Dr. Heinrich Lösche: Lassen sich die diluvialen Breitenkreise usw. rekonstruieren?
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Nachmittags dagegen ist der Boden durchschnittlich trockener, im zweiten Falle aufgetauter. Ein
größerer Teil der auf genommenen Wärmeenergie kann zur Temperaturerhöhung verwendet werden. Das
ganze Jahr hindurch müßte aber demnach die höchste Bodentemperatur auf den nach SW schauenden
Hängen zu finden sein. Daß jedoch eine Wanderung des Maximums nach SO im Sommer besteht, ver
langt gleichzeitig eine regelmäßige Schwächung der nachmittäglichen Sonnenstrahlung.
R. Geiger (25, S. 106) erklärt dieses nachmittägliche Strahlungsmaximum wie folgt:
„Ursache hierfür ist, wie schon Fritsch (20) und J. v. Hann (33) angeben, das nachmittägliche Bewöl
kungsmaximum im Sommer. Gerade im Gebirge, aus welchem ja die Beobachtungen stemmen, pflegt der Nach
mittag auch der heiteren Tage Bewölkung („Schönwettercumuli“) öfters Gewitter und Niederschläge zu bringen.“
Die Erwärmung des Bodens ist somit stark beeinflußt vom Wetter. Nur mit
äußerster Vorsicht können deshalb die Ergebnisse, die in den Alpen gewonnen worden sind, auf einen
anderen Ort übertragen werden. Aber soviel kann gesagt werden, daß das SW-Maximum, das sowieso
schon während des größten Teiles des Jahres herrscht, viel sicherer ist, da es an Erscheinungen ge
knüpft ist, die von dem konstanten Minimum der Lufttemperatur vor Sonnenaufgang abhängig sind.
Geiger bezeichnet deshalb das SW-Maximum als das normale. Viel unbeständiger wird dagegen das
SO-Maximum sein.
Mit diesen Erklärungen, die sich den Untersuchungen A. Kerners anschließen, kann die Abweichung
der größten Talungleichseitigkeit von der WO-Richtung gedeutet werden. Die Nachmittagsexposition
ist, wie Figur 9 zeigt, im Jahresdurchschnitt wärmer als die Vormittagsexposition. In den Tälern des
Erzgebirgsbeckens sind deshalb auch die nach Westen gerichteten Talseiten stets steiler als die Gegen
seiten. Am steilsten sind jedoch im Durchschnitt die nach Südwesten schauenden Talseiten. Im Früh
jahr zur Zeit des größten Wasserstandes in den Frostbodengerinnen, wenn die Talflanken am heftigsten
vom fließenden Wasser angegriffen werden können, zeigt auch tatsächlich die SW-Auslage ein ausge
sprochenes Maximum der Erwärmung. Jedoch das sommerliche SO-Maximum stört. Der am Sommer
nachmittag aufsteigende Staub, die Schömvettercumuli und die zahlreichen Gewitter geben Anlaß für
eine viel größere Bewölkung als vormittags. Besonders bei den Gebirgen unserer Breiten trifft das zu.
Ob aber dieses SO-Maximum auch für eine Tundrenlandschaft, die bis nach Mitteleuropa sich erstreckte,
charakteristisch war, ist sehr zweifelhaft. Es ist leicht möglich, daß in Frostbodengebieten das nach
mittägliche Maximum fehlt. Der aufgetaute Boden ist ja größtenteils stark durchfeuchtet. Eine Staub
aufnahme von den Konvektionsströmen der Luft in dem Maße wie in unserem Klima dürfte ausge
schlossen sein. Die stark verkürzte, warme Jahreszeit in der Tundra besitzt, wie es in den Beschrei
bungen der nördlichen Periglazialgebiete immer wieder bestätigt wird, vielmehr den Charakter des
Frühlings. Der Schnee bleibt ja stellenweise bis in den Hochsommer hinein liegen.
Weit schwieriger ist folgendes jedoch zu erklären: Warum sind bei den Tälern der Richtung
SW—NO noch die nach Nordwesten gerichteten Hänge steiler als die nach Südosten gerichteten? Selbst
wenn man bei der Entstehung der Ungleichseitigkeit eine so große Überlegenheit der Nachmittagser
wärmung annimmt, wie sie in den Messungen Kerners nur im Dezember und Januar besteht, würden
NW- und SO-Hänge erst gleichbegünstigt sein. Die Nullinie der Talungleichseitigkeit müßte dann ge
rade mit der Richtung SW—NO zusammenfallen und dürfte nicht zwischen den Richtungen WSW—ONO
und SW—NO liegen. Man könnte sich über die Schwierigkeiten mit der Annahme hinweghelfen, daß
in den Frostbodengebieten damals die Gegensätze zwischen Vormittags- und Nachmittagsauslagen noch
größer waren. Außerdem wäre noch ein Umstand zu erwähnen. Zur Schneeschmelze tritt in den Bächen
der höchste Wasserstand meistens erst am spätesten Nachmittag, oft erst nach Sonnenuntergang ein.
Vielleicht konnte in den Tälern der fraglichen Richtung das abendliche Hochwasser gerade die Hänge
stark bearbeiten, die zuletzt den Sonnenstrahlen ausgesetzt waren.
Die Abweichung der größten Talungleichseitigkeit von der W—O-Richtung
und der geringsten von der N—S- Richtung kann wohl mit einer verschieden
kräftigen Vormittags- und Nachmittagserwärmung erklärt werden. Jedoch, je