Dr, Heinrich Lösche: Lassen sich die diluvialen Breitenkreise usw. rekonstruieren!
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Nach L. v. zur M ü h 1 e n s Ansicht (65) hat sich der Lößstaub einfach auf der Luvseite nieder
geschlagen. Er behauptet also das Gegenteil zu Tietze. Wie dieser Absatz vor sich geht, bleibt bei ihm
unbeantwortet. Für die einseitige Lagerung des Löß oder Lößlehms in asymmetrischen Tälern wird
noch eine einleuchtendere Erklärung zu geben sein.
4. Sonnenstrahlung.
Es ist eine Tatsache, daß die ungleichseitigen Täler eine bestimmte Lage zu den Himmelsrichtungen
besitzen. Nur exogene Kräfte, die feste Beziehungen zu diesen Richtungen haben, können zur Erklärung
herangezogen werden. Die Winde genügen nicht. Von einer ebenfalls gerichteten Kraft, der Sonnen
strahlung, ist noch nicht die Rede gewesen. Nur von drei Autoren ist bekannt, sie in Beziehung zu den
ungleichseitigen Tälern gebracht zu haben.
E. Zimmermann (124), der in der Hauptsache die Ansichten Rucktäschels teilt, übersah keines
wegs die vielen ungleichseitigen westöstlichen Täler Westsachsens. Durch einseitig wirkende Regen
winde ließen sich diese nicht erklären, wohl aber durch die Sonnenstrahlung. Der S-exponierte Hang
ist der Sonne am meisten ausgesetzt. Die Insolation ist hier am stärksten. Die Verwitterung arbeitet
sehr energisch. Durch Regenwässer wird immer wieder neuer Untergrund bloßgelegt, der Südhang
wird steiler, meint E. Zimmermann. Er begeht so den gleichen Fehler wie Rucktäschel, da er glaubt, daß
der stärker bearbeitete Hang steiler bleiben müßte.
Auch P. Keßler (48. S. 135) vertritt noch die gleiche Ansicht. Neu ist bei ihm, daß er die steileren
nach Süden gerichteten Hänge in einem kalten Vorzeitklima entstehen läßt, in dem die Frostsprengung
auf den sonnenexponierten Hängen am energischsten arbeiten kann. Er spricht von periglazialen Tal
gehängen. Auch vermutet er schon, daß die größte Talungleichseitigkeit nicht in der W—O - Richtung,
sondern in der Richtung NW—SO zu finden ist. Genauere Angaben fehlen.
Huttenlocher (44) fand allerdings nur schwache Böschungsverschiedenheiten in westöstlichen
Tälern in den Keupergebieten des schwäbisch-fränkischen Landes. Die stärkere Verwitterung muß, wie
er richtig bemerkt, die nach Süden schauenden Hänge abflachen. Er geht von einer verschieden dichten
Pflanzendecke aus. Wegen der stärkeren Sonnenstrahlung ist die dem Süden exponierte Talseite nie so
dicht bewachsen, die Regenwässer können flächenhaft wirken und präparieren die härteren Gesteins
bänke zwischen den Mergelschichten heraus. Heute ist übrigens die verschiedene Pflanzendichte nicht
mehr so genau zu beobachten. Doch ist sie wohl für die Zeitspanne der postglazialen Zeit begründet,
die wärmer war als heute.
Da Huttenlocher die Ungleichseitigkeit von den härteren Gesteinsbänken im Mergel abhängig macht,
ist seine Erklärung nur örtlich anzuwenden. Doch läßt sich auch hier Wichtiges noch dagegen ein-
w'enden. Er sagt (44. S. 85):
„Bezeichnend ist, daß diese Unterschiede am unteren Teil der Gehänge schärfer ausgeprägt sind
als am oberen Teil.“
Wenn seine Erklärung richtig wäre, müßten gerade am oberen Teil der Gehänge die Unterschiede
am größten sein. Am Fuße des stärker denudierten Hanges müßte sich eine größere Menge Ver
witterungsschutt ausbreiten und so das Gehänge vor Unterspülung bewahren. Gerade der untere Teil
des nach Süden gerichteten Gehänges müßte flacher sein.
Wir haben gesehen, wie mannigfaltig und wie widersprechend die Erklärungsversuche sind. Selbst
Darstellungen des gleichen Gebietes stimmen nicht überein. Credner berichtet, daß in Westsachsen die
westöstlichen Täler asymmetrisch sind, Rucktäschel, daß es einheitlich nur nordsüdliche sind. Die nord
südlichen Täler Podoliens werden von allen Forschern, die den Wind als Urheber ansehen, zum Beweise
herangezogen. Hilber, der mit seinem Gesetz nicht an bestimmte Himmelsrichtungen gebunden ist, weist
auf die ungleichseitigen westöstlichen hin. Aus allem können wir entnehmen, daß
wohl westöstliche und nordsüdliche Täler ungleichseitig ausgebildet sind.