Dr. Karl-Heinrich Wagner: Die unechten Zylinderprojektionen.
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würfe in Frage. Es waren dies eine flächentreue, schiefachsige Azimutalprojektion (Lambertscher Entwurf) mit
dem Projektionspol cp — -f- 20° (vgl. die Lage des Projektionsmittelpunktes bei unseren transversalen Netzen
für den Atlantik bei den graphischen Verfahren) und eine echte, transversale, flächentreue Zylinderprojektion
mit längentreuem Äquator. Er hatte auch noch andere Netze mit in Betracht gezogen, so unter anderen auch die
Eckertsche Sinuslinienprojektion. Aber alle diese Netze hatte er von vornherein fallen lassen. Bei der Eckertschen
Projektion war nach seiner Angabe der Hauptgrund die eigenartige Begrenzungslinie. Dieser Grund will mir nicht
recht einleuchten, denn der Atlantische Ozean in dieser Projektion in transversaler Lage würde die Pollinie und den
Randmeridian doch gar nicht mit ins Bild bringen. Groll hat jedoch die echte Zylinderprojektion gewählt, und er
begründet dies in seiner Arbeit. Er ist von dem Standpunkt ausgegangen, daß für eine Tiefenkarte eines Ozeans
nur die vom Wasser eingenommene Fläche einschließlich der Küstenlinie in Betracht kommt. Er vernachlässigt
bew r ußt die noch mit auf die Karte fallenden Landmassen. Außerdem läßt er für die äußersten Teile der Randmeere
(Golf von Mexiko, östl. Mittelmeer) eine etwas schlechtere Darstellung zu. Er nimmt also in Wahrheit eine Zone
von viel geringerer Breite an, als es das gesamte Einflußgebiet des Ozeans ist. Selbstverständlich mußte er dann zu
seinem Urteil kommen. Der von ihm behandelte Teil paßt in derTat recht gut zu den Verzerrungslinien der echten
Zylinderprojektion. Er hat dann, um die Güte der Darstellung zu beweisen, die Wasserfläche und nur diese aus-
planimetriert und die auf die einzelnen Zonen gleicher Verzerrung entfallenden Flächen berechnet. Auf diese Weise
kommen die günstigen Werte für die flächentreue Zylinderprojektion zustande. Nur ist es ein ziemlich einseitiger
Standpunkt, von dem er ausgeht.
Sowie man das gesamte Einflußgebiet des Atlantischen Ozeans zum Gegenstand der Darstellung macht, bekommt
die ganze Angelegenheit ein anderes Gesicht. Wir haben jetzt ein zonales Gebiet vor uns, dessen größte Breite un
gefähr zwischen 0° und 40° n. Br. liegt, und das nach Norden und Süden wieder schmaler wird. Es wird bei der
großen Ausdehnung der Karte ein großer Teil von Zentralasien mit darauf kommen, der aber vernachlässigt werden
kann. Die anderen drei Ecken der Karte enthalten nur Wassergebiete, die nicht zum Atlantischen Ozean gehören,
und deshalb auch vernachlässigt werden können. Wir haben nun bei der Besprechung der Konstanten dargelegt,
daß sich alle imechten Zylinderprojektionen auszeichnen durch ein breites Gebiet guter Darstellung im Innern
in der Umgebung des Nullmeridians infolge der längstreuen Parallelkreise, die den Nullmeridian in den zwei aus
gezeichneten Punkten mit der Verzerrung 0 schneiden. Dieses Gebiet wird gegen den Randmeridian hin schmaler.
Bei Anwendung eines transversalen, unechtzylindrischen Netzes läßt sich daher das gesamte Gebiet des Atlantischen
Ozeans mit allen Randmeeren und dem gesamten reichlich bemessenen Hinterland innerhalb des von einer be
stimmten vorgegebenen Verzerrungslinie eingeschlossenen Gebietes unterbringen. Mit anderen Worten, die Ver
zerrungslinien schmiegen sich der Form des darzustellenden Gebietes an. Da die größte Breite unseres Gebietes
nördlich vom Äquator liegt, muß auch der Mittelpunkt unseres transversalen Netzes nach Nord verlegt werden.
Diese Fragen sind bereits auf S. 49 ff. eingehend erörtert worden. Über die Wahl der längentreuen Parallelkreise
vgl. S. 55 f.
Wir haben hier einen Fall aus der Praxis, der ganz deutlich die Bedeutung der unechten Zylinderprojektionen
zeigt. Für den Atlantischen Ozean kann aus keiner anderen Projektionsgruppe ein Entwurf so angepaßt werden.
Es fragt sich nur, was für eine Projektion aus unserer Gruppe zur Anwendung gelangt. Bei den graphischen Ver
fahren haben wir zwei flächentreue Projektionen angewendet, deren eine dann wirklich in der Praxis verwendet
worden ist (s. Taf. I). Nach dem weiter oben Gesagten ist aber auch die Anwendung eines abstandstreuen Ent
wurfs zu überlegen. Abb. 26 zeigt den Entwurf y -n-).-cos
x — cp für den Atlantik. Die eigenartige Zu
sammendrückung der Meridiane zum Kartenrand hin, fällt hier weg. Auch zeigt der Entwurf in den Ecken eine
bedeutend verbesserte Schiefschnittigkeit. Daher wirkt das Kartenbild noch gefälliger als das flächentreue. Ich
hätte, wenn es sich nur um die Schulkarte gehandelt hätte, nie gezögert, den abstandstreuen Entwurf anzuwenden.
Es sollte aber in diesem Falle die Karte auch für andere Zwecke verwendet werden. Außerdem ließ sich noch nicht
übersehen, zu welchen Zwecken die Karte in Zukunft zu verwenden ist. Es schien mir daher letzten Endes der
flächentreue Entwurf doch der „brauchbarere“, aber wie gesagt nicht der „bessere“.
Der angewendete Entwurf ist ein flächentreuer Entwurf ohne Hilfswinkel. Wir haben bei den graphischen Ver
fahren gesehen, daß sich diese Entwürfe schneller ausführen lassen als die Entwürfe mit Hilfswinkel. Der Entwurf
mit der Meridianfunktion „cos
ist völlig gleichzusetzen dem Entwurf mit der Meridianfunktion „cos 2
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und bei diesem hatten wir gesehen, daß er in bezug auf die Verzerrungsverhältnisse der Eckertschen Ellipsenpro
jektion sehr nahe steht, also eine geringe Durchschnittswinkelverzerrung besitzt. Es hätte natürlich auch die in