accessibility__skip_menu__jump_to_main

Full text : 49, 1930/1931

38

Aus  dam  Archiv  der  Deutschen  Seewarte.  —  49.  Bd.  Nr.  3.

Für  den  Spätsommer,  in  den  die  Reise  des  „Meteor“  fiel,  lassen  sich  die  aerologi  sehen  Messungen
heranziehen,  die  H  e  r  g  e  s  e  11  im  Gebiet  von  Spitzbergen  in  den  Jahren  1906—10  ausgeführt  hat. 7 )  Besonders ­
  interessant  sind  die  Werte  für  1906.  Hier  liegen  einerseits  5  Aufstiege  über  3  km  bei  Spitzbergen, ­
  andererseits  2  Aufstiege  in  der  Gegend  des  norwegischen  Nordkap,  also  im  Westwindgebiet,  vor.
Der  mittlere  Temperatur-Gradient  der  Spitzbergen-Aufstiege  ist  0.46°/lO0  m  (unter  Einrechnung  des
Aufstieges  vom  3.  August  1906  sogar  nur  0.34°/100m),  während  der  mittlere  Gradient  der  beiden  Aufstiege
bei  Norwegen  0.57°/100  m  beträgt,  also  dem  allgemein  angenommenen  Mittelwert  von  0.6°/100  m  nahe
kommt.  Der  Aufstieg  vom  4.  September  1906  stellt  einen  besonders  instruktiven  Zwischentyp  dar,  da  er
in  der  Gegend  von  Hammerfest  bei  NW-Wind  den  mittleren  Gradienten  von  0.44°/100  m  ergab,  also
wahrscheinlich  Luftmassen  erfaßt  hat,  die  aus  der  Gegend  von  Spitzbergen  stammen.
Die  Ausgangswerte  der  Temperatur  am  Erdboden  sind:  Bei  den  Spitzbergen-Aufstiegen  4.7°,  auf  See
an  der  norwegischen  Küste  6.7°  im  Mittel.  Bei  der  vorliegenden  Differenz  der  Gradienten  von  0.1°/100  m
ist  Temperaturgleichheit  schon  in  2000  m  erreicht,  und  Druckausgleich  zwischen  beiden,  als  benachbart ­
  vorausgesetzten  Luftsäulen  schätzungsweise  bei  4700  m.  Bis  hierhin  weht  die  Luft  von  der  Spitzbergen- ­
  zur  Norwegenluft,  darüber  kehrt  sich  das  Druckgefälle  und  die  Windrichtung  um.  Besteht  aber
am  Boden  kein  Druckunterschied  in  beiden  Luftsäulen,  was  ja  durchaus  möglich  ist,  da  sie  nicht  im
genetischen  Zusammenhang  von  Hoch  und  Tief  stehen,  dann  erfolgt  die  Umkehrung  des  Druckgefälles  in
noch  geringerer  Höhe,  das  Ausströmen  der  „Kaltluft“  ist  dann  auf  eine  sehr  dünne  Bodenschicht
beschränkt.
Es  gibt  weitere  Anzeichen,  daß  wenigstens  im  vorliegenden  Fall  die  Anwesenheit  polarer  Kaltluft  ausgeschlossen ­
  ist.  Seit  dem  10.  August  zeigen  alle  hohen  Pilotaufstiege  von  Island  bis  Ostgrönland  in  der
Höhe  starke  Nordströmung  (Aufstiege  23,  25—27,  29).  Die  Nordströmung  setzt  in  Westgrönland  —  trotz
der  bei  Julianehaab  noch  geringen  Breite  des  Kontinents  von  etwa  180  km  in  westöstlicher  Richtung  —
gänzlich  aus.  Dieses  Ergebnis  entspricht  völlig  den  Befunden  von  A.  de  Quervain 8 )  in  den  Jahren
1909  und  1912/13.  Doch  die  ersten  Aufstiege  an  der  Ostküste  auf  der  Rückreise  (Nr.  45—48,  50,  51,  54)
zeigen  sie  wieder,  ebenso  die  Messungen  während  der  Querung  der  Dänemarkstraße,  diese  freilich  nur  in
geringeren  Höhen.  Der  erste  hohe  Aufstieg  in  Reykjavik  (Nr.  67  am  28.  August)  zeigt  die  Strömung  in  der
Höhe  über  6  km  noch  immer  ebenso  kräftig,  als  Nr.  23  am  10.  August! 9 )
Versuchen  wir  diese  Tatsache  mit  den  soeben  dargestellten  Verhältnissen  zwischen  Spitzbergen-  und
Norwegenluft  in  Verbindung  zu  bringen,  so  ergibt  sich,  daß  eine  von  bodennahen  Schichten  bis  in  große
Höhen  einheitlich  herrschende  Nordströmung  nicht  bestehen  kann,  wenn  polare  Kaltluft  mit  subtropischer
Warmluft  „konfrontiert“  wird.  Die  ausfließende  Strömung  kann  nur  sehr  geringe  Höhe  erreichen.  Sie
ist  in  Abb.  16  a  nicht  eingezeichnet.  Schon  bald  erzwingt  die  langsamere  Dichte-Abnahme  in  der  Warmluft ­
  einen  Druckgradienten  von  warm  zu  kalt,  der  sich  in  größerer  Höhe  erneut  umkehrt.  Im  vorliegenden
Fall  würde  im  günstigsten  Fall  eine  dünne  Schicht  mit  —  infolge  der  Reibung  —  mäßig  bewegter  Kaltluft ­
  aus  NW  von  Südwind  überlagert  werden,  und  erst  in  größerer  Höhe  (vgl.  Abb.  16  a)  würde  wieder
N  auftreten.  Die  ausfließende  Kaltluft  kann  gänzlich  fortfallen,  da  infolge  der  mit  zunehmender  Windgeschwindigkeit ­
  entlang  der  Isobare  wehenden  Luftströmung  der  Massentransport  von  der  warmen  zur
kälteren  Luftsäule  gering  bleibt.

7 )  Beitr.  z.  Phys.  d.  fr.  Atm.,  Bd  II.  1906  -08,  ebenda,  Bd.  VI,  1914.
8 )  de  Quervain:  Gleichzeitige  Pilotaufstiege  in  Westgrönland  und  Island.  Beitr.  z.  Phys.  d.  fr.  Atm.,
V,  1913,  S.  132;
Derselbe:  Ergehn,  d.  Schweiz.  Grönland-Expedition  1912)13.  Schriften  d.  Schweiz.  Naturf.  Ges.,  S.  384  ff.
8 )  In  bezug  auf  die  gleichen  Luftmassen,  die  für  Westgrönland  in  Reaktion  treten,  sagt  de  Quervain  (1.c.
S.376):  „Um  in  höheren  Schichten  noch  eine  Luftdruckverteilung  aufrecht  zu  erhalten,  die  unseren  Beobachtungen
gerecht  wird,  müßte  man  die  tiefen  Bodentemperaturen  der  nordostgrönländlsehen  Antizyklone  als  völlig  lokal
und  seicht  ansehen  und  die  Herkunft  des  Überdruckes  in  hohen  Schichten  hinauf  verlegen.  ..  Der  Körper  dieser
Antizyklone  dürfte  dann  bis  in  große  Höhen  nicht  kalter  sein  als  die  Luft  über  dem  Tiefdruck  über  der  Davisstraße
und  Bafflnsbai.“
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.