Dr. Heinrich Lösche: Lassen sich die diluvialen Breitenkreise usw. rekonstruieren? 21
Höhe über der Talaue. Diese richtet sich im Talanfang nach der Höhe des Terrassenabsturzes zur Tal
sohle des Haupttales. Ist dieser besonders hoch, so senkt sie sich talaufwärts immer mehr, bis sie nur
noch 3—5 m über der Aue des Nebenbaches liegt. Diese Höhe wird im ganzen Mittellauf des Baches
ungefähr eingehalten. Eine stärkere Veränderung tritt erst im Oberlauf wieder ein.
Die Talungleichseitigkeit nimmt nach dem Talschlusse zu ab. Der Querschnitt wird gleichzeitig mehr
und mehr muldenförmig. Schroffe Hänge treten zurück. Es trifft hier der Satz Schostakowitschs
zu, daß die Asymmetrie um so kleiner wird, je niedriger die wasserscheidenden Höhen sind, die das Tal
begrenzen. In diesem breiten muldenförmigen Talschluß liegt eine enge 4—8 m tiefe, völlig gleich
seitige Kerbschlucht eingesenkt. Von hier aus nimmt erst der Bach seinen Lauf. Oft liegen innerhalb
eines Talschlusses mehrere Quellkerben, die sich aber sehr bald vereinigen. Der Gefällsknick zwischen
der steilen Kerbschlucht und der sanften Böschung des Talschlusses geht talabwärts an den nach Westen,
Südwesten und Süden schauenden Hängen mehr und mehr in den steilen Hang über nnd verschwindet
ganz, wenn das Talgehänge sehr steil ist. An den Gegenhängen geht er in den Gefällsabsatz des flachen
Hanges über. Er verliert nur etwas an Höhe.
Mehr oder weniger deutlich ist so bei allen Nebenbächen der Mulde und
Pleiße ein enges, gleichseitiges Tal innerhalb eines breiten ungleichseitigen
Tales von Talanfang bis Talschluß zu verfolgen. Beide Täler können nur ganz entgegen
gesetzten Bedingungen ihre Entstehung verdanken.
Ober die Entwicklung der mitteldeutschen Täler hat man durch die Arbeiten Sörgels (104 bis 108)
bestimmte Anschauungen gewonnen, die auf genauen Untersuchungen der Schotterterrassen fußen. Im
folgenden soll noch geprüft werden, wie weit diese Anschauungen für die Erklärung der engen
symmetrischen Täler innerhalb der breiten asymmetrischen Täler nutzbar gemacht werden können.
VIII. Die Entstehung der Schotterterrasseil der Haupttäler und ihre Beziehungen
zu der Entstehung der Nebentäler.
Es ist ein mehrfacher Wechsel von Auf Schotterung und Erosion bei der Entstehung der Haupt
täler durch verschieden hoch liegende Schotterterrassen erwiesen. Gegenwärtig überwiegt die Ver
tiefung in den Haupttälern.
Grahmann (29. S. 146) sagt über die sächsischen Flußtäler:
„Was wir heute im Mittellauf unserer Flnßtäler beobachten, ist das Ueberg'anKSstadhmi zwischen einer
in der Bildung von Aulehmen ausklingenden Aufschüttung und beginnender Erosion, die sich zunächst hauptsächlich
in dem linearen Einsehneiden des Flußbettes kennzeichnet.“
Damit wird für die Nebenbäche die Erosionsbasis tiefer gelegt. Von der Mündüng dringt die Erosion
rückwärts fortschreitend in den Nebentälern aufwärts Da das Vertiefen des Haupttales immer noch
andauert, wird das Nebental in der Tiefenerosion immer etwas nachhinken. Diese Störung der aus
geglichenen Gefällskurve der Nebentäler ist sehr gut zu erkennen. Für alle untersuchten Nebentäler der
Mulde und Pleiße wurden die Längsprofile gezeichnet, und diese wiesen in den meisten Fällen in ihren
unteren Abschnitten eine deutliche Zunahme des Gefälles auf.
Der Übergang von der Aufschüttung zur Erosion in jüngst vergangener Zeit erklärt wohl, daß in
den breiten Nebentälern enge, von steilen Hängen eingefaßte Täler eingesenkt sind, nicht aber, daß die
ersten ungleichseitig und die zweiten gleichseitig sind. Den Grund für den Wechsel von Auf Schotterung
und Erosion glaubt Sörgel (108) bei den mitteleuropäischen Flüssen in einem Wechsel des Klimas zu
finden. Grahmann (29) schließt sich ihm in seinen Untersuchungen der Muldenschotter an. Ein kaltes
und trockenes Klima ist für ihn Voraussetzung für die diluviale Aufschotterung und ein wärmeres und
feuchtes für die Erosion. Ein kaltes Klima, das auch Anlaß gab zu den weiten Vor