Lucie Raelider: Grundlagen und Versuch einer landsehaftskundl. Gliederung der uördl. algerischen Sahara. 41
Zeugenberge sind isoliert oder in Gruppen stehende, verschieden hohe, oft tafelförmige Berge in
Form von meist viereckigen, abgestumpften Pyramiden, die vom Rand eines Plateaus losgelöst, in der
Ebene von dessen einstiger Ausdehnung zeugen. Stehen mehrere Zeugenberge beieinander, so haben
sie meist gleiche Höhe. Die Auflösung eines Plateaus in Zeugenberge kann viele Kilometer weit vor
geschritten sein. Aufgebaut werden sie aus meist horizontalen, harten und weichen Sedimentschichten.
Die Gipfelplatte — einem Deckel vergleichbar — wird von einer harten Schicht gebildet; die übrigen
bilden oft gestufte Hänge. Diese mehr oder weniger steilen Abhänge werden von einer hohen Schutt-
und Sandböschung verkleidet, aus der nur hie und da ein harter Schichtkopf hervorschaut. Manchmal
ist der Schuttfuß vom Wind fortgeblasen worden.
Diese Inselberge ragen selten höher als 30 bis 50 Meter über ihre Umgebung empor, manchmal
sind sie kaum 5 bis 10 Meter hoch und machen den Eindruck von großen Erdhaufen: Von ihrer rund
lichen bis ovalen Grundfläche führen mehr oder weniger jäh abfallende, bisweilen konkave Abhänge
zu dem Gipfel empor, der meist flach abgestutzt ist.
Der Rand des Mzabplateaus bricht nach dem Wadi Mya zu steil ab und ist derartig zerschnitten, daß
nur die Zeugenberge das Vorhandensein der Kreidetafel bezeichnen. Auch hier fallen die Schichten
gegen O 30° S ein. Etwa 50 km östlich von Wargla erhebt sich ein anderes Plateau, das die gleiche Ge
steinszusammensetzung wie die Mzabtafel hat. Aus der dazwischen liegenden, von den Armen des
Igharghar durchzogenen Ebene stehen vereinzelt oder in Gruppen die Zeugenberge als Reste der ehe
mals zusammenhängenden und von großen Flüssen zerschnittenen Tafel.
Das Bett dieses Wadi Mya besteht zwischen Ilassi Inifel bis Wargla aus einer weiten Reg und
Nebka-Ebene 25 ), von Zeugenbergen in verschiedenen Abständen begrenzt. Diese zeigen am Rand der
Tafel, der Grenzlinie gegen den Erg, bis zum Hassi Inifel weniger scharf ausgeprägte Formen als im
Gebiet südöstlich von Wargla. Sie bilden im ganzen mehr ein welliges Gelände, weite Täler zwischen
sich einschließend. Infolgedessen bildet das Wadi Mya nicht ein Tal, sondern ein System meistens
parallel laufender Flußbetten, die oft miteinander verschmelzen und sich wieder trennen, so daß sie viel
fach verschiedene Namen tragen.
Ganz anders ist das Aussehen der Zeugenberge, die sich im Osten und Südosten von Wargla bis
fast zum Brunnen Ain Taiba hinziehen. Hier häufen sich die Zeugenberge nach Osten zu und gehen
in ein geschlossenes Plateau über, während die Tafel nach Westen zu mehr und mehr aufgelöst ist.
Nach Passarge 28 ) erheben sich diese Zeugenberge etwa 12 km östlich von Wargla aus einer Ebene mit
Kies und weißen Tuffkrusten, auf der hin und wieder nordnord west-südsüdöstlich streichende Dünen
auflagern. Um den platten Gipfel der Tafelberge legt sich eine hoch hinaufreichende Schuttböschung
aus rötlichen Sandsteingeröllen, die wiederum von einem bis zum Gipfel reichenden Sandmantel bedeckt
ist. Die Sandsteintrümmer zeigen die Spuren lebhafter Sandkorrasion. Hie und da tritt unter den Geröll-
und Sandmassen der anstehende Sandstein zutage. Den Gipfel bildet ein „Kranz“ von harten, roten
Sandsteinen, die von weißen Tuffrinden und -gängen durchsetzt sind. Zwischen den verschiedenen
Zeugenbergen lagert Geröll und weißer Tuffboden.
So zieht sich diese Zeugenberglandschaft, die anfangs von Reg und vegetationsreicher — oft gute
Weiden bietender — Nebkawüste unterbrochen wird, über den Hassi Tarfaia und Hassi Deribia hinweg.
Dort verdrängen zunächst kleinere Dünen, dann immer ausgedehntere Sandmassen die Zeugenberge
mehr und mehr, bis sie schließlich die Landschaft ganz beherrschen und die geschlossene Gassi-Sand
dünenwüste des Erg beginnt.
Zeugenberge entstehen in der Grundform dadurch, daß der Plateausteilrand durch fließendes Wasser
im Zwischentalrücken aufgelöst und diese wieder durch seitliche Zerschluchtung in einzelne — Zeugen —
Berge zerlegt werden. Später haben dann Sandschliff und zeitweilige heftige Regenfälle für eine weitere * 20
-’ 5 ) Derreeagaix, Exploration du Sahara, Paris 1882, S. 87.
20 ) Tagebuch, 1. Oktober 1907.