atlantischen Ozean.