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Dr. Heinrich Lösche: Lassen sich die diluvialen Breitenkreise usw. rekonstruieren?
seitiger sind als die westöstlichen. Theoretisch könnte man sich ja noch eine zweite Erhebungsachse
denken, die senkrecht zur ersten stünde. Allein hierzu fehlt jede tektonische Voraussetzung.
A. Ketzer (49) erklärt die Talungleichseitigkeit ebenfalls nur durch Krustenbewegung, wenn auch
auf andere Art. Er sieht die Bildung der Täler im ursächlichen Zusammenhang mit den zahlreichen
Verwerfungen, welche die Schichten des Erzgebirgsbeckens durchsetzen. Die bedeutendsten lägen, so
meint er, parallel zu den asymmetrischen Tälern. Das Steilgehänge ist für ihn die Abbruchstelle, das
flache gegenüberliegende Gehänge ist der abgesunkene Flügel der Verwerfung. Durch die Neigung der
Schichten der abgesunkenen Scholle würden die Bäche nach der gegenüberliegenden Seite immer mehr
verschoben werden. Sie unterspülten die Abbruchstelle und verschärften die Asymmetrie im Laufe der
Zeit noch.
Gegen Ketzer ist einzuwenden, daß Verwerfungen in den leicht abspülbaren Schichten nie ober
flächlich beobachtet worden sind. Erst der Bergbau nach Kohle tief unter den Tälern in der Umgebung
von Zwickau und Lugau-Ölsnitz hat die Verwerfungen aufgeschlossen. Vergleicht man die karto
graphische Darstellung der Verwerfungen mit der topographischen Karte, so ist festzustellen, daß sie
durchaus nicht mit den ungleichseitigen Tälern gleichlaufen. Bei Crimmitschau wird gegenwärtig im
stark ungleichseitigen Kobertal eine Talsperre angelegt. Der tiefe Verhärtungsschlitz schloß das
Anstehende des steilen und flachen Hanges prächtig auf. Es war nichts von einer Verwerfung im ganzen
Tal zu sehen. Ungestört gingen die Schichten vom flachen zum steilen Hang über. Ketzers Theorie ist
ebenfalls abzulehnen. Sie stimmt mit der Wirklichkeit nicht überein. Ebenso steht es mit jeder anderen
tektonischen Erklärung im Erzgebirgsbecken. Es ist ja auch auffallend, daß hier alle kartierenden
Geologen sich einig sind, daß die Täler unabhängig von der Tektonik sind.
ri) Meteorologische Erklärungen.
1. Regen winde.
Frühzeitig hat man die Empfindung gehabt, daß nur exogene Kräfte die Erscheinung hervorgerufen
haben können.
De Lamblardie (18. S. 291) war der erste, der schon 1789 für die Täler der Normandie eine
Abhängigkeit der steilen Hänge von ihrer Lage gegen die Regenwinde vermutete. In den Erläuterungen
zur geologischen Karte der Sektion Chemnitz 1877 spricht Siegert von „steilen oder den vorherrschenden
Windrichtungen ausgesetzten Gehängen“. Er berichtet auch, daß den Regenwässern eine große Rolle
zukommt, indem sie stark flächenhaft abtragen. Er sagt aber nicht, daß der vom Wind einseitig an die
Talflanken geschleuderte Regen die steilen Hänge erzeugt.
Rucktäschel hat wohl die Bemerkung Siegerts gekannt. Er schließt kühn in seiner Arbeit über
die Talungleichseitigkeit in Sachsen (88, 89):
Die den Ketten winden entgegenliegendcn Hänge werden stärker von den hier fast senkrecht aufschlageuden
Regentropfen bearbeitet. Das Gehänge wird verstärkt abgetragen, es wandert» da Regenwinde ans SW, W und
NW vorherrschen, nach den entsprechenden Ostriehtungen. Es behält seine Steilheit bei. Das dem Regenwinde ab
gewandte Gehänge verflacht immer mehr.“
Gegen Rucktäschel wird eingewendet: 1. Alle nach Süden schauenden Hänge sind steiler als ihre
Gegenhänge. Regen winde aus Süden sind aber in Sachsen höchst selten. Rucktäschel übersieht die
steilen Südhänge. Besonders auffallende versucht er durch Gesteinsunterschiede oder durch einseitige
Entwickelung des Zuflußgebietes zu erklären. 2. Ein vom Regenwind stark angegriffener Hang bleibt
nicht steil, sondern verflacht. Rucktäschel läßt wie Smolenski richtig entgegnet, das Denudations-
material unbeachtet. Seine Zufuhr ist von dem stärker bearbeiteten Hang auch am größten. Es wird
sich am Fuß des Hanges anhäufen und ihn vor Unterspülen durch den Fluß oder den Bach schützen.
Die Ansicht Rucktäschels ist noch einmal von Fahre (18) für das Pyrenäenvorland vertreten
worden. Die durch den Regenwind verursachte Talungleichseitigkeit macht er mehr von den petro-