Walter Knoche: l)er „Austrocknungswert“ als klimatischer Faktor.
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rasch genug verdunsten, um eine Wärmestauung zu verhindern. Besonders bei in diesem Falle fehlen
der Luftbewegung scheint es, als ob das Steigen des Wasserdampfgehaltes und das Gefühl zunehmender
Schwüle parallel verlaufen. Das folgende Beispiel mag erhellen, wie ungenügend die relative
Feuchtigkeit ein Klima charakterisiert: Lancaster (cit. Hann, Handb. d. Klimatol.
1911, I., p. 48) sagt, daß die Luft als sehr schwül empfunden wird bei 21° und 75%, bei 23,5° und 70%,
bei 25° und 65%, bei 28° und 50% und bei 29° und 45% (d. h. bei einem Dampfdruck von 14—15 mm);
bei 35° und 36 % müßte dann auch Schwüle herrschen. Im üblichen klimatischen Sinne kann man
aber selbst bei R. F. = 50 % unmöglich von „feuchter“ oder „schwüler“ Luft sprechen.
(15) Siehe Hann, Handb. der Klimat. 1911, L, p. 52.
(16) Siehe Hann, Handb. der Klimat. 1911, I., p. 48.
(17) Siehe Hann, Handb. der Klimat. 1911, L, p. 55.
(18) Siehe W. Ule, Zur Beurteilung der Evaporationskraft eines Klimas, Meteorologische Zeitschr.
März 1891, p. 91.
(19) Siehe G. Schwalbe, Ueber die Darstellung des jährlichen Ganges der Verdunstung, Metéoro-
logische Zeitschr. Februar 1902, p. 49.
(20) F. B i g e 1 o w, Las leyes de la evaporación del agua etc. Bol. 21 de la Ofic. Meteorol. Arg.
Es sei mir an dieser Stelle gestattet, auf die wenig zufriedenstellende Nomenkla
tur „trocken“ und „feucht“ hinzuweisen. Entweder gebraucht man die Ausdrücke „trocken“ und
„feucht“ (Trockenheit und Feuchtigkeit) vorzüglich in der Meteorologie in bezug auf den in der Luft
vorhandenen Wasserdampf, sei es, daß er durch die Dampfspannung absolut, durch die relative Feuch
tigkeit, das Sättigungsdefizit oder aber durch die Evaporationskraft angegeben ist. Dieser letzte Wert
enthält bereits den Temperaturwert, und man kann sich auf ihn besonders dann beziehen, wenn man
ein Klima im hygienischen oder baineotherapeutischen Sinne kennzeichnen will. Trotz allem aber sind
diese Bezeichnungen zweideutig, da unter Umständen mit „trocken“ und „feucht“ in der physi
kalischen Geographie resp. in der Klimatologie die Armut oder Fülle eines
Gebietes an kondensierten Niederschlägen bezeichnet wird (trockenes Kontinen
talklima, feuchtes Winterklima, die Trockengebiete der Erde usw.).
Man sieht hieraus, daß die Ausdrücke „trocken“ resp. „feucht“ einen ganz anderen Sinn erhalten
können. Z. B. schließt die Bezeichnung „ein feuchtes Tropenklima“ wohl neben der Fülle der Nieder
schläge auch den Begriff hoher Luftfeuchtigkeit ein. Wenn nun in der Tat ein Klima mit trockener
Luft häufig arm und ein Klima mit feuchter Luft'reich an Niederschlägen ist, so darf man diese Ver
hältnisse doch nicht als absolut ansehen; im Gegenteil können durch die ungenaue Ausdrucksweise er
hebliche Irrtümer verursacht werden, zumal dann, wenn es sich um Beschreibungen handelt, die nicht
von meteorologischen Statistiken begleitet sind. So finden wir nach Abercromby (cit. Hann,
Handb. d. Klimatol. 1911 III., p. 572) folgenden Satz: „Iquique ist typisch für das Küstenklima; die Luft
immer trocken, heiter . . . leichte Schauer fallen drei bis viermal im Jahre, besonders in dem Zeitraum
Juni-August.“ In diesem Zusammenhang wird jeder Leser glauben, daß der Ausdruck „trocken“ sich
auch auf die Trockenheit der Luft bezieht. In Wirklichkeit bezeichnet hier der Ausdruck
„trocken“ nichts anderes als den in der Wüstenregion herrschenden Niederschlagsmangel, der sich ge
rade auf die Küste selbst und einen ihr benachbarten schmalen Streifen, die Salpeter-Pampa, erstreckt.
Diese Gebiete sind auch durch ihre vollständige Vegetationslosigkeit gekennzeichnet. Nun vergegen
wärtige man sich, daß Iquique (1915) bei einem Niederschlag von 0,0 mm eine relative Feuchtigkeit von
77 % und eine absolute von 12,5 mm bei einer Temperatur von 18,5° hatte; die entsprechenden Jahres
mittel der 2p Uhr-Beobachtungen betrugen 74 %, 13,4 mm, 20,3°. Dies sind aber Bedingungen, die sogar
noch im Jahresmittel einen klimatischen Zustand erkennen lassen, der sich tagsüber dem der Schwüle
nähert (nach Lancaster (14) besteht Schwüle bei 21° und 75 %).
In der Tat ist in allen Küstengebieten Nord-Chiles dieser Zustand der Schwüle während der
Sommermonate wohlbekannt (Schimmel- und Rostbildung), ein Zustand, der nur teilweise durch die