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Aus dem Archiv der Deutschen See warte. -- 48. Bd. Nr. 7.
stoßen der skandinavischen Eismasse, würde im unvereisten V o r 1 a n d e wieder
um Frostboden nach sich ziehen, und dieser würde die Entstehung der un
gleichseitigen Täler möglich machen.
Im Muldental ist von Grahmann nach der Elstereiszeit ein fünfmaliger Wechsel von Aufschotterung
und Erosion nachgewiesen worden. An den Talgehängen der Nebentäler müßte ebensogut wie in den
Haupttälern ein fünfmaliger Gefällswechsel zu beobachten sein. Jedoch, w’ie schon berichtet worden ist,
sind in den Haupttälern die Terrassen durch Lößstaubablagerungen verwischt. Gleiches gilt auch für
die Nebentäler. Verständlich wird das, wenn man mit Ein tritt eines kalten Klimas
die ganz anderen Bodenbewegungen annimmt, die flächenhaft wirken und jede
Unebenheit ausgleichen können.
Verständlich ist jetzt auch, daß die tieferen Terrassen der Haupttäler von den Nebentälern
symmetrisch durchschnitten werden. Die Terrassen sind Flußaufschotterungen eines kalten Klimas.
Sie stellen die Erosionsbasis für ungleichseitige Täler dar. Bei Kliniabesserung werden diese durch
Tiefenerosion verlassen. Erst dann fangen die Nebenbäche an, die Terrassen zu durchschneiden. Da die
Bedingungen für Frostboden jetzt fehlen, sind die entstehenden Erosionsformen gleichseitig. Die älteren
gleichseitigen Terrassendurchschnitte wurden in den mehrmals folgenden kalten Klimaperioden wieder zu
ungleichseitigen gemacht. Bei den jüngeren aber genügten die folgenden Kaltperioden nicht, um die
Symmetrie, die gegenwärtig wieder angestrebt wird, völlig zu vernichten.
Auch der muldenförmige Talschluß der ungleichseitigen Täler mit den engen, bis 8 m tief eingesenkten
Kerbschluchten läßt sich leicht erklären, wenn der Wechsel von Klimaverschlechterung zu Klima
besserung hier herangezogen wird. Kam es zur Ausbildung von Frostboden, dann mußten alle Quellen
versiegen, alles Wasser mußte oberflächlich abfließen. Eine wirksame Erosion konnte erst eintreten,
wenn sich genügend Wasser angesammelt hatte. Im Talschluß trat die Wirkung des erodierenden
Wassers ganz anderen Kräften gegenüber zurück. Es werden auch hier die für kalte Klimate mit Frost
boden eigentümlichen Bodenflußerscheinungen, die alle durch fließendes Wasser erzeugten Unebenheiten
ausgleichen, herangezogen werden müssen. Ein muldenförmiger Talschluß ist das End
produkt dieser Kräfte gewesen. Wahrscheinlich wird bei der Entstehung der muldenförmigen
Talschlüsse neben der Solifluktion die Schnee-Erosion wirksam gewesen sein, so wie sie von Passarge
in seiner Morphologie der Stadt Remda beschrieben wird (72. S. 210):
„Unter dem Schnee, der sich in den Talschlüssen besonders hoch anhäufte und ganz besonders lange liegen
bleiben mußte, wird der Boden durch das abwechselnde Frieren und Tauen aufgetoekert und das zerkleinerte
Material mit den Schneewässern uusge.schweiuuit. Infolgedessen wird der Boden unter Schneeflocken vertieft, es
entstehen Nischen und namentlich am Ende eines Tales kann sehr wohl infolge der Schneerosion eine runde
Nische, ein Zirkus, ein Trichterzirkus entstehen.“
Aber mit dem Verschwinden des Frostbodens und mit dem Einsetzen einer geschlossenen Vegetations
decke, die eine Schnee-Erosion unmöglich macht, entstanden wieder normale Grundwasserverhältnisse.
In bestimmten Höhen der Talschlüsse brachen Quellen hervor, die nach und nach einen Quelltrichter
bildeten. Diese fraßen sieh mit steiler Rückenwand in den Talschluß hinein. Die engen Kerbschluchten
entstanden, die sich heute noch weiterentwickeln können.
Diese Erscheinungen sind durchaus nicht auf das Erzgebirgsbecken beschränkt. Aus der nächsten
Umgebung, aus dem Vogtlande, beschreibt sie E. Martin (63. S. 232), aus der Umgebung Tübingens
P. Keßler (48. S. 129—134). Den gleichen Gegensatz zwischen Kerbschlucht und muldenförmigem
Tälschluß beobachtete Passarge im Gebiete des Meßtischblattes Stadt Remda. Er schließt daraus,
daß die Veränderungen in historischer Zeit hauptsächlich in dem Wiedererwachen der Vertikalerosion
bestehen (72. S. 215). Ähnliche Verhältnisse beschreibt auch Rathjens in seiner Morphologie des
Meßtischblattes Saalfeld (83. S. 79).
Wie die oben angeführten Kerbschluchten, sind auch die kleinen, schluchtartigen, gleichseitigen
Tälchen zu erklären, die die Steilhänge der Mulde, Pleiße und der Lungwitz zerschneiden. Nach