Lueie Kaeluler: Grundlagen und Versuch einer landscliaftskundi. Gliederung der nördl. algerischen Sahara. 20
daß Lungenkranken ein Aufenthalt in der Wüste empfohlen wird. In Algerien tritt Tuberkulose zwar
auf — nach Battandier oft als Folge zu starken Alkoholgenusses — verschwindet jedoch mit Annäherung
an die Wüste.
Erschreckend groß sind dagegen Zahl und Art der Krankheiten im Salzmeergebiet der Chotts.
Zwei Faktoren müssen als entscheidend für die gesundheitlichen Verhältnisse in den Cbottoasen be
trachtet werden: die Wasserversorgungsverhältnisse und die sozialen Zustände.
Die Chottregion hat schlechtes Trinkwasser; hiermit stehen die ungünstigen sanitären Verhältnisse
in engstem Zusammenhang. Trotz der strengen Vorschriften der mohammedanischen Religion läßt die
Reinlichkeit sehr zu wünschen übrig: das nötige Wasser fehlt oft — das wenige vorhandene muß als
Trinkwasser verwendet werden. Übertragungsmöglichkeiten von Infektionskrankheiten sind zur Genüge
da. Dysenterie steht unter den Infektionskrankheiten an erster Stelle. Grober 74 75 ) berichtet, daß die Sterb
lichkeit der älteren Leute und der Kinder durch Darmkrankheiten, die durch verunreinigtes Trinkwasser
verursacht werden, außerordentlich groß ist. Die unregelmäßige Lebensweise und die große tägliche
Temperaturschwankung begünstigen ihr Entstehung. Die Krankheitsfälle an Dysenterie steigen mit der
schlechten Wasserversorgung in den Oasen.
Dysenterie und Typhus, die besonders Europäer befallen, und bösartige Fieber sind am Rande der
Wüste häufig 73 ). Biskra ist in dieser Beziehung ein für die französische Armee gefürchteter Platz; die
Garnison wird jährlich gewechselt und die Dienstzeit doppelt gezählt 76 ). Eine Krankheit, die zu den
häufigsten Erscheinungen der ganzen Gegend gehört, ist die unter dem Namen „Clou de Biskra“ bekannte
meist ungefährliche aber entstellende Infektionskrankheit. Langsam heilende Geschwüre im Gesicht
hinterlassen bei langer Dauer häßliche Narben. Sie befällt nur Europäer, die sich lange in Biskra auf
halten 77 ), und unterscheidet sich dadurch von der Aleppobeule, die in Kleinasien und Mesopotamien auch
Fremde befällt, die sich nur vorübergehend dort aufhalten. Die Franzosen haben die Krankheit „Aleppo
beule“ nach den verschiedenen Orten genannt, in denen sie sie in Algerien vorfanden: „Clou de Biskra“,
„Bouton de Gafsa“. Die Ursache ist noch unbekannt. Petermann, den Kobelt zitiert, sucht die Veran
lassung in dem schlechten unreinen Erdsalz, das in allen befallenen Gebieten angewendet wird. Andere
bringen die Krankheit mit dem üblen Trinkwasser in Zusammenhang.
Neben der schlechten Wasserversorgung ist für viele Oasen die ungünstige Lage inmitten aus
gedehnter Sümpfe unheilvoll. Dieser Fall trifft für El Oudiane, El Hamma und Tamerza zu, Oasen, die
durch Malaria außerordentlich gefährdet sind. Für Tamerza hatte die Regierung vorgeschlagen, die
Stadt auf einer anderen Stelle — von den Sümpfen entfernt — ganz neu aufzubauen. Die Einwohner
(860) haben aber aus Gründen der Tradition und aus Aberglauben diese Vorschläge, die von Hygienikern
der Regierung vorgelegt waren, abgelehnt. Sommer und Winter wütet die Malaria; viele Einwohner
zeigen das gelblich-weiße Aussehen der an Malaria chronisch Erkrankten.
Soziale Mißstände sind bei allen anderen Infektionskrankheiten die vorwiegende Ursache der Aus
breitung. Das zusammengedrängte Wohnen in den schmutzigen, dunklen Behausungen der Oasen för
dert die ungehinderte Ausbreitung ansteckender Krankheiten. So bezeichnet Grober die Syphilis als eine
wirkliche Volkskrankheit. „Tunesische Ärzte haben wiederholt angegeben, daß die nordsaharische Be
völkerung fast bis zu 100% damit infiziert sei.“ — Auch die Pocken haben hier von jeher eine große
Rolle gespielt: bei allen Rassen, die im Djerid vertreten sind, sind häufig Pockennarben im Gesicht und
am Körper zu bemerken. — Eine andere schlimme Infektionskrankheit stellt der Trachom dar, dessen
Verbreitung die in den mit Menschen überfüllten Siedlungszentren des Djerid auf tretenden Fliegen be-
74 ) Grober, ®. a. O. S. 11.
75 ) Im Wadi Rir bei Touggourt -erkrankte Passarge im September an einem heftigen Fieber, das in Beziehung
gebracht w-irid zu dem magnesiumsulfathaltigen Wasser. Da Tagebuch vermerkt: „Das Fieber soll hier sehr schlimm
sein, a-m schlimmsten i-in Mai und inn September/Oktober.“
76 ) Kobelt, Reiseerinnerungen aus. Algerien und Tunis, 1885.
77 ) Battandier et Trabut L’Algérie, 1898, S. 229, „elle ne se montre due pendant les fortes chaleurs, mais elle
attaque toutes les races, le nègre, l'Arabe comme l’Européen“.