Dr. Heinrich Lösche: Lassen sich die diluvialen Breitenkreise usw. rekonstruieren? 35
Maße nach Osten zu verlegen, wie Koppen und Wegener ihn nach Westen verlegen. Nach dem Be
funde der Talungleichseitigkeit ist eine westliche Pollage einfach ausge
schlossen. Es muß damit den zahlreichen Geologen, Zoologen und Botanikern beigepflichtet werden,
die die Theorien Köppens und Wegeners, wenigstens deren Ansicht über die Art und Weise der Polbe
wegungen ablehnen.
Wenn auch alles gegen eine westliche Pollage spricht, so ist damit die östliche noch lange nicht
bewiesen. Es wurde ja auch gezeigt, daß ganz ohne Polverschiebung rein aus der Gunst der Hanglage
zur Nachmittagssonne die Abweichung der größten Talungleichseitigkeit von der Breitenrichtung erklärt
werden kann. Vielleicht trat mit jeder Eiszeit eine geringe Polverlagerung nach Osten ein, die, wie
Spiteler zeigt, eher als Folge, denn als Ursache der Vereisungen aufzufassen ist.
Über die Lage des Pols während des Diluviums läßt sich somit nur Negatives aussagen. Wenn man
jedoch rings um den Pol auf allen nördlichen Erdteilen die Querprofile der Täler aufs genaueste unter
suchte und die Ergebnisse vergliche, würde man vielleicht zu bestimmten Ergebnissen kommen.
XIV. Scblußbetrachtuiig.
Bei der Zusammenstellung der zahlreichen Erklärungsversuche ist bereits gezeigt worden, daß in
West-, Mittel- und Osteuropa in bestimmten Gebieten die Talungleichseitigkeit beobachtet wurde. Von
Rußland greift sie nach Asien über, wo heute noch die Bedingungen für die Entstehung der asymmetri
schen Täler augenscheinlich vorhanden sind. Nur in Amerika sind solche Verhältnisse anscheinend
noch nicht beobachtet worden. Es ist aber zu vermuten, daß sie auch dort zu finden sind. Die ungleich
seitigen Täler werden viel häufiger sein, als sie in der Literatur beschrieben werden.
In den Grenzgebieten des Erzgebirgsbeckens z. B. ist keineswegs die Talungleichseitigkeit ver
schwunden, sondern sie ist nur undeutlicher geworden, weil der schnellere Wechsel von verschieden
widerstandsfähigem Gestein in den Kontakthöfen der umgebenden Granitmassen nicht ohne Einfluß
geblieben ist.
Wohl nimmt die Talungleichseitigkeit um so mehr ab, je mehr man vom Mittelgebirge in das nord
deutsche Tiefland gelangt, aber auch dort ist sie nicht ganz verschwunden. Die Endmoränenzüge der
zweiten Vereisung Norddeutschlands südlich von Hamburg sind von zahlreichen Trockentälern zer
schnitten. G r i p p (29,30) macht es wahrscheinlich, daß sie nur in einem Klima entstanden sein konnten,
in dem Frostboden den sandigen Untergrund undurchlässig machte. Die Frostbodentäler sind aber,
wie wir wissen, ungleichseitig ausgestaltet. Die Talungleichseitigkeit wurde bisher übersehen, weil die
Täler von den höchsten Punkten meist nach allen Seiten ausstrahlen und deshalb die Asymmetrie nicht
so auffällig ist wie bei Scharen paralleler Nebentäler, ferner, weil die wasserscheidenden Höhen niedrig
sind, und weil außerdem in den höchsten Gebieten die Täler oft zu kurz sind, um es zu einer deut
lichen Ungleichseitigkeit des Querprofils kommen zu lassen. Jedoch bei den zahlreichen westöstlichen
Tälern zwischen Harburg und Jesteburg ist die Asymmetrie der Talgehänge gut zu erkennen.
Wir sehen: Die Talungleichseitigkeit ist wohl in ihrer besten Ausprägung auf einzelne Gebiete
nur beschränkt, eben weil dort die wasserscheidenden Höhen genügend hoch sind und außerdem gleich
mäßig abspülbares Material ansteht; aber mehr oder weniger deutlich greift sie viel weiter um sich.
Wir können von einer regionalen Verbreitung sprechen. Soweit, wie in den Vorländern der Nord
europäischen, der Alpen- und der Pyrenäen Vereisung der Boden während des Diluviums tiefgründig
gefroren war, soweit werden ungleichseitige Täler auch zu finden sein. Die Talungleichseitig
keit ist damit ohne Zweifel als eine der deutlichsten unter den per ¡glazialen
Erscheinungen einzureihen, aus der wir noch dazu Wichtiges über die Lage
der diluvialen Breitenkreise entnehmen können.