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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte. — 48. Bd. (Nr. 7.
mehr man ins Einzelne vorzudringen versucht, desto unsicherer wird man, weil Untersuchungen über
die Bodentemperaturen der einzelnen Expositionen nur aus den Alpen zum Vergleich herangezogen
werden können. Es wäre ein dringendes Bedürfnis, sie für die verschiedensten Klimate zu wiederholen.
Die besten Aufschlüsse gäbe aber zweifellos eine Spezialuntersuchung der ungleichseitigen Täler der
sibirischen Frostbodengebiete, die mit Bodentemperaturmessungen auf den verschiedenen Hangrich
tungen und gleichzeitig mit genauen Beobachtungen über den Tagesgang der übrigen klimatischen
Elemente verbunden sein müßte.
Bei der Verwendung der Messungsergebnisse Kerners auf die vorzeitlichen Tundrengebiete ist auf
folgende wichtige Frage nicht eingegangen: In welcher Breite lag Mitteleuropa in den diluvialen Kalt
zeiten? Das bedeutet gleichzeitig auch: Mit welcher Sonnenhöhe und mit welcher Tageslänge hat man
für die mitteleuropäischen Tundrengebiete zu rechnen?
c) Polverschiebung.
Über die Art und Weise der gewaltigen Verschiebungen, die die Klimagürtel im Diluvium erfahren
haben, stehen sich zwei Ansichten gegenüber. Die erste läßt während einer allgemeinen Abkühlung die
polaren Tundrengebiete allseitig nach dem Äquator zu wachsen. Die zweite aber geht von einer Ver
lagerung der Erdachse aus. Ein Land des Mittelgürtels kann so in immer höhere Breiten kommen und
schließlich den polaren Zonen angehören. Das in gleichen Breiten auf dem entgegengesetzten Längen
grad liegende Gebiet muß gleichzeitig mehr und mehr dem subtropischen Gürtel sich nähern. Bei einer
solchen Verschiebung verlagern sich die Breitengrade und gleichzeitig verlagert sich auch der Sonnen
bogen. Das hätte wiederum großen Einfluß auf die Erwärmung der Talflanken und damit auch auf die
Talungleichseitigkeit gehabt. Der Schluß liegt nahe, daß die Abweichung der größten Talungleichseitig
keit von der Breitengradrichtung zu einem Teil wenigstens auf die Verlagerung der Breitengrade nach
der Richtung NW—SO zu zurückzuführen ist. Der Pol müßte demnach auf der östlichen Halbkugel
gelegen haben.
Von seiten der Zoologen fände man für diese Behauptung sofort Unterstützung.
Klapalek veröffentlichte 1909 im Zoologischen Anzeiger folgendes:
„Der Verbreitnngskreis gewisser Insektengruppen entspricht keineswegs ilen Parallelkreisen noch den jetzigen
klimatischen Verhältnissen. Ich finde keine passendere Erklärung, als daß die geographische Verbreitung dieser
Gruppen von verwandten Gattungen den ehemaligen Verhältnissen entspricht, wie sie während der letzten einfluß
reichen Periode der Eiszeit auf die Verbreitung der Tiere und Pflanzen gewirkt haben. Der Mittelpunkt der Ver
breitungskreise dieser Insekten entspricht nicht dem Nordpol, sondern ist weit auf die östliche Halbkugel ver
schoben. Wenn wir auch auf die Wirkung der übrigen, das Klima bestimmenden Faktoren Rücksicht nehmen,
welche sich noch jetzt geltend machen, müssen wir den Mittelpunkt des Kreises irgendwo in der Inselgruppe von
Nowaja Semlja suchen.“
Ebenfalls für eine, wenn auch unbedeutende östliche Pollage treten Reibisch (84) und Si m ro t h
(100) ein. Sie lassen während der Eiszeiten den Pol auf dem Meridian 10° östl. v. Gr. auf Europa zu
sich bewegen.
Diese Ansichten sind jedoch verklungen. Heute hat man sich mit den Polverschiebungen Köppens
und Wegeners (55, 116) auseinanderzusetzen, die bekanntlich zu den Haupteiszeiten eine, von Europa
aus gesehen, westliche Pollage annehmen. Da sie den Pol in allen Eiszeiten, die Europa betroffen
haben, mit Ausnahme des baltischen Vorstoßes, zwischen 60 und 40° westlicher Länge auf Westgrön
land vermuten, müßten die Breitengrade in Europa sehr stark nach der Richtung SW—NO zu abge
wichen sein. Das würde in unserem Falle bedeuten, daß die Talseiten, die heute vormittags bestrahlt
werden, in diluvialer Zeit zu einem Teil wenigstens der Nachmittagssonne ausgesetzt waren. Die Rich
tungen der größten und geringsten Talungleichseitigkeiten müßten dann erheblich zugunsten der Vor
mittagsseiten verschoben sein. Wir haben aber gehört, daß die Talungleichseitigkeit gerade nach den
entgegengesetzten Richtungen zu liegt und zwar so weit, daß man versucht ist, den Pol in demselben