Dr. Heinrich Lösche: Lassen sich die diluvialen Breitenkreise nsw. rekonstruieren?
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Richtung WSW — ONO ist ein Wechsel eingetreten. Durchgängig steiler sind jetzt nur noch die nach
Südsüdosten schauenden Hänge. Die Unterschiede sind aber in den letzten beiden Richtungen im Durch
schnitt sehr gering. Deshalb sind die Linien, die die steileren Hänge darstellen sollen, unterbrochen
gezeichnet. Innerhalb der schraffierten Kreisausschnitte muß ein Umspringen der steileren Hänge von
den nach Westen ausliegenden Talseiten über die Nullinie der Ungleichseitigkeit auf die nach Osten
ausliegenden Hänge eintreten. Die Nullinie der Ungleichseitigkeit liegt demnach nicht genau senkrecht
zur Talrichtung der größten Ungleichseitigkeit, sondern nach Westen zu verschoben. Es ist schwierig,
genauere Angaben zu machen. Bei den rechten Nebentälern des Mülsenbaches z. B., die hauptsächlich
in den fraglichen Richtungen liegen, sind in fast gleichgerichteten Tälern die steileren Hänge bei den
einen auf den West-, bei den anderen auf den Ostseiten zu finden. Besonders auffallend ist, daß in
diesen Tälern die Ungleichseitigkeit nicht etwa gering ist, sondern mehrmals werden Werte von weit
über 2 erreicht. Wenn auch hier der verschieden stark auf getaute Frostboden die Ungleichseitigkeit
beeinflußt haben mag, so müssen ganz geringe Unterschiede schon von großem Einfluß gewesen sein.
Die Bäche zeigen noch heute, da sie die steilen Hänge des Mülsentales durchbrechen, ein besonders
großes Gefälle. Die Erosionskraft muß zu jeder Zeit sehr groß gewesen sein. Ganz geringe Ver
schiedenheiten des Frostbodens konnten deshalb den Bach schon veranlaßt haben, die begünstigte Tal
seite sehr stark zu unterspülen.
XIII. Die Abweichung der Talimgleichseitigkeit im Erzgebirgsbecken von der
der Frostbodentäler Sibiriens und ihre Erklärung.
a) Darstellung der Abweichung.
Nachdem das Verhältnis der Talungleichseitigkeit im Untersuchungsgebiet berechnet worden ist,
kann auch die Abweichung, die es von dem der Frostbodengebiete Sibiriens unterscheidet, genauer
angegeben werden. Die Figuren 7 und 8 zeigen eindeutig, daß im Erzgebirgsbecken
nicht in der Breitenrichtung, sondern um 45° abweichend in der Richtung
NW — SO die größte Un gleichseitig k eit und die geringste nicht in der Längen
richtung, sondern diesmal sogar um mehr als 45° abweichend zwischen den
Richtungen NO — SW und ONO — WSW zu finden ist. Demnach unterscheidet sich die
Talungleichseitigkeit im Erzgebirgsbecken sehr stark von der in den sibirischen Frostbodentälern.
Bemerkenswert ist aber, daß der Charakter der Kurve in Figur 8 derselbe ist, wie er nach den Worten
Schostakowitschs in einer den sibirischen Verhältnissen entsprechenden Kurve sein müßte. Nur
sind Maximum und Minimum um ungefähr 45 J verschoben.
Wie kann diese gewaltige Abweichung erklärt werden?
Professor Schostakov'itsch wurde um Auskunft gebeten, ob Abweichungen ähnlicher
Art in Sibirien Vorkommen. Er hat sich wiederum an russische Professoren gewandt, die mit den
geographischen Verhältnissen Sibiriens sehr gut vertraut sind. Er konnte jedoch nicht mehr erfahren,
als er in seiner Arbeit veröffentlicht hat. Es gibt keine Spezialuntersuchungen, nur in Reiseberichten
findet man spärliche Andeutungen. In einem kurzen Aufsatz E. Römers (87) wurden einige Mit
teilungen über Talungleichseitigkeit in Sibirien gefunden. Die Beobachtungen sind bei einer Fahrt auf
der transsibirischen Bahn gemacht worden, sie sind deshalb flüchtiger Natur. Außerdem spricht Römer
von linken und rechten Steilhängen. Da keine genaueren Karten vorhanden sind, ist bei kleineren
Tälern mit diesen Bemerkungen nichts anzufangen. Soviel konnte jedoch entnommen werden, daß es
neben steileren nach Süden schauenden Höngen auch steilere nach Westen schauende Hänge gibt.
Wenn die sächsischen Täler nur flüchtig untersucht worden wären, wenn nicht die guten topo
graphischen Karten zur Verfügung gestanden hätten, könnten sehr leicht von der Wirklichkeit stark
abweichende Angaben gemacht werden. In einzelnen Randstationen ist es auch tatsächlich anders, weil