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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte. — 48. Bd. Nr. 1.
fläche eine Temperatur von —10°, so beträgt bei einer relativen Feuchtigkeit von 5 %, wie sie in der
Hoch-Kordillere Nord-Chiles und Boliviens nicht selten auftritt, der Austrocknungswert nur 2,7, einer
relativen Feuchtigkeit von 40% bei +20° entsprechend.
Für die Korrosion der Gletscher wird der Austrocknungswert eine gewisse Bedeutung haben, be
sonders wenn er den Wert für Wind und Höhe mit einschließt, obwohl als Hauptfaktoren weniger die
Verdunstung als Temperatur, Intensität und Dauer der Strahlung (Abschmelzen) mitsprechen.
(44) Fraglich kann er erscheinen, ob der geoklimatische Austrocknungswert als Komplement.die
Angabe der Temperatur oder der Abkühlungsgröße benötigt; wichtiger ist es, den geoklimatischen Aus
trocknungswerten die Angabe der Niederschlages beizufügen. Gerade im Vergleich zu Anmerkung (20)
erscheint es wertvoll, für bestimmte Zonen die Größe des Austrocknungswertes und die Höhe der
Niederschläge einander gegenüberzustellen, z. B. für die feuchte und fast niederschlagslose Küsten
wüste Nord-Chiles und für die außerordentlich trockene Puna, in der Niederschläge fallen.
(45) Bei Windstille ist der Begriff schwül bis zu einem gewissen Grade auch
ohne Angabe der Temperatur bestimmbar.
Man kann einen Grenzwert festsetzen, von dem an ein niedriger bioklimatischer Austrocknungs-
wert als schwül bezeichnet werden soll; dieser Grenzwert dürfte (Fig. 3) bei 6 liegen. Nur Werte unter
dieser Grenze können überhaupt ein Gefühl der Schwüle hervorrufen.
Es scheint, daß der Austrocknungswert (nicht die relative Feuchtigkeit) für das Vorkommen einiger
Tierrassen in gewissen Gebieten ausschlaggebend ist, ohne daß die Lufttemperatur einen Einfluß aus
übt. Das Kamel ist an Gebiete gebunden, w t o die Dampfspannung 11—12 mm nicht überschreitet. Die
absolute Feuchtigkeit besitzt (vergl. (47)) unter Umständen eine physioklimatische Bedeutung, welche
dem Austrocknungswerte entspricht. Ein anderer Vertreter der Kameloiden ist gleichfalls an ein Gebiet
größerer Austrocknungswerte gebunden, das Guanaco, welches in Patagonien . (bis zum Atlantischen
Ozean) und Feuerland sowie in der chilenisch-argentinischen Hoch-Kordillere und im Norden von Chile
vorkommt. Erland Nordenskjöld (s. „Indianerleben“, Leipzig 1912, p. 155) hat es auch in einem
Trockengebiet der Tropenzone östlich der bolivianischen Anden beobachtet.
Das Guanaco kommt hier offenbar in einer Trockenregion vor, die den gleichen Austrocknungs
wert wie seine übrigen Wohngebiete in Süd-Amerika hat, in bezug auf relative Feuchtigkeit, Temperatur
und Luftdruck von diesen aber durchaus verschieden ist.
Auch das Lama scheint nicht, wie oft angenommen wird, an einen bestimmten niedrigen Luftdruck
gebunden zu sein. Zur Zeit der spanischen Conquista fand es sich in Chile bis in die Gebiete des
niederschlagsreichen Chiloe als Haustier der Indianer. Es ist anzunehmen, daß es als Lasttier durch
Pferd und Maultier, als Fleisch- und Wolltier durch Rind und Schaf von den Niederungsgebieten
auf die bolivianischen und peruanischen Hochflächen zurückgedrängt wurde, wo es bei dem dort herr
schenden Holz- und Kohlenmangel vor allem das Brennmaterial (taquia = Lamamist) liefert.
Alle südamerikanischen Cameloiden könnten sich in manchen Gebieten Nord-Europas zweifellos
einbürgern.
Der südamerikanische Strauß (Rhea Darwini) findet sich sowohl in dem eisigen Patagonien wie
auf der nordchilenischen Hochebene und der bolivianischen Puna. Er kommt gelegentlich im Gebiete
des Tacora im Schnee bis in Höhen von 4000 m vor, ebenso jedoch (nach mündlicher Mitteilung des
Herrn Prof. Wolfhügel-Montevideo) in der heißen Provinz Catamarca, Argentinien. Auch hier scheint
der Austrocknungswert eine Bedeutung für das Wohngebiet zu haben.
(46) Siehe Hann, Lehrb. d. Meteorol. (1915), p. 214/15.
(47) In diesem Falle hätte die absolute Feuchtigkeit eine anthropoklimatische Bedeutung. Hann
hält dies nicht für zutreffend (s. ITandb. d. Klimatol. (1911), I., p. 47); dem widerspricht das unter (33)
Gesagte.
(48) Siehe B i g e 1 o w, 1. c., p. 21