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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte. — 51. Ed. Nr. 6.
Höhenwinde auf dem Ozean zu sammeln und dabei die für die Luftfahrt wichtigen meteorologischen Erschei
nungen systematisch zu erkunden.
Durch die Unterstützung des Reichsverkehrsministeriums, Abteilung Luftfahrt, durch Beteiligung derLuft-
fahrzeugindustrie und der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft, vor allem aber Dank dem großen
Entgegenkommen der beteiligten Reedereien, der Hamburg-Südamerikanischen Dampfschiffahrtsgesellschaft,
der Hamburg-Amerika-Linie, des Norddeutschen Lloyd und anderer mehr, die auf ihren Dampfern Eiätze
und Verpflegung zur Verfügung stellten, war es der Deutschen Seewarte möglich, bisher 13 „Forschungsfahr
ten“, die nach allen Richtungen über den Ozean führten, zu unternehmen und regelmäßige Höhenwindmes
sungen bis zu 20 km Höhe und andere Untersuchungen vorzunehmen. Die laufenden Höhenwindmess urigen an
Bord von Handelsschiffen haben sich in erfreulicher Weise entwickelt und in steigendem Maße bewährt. Mehr
fach konnten sie bereits für die Ozeanflugberatung unmittelbar verwertet werden 10 * ). Diese Messungen wer
den zum großen Teil von den Offizieren an Bord selbst ausgewertet, und sofern funkentelegraphische Verbin
dung mit der Hauptfunkstelle Norddeich besteht, in einem Seeobstelegramm w ) drahtlos übermittelt. Die
Deutsche Seewarte rüstet die von den Reedereien in dankenswerter Weise zur Verfügung gestellten Schiffe,
mit den erforderlichen Instrumenten aus und unterweist die sie bedienenden Offiziere in sogenannten „Einwei
sungsfahrten“ in der Handhabung der Apparate. Für diese opferwillige, freiwillige Mitarbeit sind im Etat
der Deutschen Seewarte Prämien vorgesehen, die für die besten Leistungen zur Verteilung gelangen.
Endlich sucht man den Unsicherheiten, mit denen die Beobachtungen der ständig den Ort wechselnden
„Fahrenden Stationen“ naturgemäß behaftet sind, zu begegnen durch Verwertung des von Übersee-Deutschen
zur Verfügung gestellten Beobachtungsstoffes, der mit der Ausdehnung des Weltluftverkehrs zunehmende
Bedeutung erlangt.
b) Was die Deutsche Seewarte mit ihren Nebenstellen an der deutschen Küste entlang heute für die
Meeres- und die deutschen Küstengebiete ist, das sind die meteorologischen Institute und öffentlichen Wetter
dienststellen in den einzelnen Ländern für das deutsche Binnenland. „Die Lage Deutschlands im Grenzgebiet
zwischen ozeanographischem und festländischem Klima sowie seine verschiedenartige Gliederung in Flachland,
Mittelgebirge, süddeutsches Bergland und Hochgebirge lassen eine einheitliche Versorgung mit Wettervorher
sagen, die von einer Zentrale ausgegeben werden, nicht zu. Vielmehr sind Sondervorhersagen für die verschie
denen Gebietsteile notwendig, die eine genaue Kenntnis der klimatischen und Geländeverhältnisse des betref
fenden Landes voraussetzen. Der Vorhersagedienst ist daher bei uns notwendigerweise dezentralisiert“ 12 ).
Auch wirtschaftliche Gründe bedingten eine weitgehende Dezentralisation des öffentlichen Wetterdienstes.
Zur Zeit seiner Gründung bestand die wesentliche Aufgabe des Wetterdienstes in der Aufstellung von Wetter
vorhersagen. Die Wetternachrichten gingen in Telegrammform ein und die Vorhersagen wurden telegraphisch
an die Postämter gegeben, die sie an ihren Gebäuden zum Aushang brachten. Um schleunig und rechtzeitig in
den Besitz der Prognosen zu gelangen, forderten sowohl die Landwirtschaft als auch die sonst interessierten
Kreise eine möglichst große Dezentralisation.
Bei der heutigen vielseitigen Inanspruchnahme des Wetterdienstes spielt auch die Kostenfrage für den In
teressenten eine große Rolle. Der Meteorologe muß mit seinem Bezirk in engster Fühlung stehen und in der
Lage sein, sich telephonisch oder mündlich mit jedem Kunden zu unterhalten. Mit wachsender Entfernung aber
steigen die Telephongebühren und die Fahrtkosten. Es bestünde also die Gefahr, daß manche Anfragen und
Auskünfte unterblieben, manche Beratungen nicht erfolgen könnten, weil das Publikum die Kosten scheuen
würde, die eine Zentralisation hinsichtlich der Gebühren mit sich brächte.
Die Norddeutschen Staaten haben sich zu einem „Norddeutschen Wetterdienst“ unter Leitung des Preu
ßischen Ministeriums für Landwirtschaft, Domänen und Forsten zusammengeschlossen; er umfaßt z. Zt. die
öffentlichen Wetterdienststellen Aachen, Berlin, Bremen, Breslau, Essen, Frankfurt/M., Hamburg, Königs
berg, Magdeburg und Stettin. Die süd- und mitteldeutschen Länder haben sich eigene Landeswetterwarten ge
schaffen, so Bayern in München, Sachsen in Dresden, Württemberg in Stuttgart, Baden in Karlsruhe, Hessen in
Gießen und Thüringen in Weimar.
Als weitere, teils staatliche teils kommunale Institute dienen dem öffentlichen Wetterdienst das Preußi
sche meteorologische Institut in Berlin, das der Wetterdienststelle Berlin angegliedert ist und hauptsächlich für
den Klimadienst in Frage kommt, das Preußische meteorologische Observatorium in Potsdam, das meteorolo
10 ) 52. Jahresbericht über die Tätigkeit der Deutschen Seewarte f. d. Jalir 1929. Hamburg 1930. Seite 49.
n) „Obs“ von „observare“ = beobachten.
12 ) Wetterkunde und Wetterkarte. 40. bis 50. Tausend. Seite 3—4.