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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte. — 48. Rd. Kr. J.
gegenüber den unbehaarten, die Fingerspitzen gegenüber der Innenhand und die bekleideten Teile gegen
über den unbekleideten; die Reibung, besonders von Wollkleidung, erzeugt bei Lufttrockenheit sehr
ausgesprochene Aufladung (7).
Neuerdings hat C. D o r n o ausführlichere Untersuchungen über die physiologischen Wirkungen
der Luftelektrizität angestellt (Physiol. Wirkungen der Luftelektrizität, Ztsch. f. wiss. Bäderkunde,
3927, H. 2). Die luftelektrischen Faktoren hängen wiederum u. a. von dem Grade der Lufttrockenheit
ab. In Uebereinstimmung mit F. D e s s a u e r - Frankfurt glaubt D., daß chemische und biologische
Prozesse durch positiven und negativen Elektronenstrom zu beeinflussen sind.
Die Blutungen aus Nase und Mund und die gelegentlichen tödlichen Lungenblutungen (8) („pul
monía“ der bolivianischen Bergleute) sind vielleicht nicht so sehr der Höhe zuzuschreiben als vielmehr
dem außerordentlichen Wassermangel der Luft in den Gebieten der Puna und Kordillere (mechanische
Austrocknung des Epithels) (9).
Es ist allerdings die Möglichkeit vorhanden, daß die Blutungen nicht nur direkt eine Folge der
Trockenheit der Atmosphäre, sondern indirekt ihres luftelektrischen Verhaltens sind, beispielsweise einer
bestimmten, stark betonten Unipolarität, wie sie bei Föhnwind beobachtet wird. So teilte F. Sauer
bruch dem Verf. mit, daß er Thyriodektomien in München bei Föhnlage wegen überaus starker Blutungs
gefahr nicht ausführte. In Davos wird nicht selten bei Tuberkulösen ein leichtes Ansteigen der Tem
peratur beobachtet, wenn der trockene Fallwind einsetzt, ebenso eine Vermehrung der Lungenblutungen.
Man könnte vermuten, daß das atmosphärische Milieu einen Einfluß auf den Blutdruck ausübt.
Ein analoges Verhältnis finden wir z. B. in den klimatischen Bedingungen der transkaspischen
Wüste (10).
Einfluß der atmosphärischen Trockenheit auf die unbelebte Umwelt.
Wenn man in der Hochsteppe Nord-Chiles oder Boliviens reist oder sich in der Hoch-Kordillere
Mittel-Chiles aufhält, wird der Einfluß der Trockenheit auch in der Umgebung augenfällig. Möbel be
kommen Risse; Zigarren schützt man vor der Austrocknung durch in die Kisten eingelegte Salatblätter;
gummierte Briefumschläge springen auf und müssenmit Siegellack verschlossen werden; Schreibpapier
rollt sich, eine Erscheinung, die bei den Wachstuchdeckeln der Notizbücher besonders lästig wird. In
folge der Trockenheit treten elektrische Glimmentladungen beim Abrollen von Klosettpapier auf, und
photographische Platten werden oft dadurch verdorben, daß beim Oeffnen des Chassis Entladungen
stattfinden. Merkbare Schläge erhielt ich in der Mine Aguila in 5200 Meter Höhe (bolivianische
Hoch-Kordillere) beim Abziehen der Vicuiia-Decke vom Feldbett u. ä. m.
Die Bergarbeiter jener Gebiete machen sich gelegentlich den Scherz, Kadaver von Maultieren,
Pferden, Lamas und Hunden aufrecht gegen die Telegraphenstangen zu stellen: mumifiziert bieten
diese noch nach Jahren einen grotesk-schauerlichen Anblick dar. Aehnlich haben sich die Leichname
der nur oberflächlich begrabenen Eingeborenen ohne Einbalsamierung durch die Jahrhunderte erhalten.
Die ganze Landschaft mit ihren Effloreszenzen an Salzkriställchen, ihren Salaren, ihrer Oede
scheint Trockenheit zu atmen, und die so spärlichen Vertreter des Pflanzenreiches wie die Llareta (eine
Umbellifere) sind wahre Wunder in ihrer Anpassung an das austrocknende Klima: an den steinigen
Boden knollig gepreßt, mit Harz überzogen, gleichen diese Pflanzen eher anorganischen als organischen
Gebilden.
Diese kurze Beschreibung läßt erkennen, wie sehr sich das Element der atmosphärischen Feuch
tigkeit in jenen Hochebenen und Gebirgen Chiles, Boliviens und anderer Gebiete mit ähnlichem Klima
bemerkbar macht, sowohl in bezug auf die Außenwelt als auf den Menschen, während im allgemeinen
gerade dieses Element nicht fühlbar ist, außer im Zustande der Schwüle, d. h., wenn bei einer bestimm
ten höheren Temperatur die Luft eine größere Menge von Wasserdampf enthält, unter Bedingungen also,
welche den oben beschriebenen entgegengesetzt sind.