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Full text : 48, 1929/1930

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Walter  Knoche:  Der  „Austrocknungswert“  als  klimatischer  Faktor.

Daß  der  Austrocknungswert,  wie  ihn  Tabelle  3  (im  Schatten)  darstellt,  in  Sibirien  wirklich  außerordentlich ­
  klein  wird,  kann  auch  durch  die  direkten  Messungen  der  Verdunstung  bewiesen  werden,  die
z.  B.  in  Nertschinsk  (cp  —  56°  19'  N,  /.  =  119°  37'  E)  vorgenommen  wurden,  und  die  für  Dezember  und
Januar  den  Wert  0,  für  Februar  den  Wert  1  mm  ergaben  (vergl.  Arrhenius,  Kosmische  Physik,
II.,  p.  623).
Hierauf  ist  es  zurückzuführen,  daß  das  Haar-Hygrometer  bei  außerordentlich  großen  Trockenheiten
fast  vollkommen  seine  spezifischen  Eigenschaften  verliert  und  der  mit  Hilfe  von  konzentrierter  Schwefelsäure ­
  fixierte  Nullpunkt  ein  illusorischer  wird.  So  ändert  sich  der  Nullpunkt  bei  andauernder  sehr
geringer  Feuchtigkeit  derartig,  daß  das  Haarhygrometer  nicht  mehr  zur  Messung  der  relativen  Feuchtigkeit ­
  dienen  kann.  (Persönliche  Beobachtung  in  Nord-Chile  und  Hoch-Bolivien).
(70)  C.  Schieffer  (Zeitschr.  f.  Physik  u.  diaetet.  Therapie,  1912,  p.  161),  sagt,  daß  in  bezug  auf
konstante  Trockenheit  der  Luft  Aegypten  von  keinem  anderen  Land  erreicht  wird.  Diese  Angabe  ist
irrtümlich,  da  die  ägyptischen  Mittelwerte  im  Schatten  nur  den  in  den  Tabellen  angegebenen  Stufenwerten
entsprechen.  Die  mittleren  und  extremen  (bioklimatischen)  Tageswerte  zeugen  von  der  weitaus  größeren
Evaporationskraft  des  Klimas  der  nord-chilenischen  Hochwüste  oder  der  chilenischen  und  bolivianischen
Puna.  In  dieser  Hinsicht  muß  das  Klima  des  nord-chilenischen  Inlandes  von  außerordentlicher  therapeutischer ­
  Wirkung  sein,  da  es  schon  auf  den  gesunden  Menschen  einen  mächtigen  Einfluß  ausübt.
Assuan  z.  B.  hat  im  Winter  die  gleiche  Temperatur  (14,8°)  wie  Chuquicamata  im  Sommer;  doch  wird
Assuan  nur  im  Winter  als  Kurort  besucht,  da  der  Sommer  (Januar  32°)  zu  heiß  ist.  Chuquicamata  dagegen ­
  hat  auch  im  Winter  bei  einer  Mitteltemperatur  von  8°  (Juli)  eine  so  kräftige  Strahlung,  daß  der
Aufenthalt  sehr  angenehm  ist;  es  könnte  während  des  ganzen  Jahres  Kranken  als  Aufenthalt  dienen.
Der  winterliche  Austrocknungswert  in  Assuan  (Schatten  und  Windstille)  ist  nur  dem  von  Berlin  gleich,
wenn  er  auch  bei  Einrechnung  der  Strahlung  größer  wird.  In  Chuquicamata  jedoch  ist  der  Wert  8%  mal
größer  als  in  Assuan  oder  Berlin;  bei  Wind  ist  der  Wert  in  Assuan  2  mal  so  hoch  als  in  Berlin,  in
Chuquicamata  5  mal  so  hoch.  Dazu  kommt  im  Inneren  Nord-Chiles  die  oft  völlige  Staubfreiheit  und
die  Wirkung  des  Höhen-Klimas,  welches  Aegypten  fehlt.  Die  Höhe  steigert  die  Eigenschaften  des
Wüstenklimas.
Der  Arzt  muß  zunächst  ein  derartig  extremes  Wüstenklima  wie  das  Nord-Chiles  oder  der  Puna
mit  größter  Vorsicht  verordnen.  Als  gegenindiziert  sind  wohl  zu  betrachten:  Arteriosklerose,  Asthma,
Herzkrankheiten  aller  Art,  Leberkrankheiten  und  Neurasthenie.  Bei  folgenden  Krankheiten  würde  jedoch
versuchsweise  der  Aufenthalt  in  jenen  Gebieten  anzuraten  sein:  ausgewählte  Nierenleiden,  Rheumatismus, ­
  Bronchial-Katarrhe,  geschlossene  und  chirurgische  Tuberkulose,  wenn  die  selbstverständlichen
Vorsichtsmaßregeln  in  Betracht  gezogen  werden  (langsame  Gewöhnung,  Ruhe,  Schutz  vor  der  Nachtluft,
dauernde  medizinische  Ueberwachung  usw.).  In  Chile,  Bolivien  und  Peru,  die  Gebiete  besitzen,  welche
bis  zu  5000  m  Höhe  mit  der  Eisenbahn  erreichbar  sind,  können  sich  noch  ungeahnte  klimatherapeutische
Möglichkeiten  eröffnen.
            
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