Dr. Karl-Heinrich Wagner: Die unechten Zyhnderprojektionen.
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wenig wie möglich verkürzt wurde. Das äußerst Zulässige erschien mir in diesem Fall <p 0 = 35°: n = 0,892. Das
ist eine Verkürzung um 10,8°/ o . Bei der Mollweide-Projektion haben wir dagegen eine Verkürzung um 13,4°/ 0 .
Wir haben nun einen allgemeinen Überblick gewonnen, auf welche Erscheinungen man bei der Bestimmung
der Konstanten achten muß. Das hier Gesagte dürfte für die Praxis genügen, um sich über die Fragen, die bei
der Bestimmung der Konstanten auftreten können, orientieren zu können. Genauere Ergebnisse können jedoch
erst an Hand von exakten Untersuchungen über die Verzerrungswerte der einzelnen Projektionen bei verschieden
angenommenen Konstanten gewonnen werden. Solche Untersuchungen übersteigen aber den Rahmen der hier
gestellten Aufgabe einer allgemeinen Übersicht über die unechten Zylinderprojektionen. Wie schon eingangs
erwähnt, ist, abgesehen von der ungeheuren Rechenarbeit, eine solche Untersuchung garnicht so notwendig.
Fünfter Tei I
Die Eignung und Bedeutung der unechten
Zylinderprojektionen für die Praxis
1. Abschnitt
Allgemeine Gesichtspunkte zur Beurteilung der Brauchbarkeit der
unechten Zylinderprojektionen
Nachdem wir den mathematischen Aufbau der unechten Zylinderprojektion entwickelt haben, können wir
allgemein an die Beantwortung der Frage herangehen, welche Aufgaben mit Hilfe unserer Projektionen zu lösen
sind. Hierzu seien erst einige prinzipielle Bemerkungen gemacht.
Es stehen sich 2 Methoden zur Beurteilung von Kartenprojektionen gegenüber. Eine Beurteilung nur nach
Verzerrungswerten nennen wir die quantitative Analyse eines Entwurfs. Wir hatten bei unseren Entwürfen
jedoch eine Beurteilung nach allgemeinen Gesichtspunkten vorgeschlagen. Wir hatten wohl die Verzerrungs
verhältnisse bei den einzelnen Projektionen berücksichtigt, hatten aber eine numerische Berechnung dieser Ver
zerrungsverhältnisse für die verschiedenen Formen aus begreiflichen Gründen umgangen. Die quantitative Analyse
ist natürlich bei so einfach definierten Gebilden wie die echten Formen es sind, die einzig mögliche Methode, um
zu einem wohlbegründeten Urteil zu kommen. Es handelt sich ja hier auch fast ausschließlich um die Darstellung
kleinerer Teile der Erdoberfläche. Namentlich die älteren Projektionstheoretiker wie z. B. Hammer, treten für
diese Methode der Untersuchung von Kartenprojektionen ein. Hammer fußt auf Tissot, der als der Begründer
der quantitativen Analyse anzusehen ist. Die Darstellung größerer Teile der Erdoberfläche und der ganzen Erde
ist vor allem Aufgabe der unechten Formen, die ja schon so eingerichtet sind, daß sie die Mängel der echten Formen
bei größerer Ausdehnung ausgleichen. Da der Aufgabenkreis ein anderer ist, dürfen wir nicht ohne weiteres aus
schließlich die Methoden der quantitativen Analyse auf sie anwenden. Bei den Problemen, die durch die unechten
Formen, und speziell durch die unechten Zylinderprojektionen zu lösen sind, treten noch andere Gesichtspunkte
wie lediglich geringste Verzerrungswerte hinzu. Die Frage, ob der Pol als Punkt oder als Linie dargestellt werden
soll, geringere Schiefschnittigkeit in bestimmten Teilen der Karte, die Möglichkeit, unwichtige Teile am Rande
der Karte gegen wichtigere Gebiete zu vernachlässigen, mehr oder minder große Verstreckung der Gradfelder,
die Notwendigkeit, die längentreuen Parallelkreise in bestimmte Gebiete zu legen, das Verhältnis der Parallel
kreisabstände untereinander und noch manches andere sind alles Forderungen, die über die Forderung geringster
Verzerrungswerte hinausgehen.
Eine Beurteilung von Kartenprojektionen nach solchen Gesichtspunkten nennen wir die qualitative Analyse
eines Kartenentwurfs. Es ist vor allem Eckert, der zusammenhängend über diese Fragen berichtet hat. Behrmann
hat dagegen die qualitative Analyse bei der Kritik der unechten Formen vernachlässigt. Er ist lediglich mit den
Methoden der quantitativen von Tissot übernommenen Methode an die Beurteilung der verschiedenen unechten
und echten Formen zur Darstellung der ganzen Erde und einer Halbkugel herangegangen. Die Folge war ein Fehl
urteil. Wir dürfen aber nicht vergessen, daß Behrmann bereits weiter gegangen ist als Tissot und Hammer. Ei
hat nicht mit dem größten auftretenden Winkelverzerrungswert gearbeitet, sondern mit dem bereits gerechteren