Lucie Baehder: Grundlagen und Versuch einer laudscliai’tskundl. Gliederung der nördl. algerischen Sahara. 49
Von der großen Zahl der Oasen des Rir erhält man am besten eine Vorstellung, wenn man bedenkt,
daß auf der Strecke Mraier bis Touggourt die größte Entfernung zwischen zwei Oasen 14 km beträgt 46 ).
Die Existenz dieser zahlreichen Oasen wird durch das mächtige artesische Grundwasserflöz ermöglicht,
das in dem nördlichen etwas tiefer gelegenen Teil des Wadi Rir in Tiefen von 70—80 m erbohrt wird.
Alle Oasen haben ein einheitliches Gepräge 47 48 ): eine, manchmal zwei geschlossene Siedlungen inmitten
der meist durch Lehm wände umgebenen Pflanzungen, durch die sich Bewässerungskanäle von verschiede
nen artesischen Brunnen aus hinziehen. Letztere sind stets in gewissem Abstand voneinander angelegt,
damit sie sich gegenseitig nicht beeinflussen. Vom Rande der Gärten führen Abzugskanäle aus der
Oase hinaus, meistens in den Bereich abflußloser Salzsenken hinein, die sich gewöhnlich in der Nähe der
Oase befinden. So liegt in Djemaa eine große Sebkha unmittelbar an der Siedlung Tiguedidine, während
Tebesbest der Länge nach durch eine solche Sebkha geteilt ist. Überall nehmen die versandeten Palmen
einen bestimmten, wenn auch gewöhnlich kleinen Raum am Rande der Oase ein.
Durch ihre besondere Anlage fällt die Oase Tamernn-Djedida 1 *) auf: Dort sind die Häuser der Stadt
mit Ausnahme eines Sandhügels im Westen im Kreis um einen zentral gelegenen Platz gebaut. Einige
Hauptstraßen durchziehen in konzentrischen Kreisen die Stadt, von deren Mittelpunkt nach allen Himmels
richtungen Straßen und Gassen ausstrahlen. Diese setzen sich in der ebenfalls nahezu kreisrunden die
Stadt umgebenden Palmenpflanzung fort, so daß die Gärten in lange schmale Ringsektoren aufgeteilt sind.
Alle diese Oasen des Rir, von denen nur Mraier, Sidi Khelil, Ourlana, Djemaa, Tamerna, Moggar
genannt seien, liegen an der großen Straße, die durch das Wadi Rir von Biskra nach Touggourt führt.
Mit dieser größten Oase endet somit die Grundwasser strom-Oasenniederung gegen Süden.
3. Die Oase Touggouri.
Auf Grund der photographischen Aufnahmen von Passarge läßt sich folgendes Bild der Oase
Touggourt gewinnen:
östlich der großen Straße Biskra—Touggourt liegt die Palmenoase, die sich bogenförmig nach Osten,
Nordosten oder Norden hinzieht. In dieser, z. T. an ihrem Rande, liegen kleine geschlossene Dörfer.
In Touggourt selbst befinden sich der Markt und der große Platz mit dem französischen Regierungs
gebäude westlich der Biskrastraße. Die Eingeborenenstadt, die durch verschüttete Palmenhaine begrenzt
wird, liegt ganz im Westen. Hellgelbliche bis weiße Sandfelder rahmen Stadt und Oase im Westen und
Osten ein.
Die Eingeborenenstadt besteht aus einem Gewirr von Kastenhäusern und hohen Lehmwürfelmauern,
die enge, tiefe, rechteckige Höfe einschließen. Nirgends sieht man in der Stadt offene Gassen, denn die
Dächer der Häuser treten in Erdgeschoßhöhe so dicht aneinander, daß man unter ihnen wie in den
Straßen einer unterirdischen Stadt wandelt. Über diese Dächer erheben sich die Kästen der fensterlosen,
einstöckigen Häuser mit plattem Dach und umschließen enge und tiefe Höfe, so daß man eine „ober- und
unterirdische“ Etage der Stadt unterscheiden kann. Nur Lichtschächte öffnen sich hier und da auf die
Straße.
Ganz anders die moderne Stadt. Breite, helle Straßen, ein weiter, rechteckiger, von kommenden und
gehenden Karawanen belebter Markt, an welchem langgestreckte mit Laubengängen versehene Gebäude
stehen: die Kaserne mit Schießschartenmauer, der Säulenpalast des Bureau arabe in maurischem Stil,
vor dem ein artesischer Springbrunnen sprudelt, machen dieses Viertel zu einem freundlichen, weitläu
figen, wohlhabenden Stadtteil.
In den Pflanzungen herrscht wie in allen Pflanzungen Etagenkultur. Man zieht außer der Dattel
palme verschiedene Obstbäume: Feigen, Aprikosen, Granatäpfel, Apfel- und Birnbäume und auch Wein.
4<s ) Berbrugger a. a. O., S. 36.
4J ) Karten — 1 : 10.000 der Oasen des AVarll Rir.
48 ) D.iedkla = Neustadt.