J. G e o r g i — F. A li lg r i in in — W. Stöbe: Forschungsreise „Meteor“ nach Island—Grönland 1928. 37
massen treten aus zwei Ursachen mit den warmen in Reaktion: Dynamisch dadurch, daß sie ein Bewe
gungshindernis für die warmen Luftmassen darstellen, die zur Umströmung gezwungen werden, wobei
sich in See ein Unterdruckgebiet bildet (Wirbel hinter Strompfeiler nach A. Wegener). Ferner statisch
durch die größere Dichte, die ein Ausfließen in den unteren Schichten gegen die Warmluft bewirkt.
Die Luft-Temperaturen der Zeit vom 15. bis 19. August während des Ablaufens der grönländischen
Ostküste sind in Abb. 15 dargestellt, und zwar für die Temperatur in der Hütte (h= 8.8 m) und im Mast
(h = 27.2 m); gleichzeitig ist die Temperatur der Wasseroberfläche dargestellt; oberhalb dieser Dar
stellung sind außerdem die an Bord gemessenen Winde eingetragen. Klar ergibt sich hieraus ein enges
ursächliches Zusammengehen der Lufttemperatur mit derjenigen des Wassers. Am 15. befindet sich
„Meteor“ im Kaltwasser von etwa 2°: Die Luft zeigt etwa 3°, und zwar bis zur Masthöhe hinauf, ent
sprechend der wiederholten Beobachtung, daß über schmalen Kaltwasserstreifen die Lufttemperatur dem
Wasser nicht völlig folgt, solange sie noch mit wärmerem Wasser innerhalb desselben Gebietes im
Austausch steht. Am 16. kommt „Meteor“ in Warmwasser, am 17. von 8 bis 9°, und recht gut erreicht im
Verlaufe des 17. die Lufttemperatur die gleiche Höhe, fällt auch am 18. mit dem Wasser wieder langsam
ab. Schlagartig zeigt der Sprung der Wassertemperatur am 16. August zwischen 19 und 24 Uhr Bordzeit
(22—03 h MEZ), wie gut die Lufttemperatur der untersten 30 m jeder Änderung der Wassertemperatur
folgt. Offenbar ist die Parallelität gefördert durch den hier einsetzenden Nordsturm, der für eine rege
Durchmischung der untersten Schichten sorgt. Die am 17. und 18. August passierenden Luftmassen be
sitzen nahezu Warm wasser temperatur, obwohl sie längstens 300 sml entfernt und schätzungsweise 40 h
vorher 6 ) über Kaltwasser und Eis hingetrieben sind und dabei sicherlich nahezu dessen Temperatur an
genommen haben.
Wenn am äußeren Rand der während dieser Tage längs der Dänemarkstraße sich erstreckenden
Depression (vgl. Taf. 18 der flugmeteorologischen Bearbeitung von Dr. Troll) hiernach polare Kaltluft
nicht nachweisbar ist, so ist es um deren Beteiligung an dem Sturm überhaupt schlecht bestellt. Denn im
Westen bilden die ungemein zerrissenen, bis 3000 m ansteigenden Küstenberge für eine Kaltluftmasse ein
natürliches Hindernis, während nach Osten die wesentlich weniger als 150 sml entfernte Troglinie die
zweite Begrenzung der Kaltluft darstellen müßte. Der Einwand, die hohen am 17. und 18. beobachteten
Temperaturen entstammten einer Vermischung mit an der Konvergenzlinie eingeströmter Warmluft, wäre
ebenso hinfällig, denn mit dem Begriff der echten Kaltluft ist Ausströmen in den unteren Schichten
untrennbar verbunden, wodurch sich, wie an jedem winterlichen Strahlungshoch erkennbar, der
Charakter der Kaltluft vor Vermischung rein bewahrt Daß sich am Boden Warmluft, in der Höhe Kalt
luft befindet, kann ebensowenig angenommen werden.
Es ist ja überhaupt die Frage berechtigt, woher an der grönländischen Ostküste echte polare Kalt
luft kommen soll. Diese Luft muß in jedem Fall das Meeresgebiet zwischen Island und Spitzbergen
passieren, das dank mehrerer Zweige des Golfstromes niemals arktischen Charakter annimmt, außer in
einem verh. schmalen Streifen längs der grönländischen Ostküste (vgl. die Karte der Salzgehalte dieses
Gebietes bei Schott, Ann. d. Hydr. 1928 H. 5, Abb 1). Ein Strom kalter Luft aus dem Polargebiet wird
vom Meer aus während der Reise über 15 Breitengrade so nachhaltig erwärmt werden, daß auf der
Breite von Island von einem polaren Charakter nicht mehr gesprochen werden kann. Hierüber dürfen
die tiefen Wintertemperaturen Spitzbergens nicht hinwegtäuschen. Da sie nur auf geringe Höhe be
schränkt sind, wirkt im ganzen betrachtet diese dünne Schicht durch Strahlung abgekühlter Luft nur wie
eine der Erdoberfläche adsorbierte Lufthaut, die zu einer selbständigen aktiven oder auch nur passiven
Bewegung nicht imstande ist, da die Reibung auf der Unterlage ebenso wie bei irgendeiner teigartigen
Substanz die geringen, auf weitere Ausbreitung zielenden Gewichtsdifferenzen gegenüber wärmerer Luft
kompensiert. Es kann nicht genug darauf hingewiesen werden, daß bei vorliegender Strahlungskaltluft
die Bodentemperaturen und -Isothermen diagnostisch unbrauchbar werden.
B ) Mittlere Strömungsgeschwindigkeit von 21 mps in Bodennähe angenommen.