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Full text : 49, 1930/1931

Dr.  Gretel  Satow:  Das  Bodeneis  in  der  Arktis.  Tatsachen  und  Hypothesen.

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Mächtigkeit,  wie  ich  sie  an  der  Lena  und  Jana  nicht  beobachtet  hatte.  An  einer  Stelle  maß  die  senkrecht ­
  abstürzende  Eiswand  72  Fuß  (=  21.60  m).  Das  Eis  ist  trübe  und  enthält  viel  Luftblasen  und
erdige  Beimengungen.  Außer  diesen  mächtigen  Eismassen  finden  sich  allenthalben  zwischen  den  horizontalen ­
  Erdschichten  gleichfalls  horizontale  dünne  Schichten  klaren  Eises.  Im  Laufe  des  Sommers,
besonders  unter  Einwirkung  der  Sonne,  tauen  die  Profile  zum  Teil  ab,  sie  treten  weit  ins  Land  zurück. ­
  Mit  lautem  Plätschern  fallen  bald  größere,  bald  kleinere  Erdmassen  ab,  um  unten  als  dicker
Brei,  gleich  einem  Lavastrom  über  den  gefrorenen  Boden,  niederen  Stellen  und  endlich  dem  Meere
zuzuströmen,  während  das  durch  das  Schmelzen  cles  Eises  gebildete  Wasser  zu  kleinen  Bächen  vereinigt, ­
  in  tief  einschneidenden  Betten  brausend  dahinströmt.  Diese  bisweilen  äußerst  imposanten
Abstürze  finden  sich  auf  der  Insel  vom  südlichsten  Teil  der  Nordwestküste  (beim  Cap  Tolstoi),
ferner  längs  der  ganzen  Südküste,  insbesondere  westlich  von  der  Mündung  des  Wanjkina-Flusses
und  endlich  an  der  Norclostküste  in  geringer  Entfernung  vom  Berge  Kowrischka,  Aus  ihnen  kommen ­
  die  fossilen  Knochen  zum  Vorschein.“  (Toll  79.  III.  S.  49  und  9t.  S.  252.)
Während  Bunge  an  diesen  Profilen  keine  ausgesprochene  Zweiteilung  wahrnahm,  berichtet  Toll,
daß  er  auf  einer  Strecke  von  10  km  entlang  der  Südküste  der  großen  Ljachowinsel,  an  der  Steilküste
aus  quartären  Ablagerungen  „einen  unterbrochenen  aus  Steineismassen  bestehenden  unteren  und
einen  aus  Lehm-,  Sancl-  und  Torflagern  zusammengesetzten  oberen  Horizont  unterscheiden  konnte.“
(79.  S.  51).  Dieser  Beobachtung  kann  Bunge  nicht  beipflichten.  Er  meint,  daß  Toll,  da  sein  Besuch
ins  Frühjahr  und  nicht  wie  Bunges  in  den  Spätsommer  fiel,  durch  den  hohen  Schnee  getäuscht
worden  ist.
Die  an  zerstreuten  Stellen  geäußerten  Beobachtungen  von  Toll  über  das  Aussehen  und  die  Zusammensetzung ­
  der  beiden  Horizonte  fasse  ich  kurz  zusammen.
Der  obere  Horizont:  die  geschichteten  Quartärsedimente  bestehen  zu  unterst  aus  körnigen  Sauden ­
  mit  spärlichen  Pflanzenresten,  darüber  folgen  zunächst  Lehme  mit  torfartigen  Einlagerungen  und
Resten  von  Salix,  dann  mehr  tonige  Schichten  mit  zahlreichen  Ueberbleibseln  von  Ainus  fruticosa.
von  Betula  nana.  Salixarten,  ferner  massenhafte  Reste  von  ausgestorbenen  Pflanzenfressern,  besonders ­
  Mammut,  Nashorn,  Pferd.  Steppenantilope  (Saiga);  die  darauf  folgenden  obersten  Schichten
enthalten  endlich  nur  Reste  von  Polarweide  und  anderen  Arten  der  heutigen  Tuudrenflora.  Die  Dicke
dieser  Schichten  wechselt  zwischen  1—6  m.  Auch  greifen  diese  Deckschichten  oft  in  sackartigen  Einsenkungen
  —  in  denen  sich  besonders  die  Mammute  finden  —  in  den  darunter  folgenden  Eis  hör  izont,
  der  15—25  m  hohe  Wände  bildet.  Die  Färbung  der  Eiswände  ist  bei  auffallendem  Licht  graugrün, ­
  in  einzelnen  Handstücken  ist  das  Eis  aber  meist  vollkommen  durchscheinend  und  farblos,
manchmal  aber  auch  trübe.  (79.  III.  S.  56  ff.)  Doch  enthält  es  viele  dicht  gestellte  Luftbläschen,
deren  gemessener  Durchmesser  0.1—2  mm  betrug.  Manchmal  sind  auch  erdige  Beimengungen  wahrnehmbar ­
  gewesen.  Toll  hat  körnige  Struktur  des  Eises,  doch  keine  Schichtung  wahrgenommen.
Vielfach  durchsetzen  senkrechte  mit  Lehm  und  Sand  erfüllte  Spalten  das  Eis  in  seiner  ganzen
Höhe.
Der  Untergrund  des  Eises  wurde  auf  den  Neusibirischen  Inseln  von  Toll  und  Bunge  nicht  ermittelt, ­
  da  einerseits  das  Eis  unter  dem  Wasser  noch  weitergeht  und  andererseits  die  Profile  im
Sommer  abtauen,  weit  ins  Land  zurücktreten  und  die  abgestürzten  Erdmassen  als  dicker  Brei  vom
Fuß  der  Eismassen  ins  Meer  fließen.
Nach  Obrutschew  (49.  S.  589  ff.)  sollen  jetzt  auf  den  nördlichen  Neusibirisehen  Inseln  ±  sandiger ­
  Geschiebelehm  (auf  Kotelny  1—2.5  m  Mächtigkeit)  mit  teilweise  polierten  Blöcken  von  0.7—1  m
Durchmesser  als  Untergrund  des  Bodeneises  gefunden  worden  sein.
B.  Theorien.
Da  die  beiden  ersten  Forscher,  die  längere  Zeit  auf  den  Neusibirisehen  Inseln  weilten  (1886  bis
1887).  über  das  Aussehen  der  Eisprofile  zu  verschiedenen  Ansichten  kamen,  ist  es  nicht  verwunderlich, ­
  daß  auch  ihre  Erklärungsversuche  voneinander  abweiehen.
a)  Bunge  ging  von  den  heute  in  der  Tundra  wirksamen  Kräften  aus,  von  den  Frostspalten  und
den  in  ihnen  verkommenden  Adern,  Blöcken,  Gängen  von  Bodeneis,  deren  Bildungsart  schon  ge ­
            
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