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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte. - 48. Bd. Heft 5.
Das Vorland.
Wir verlassen nunmehr den Deich und begeben uns in das ungeschützte V o r 1 a n d. Andere Be
zeichnungen dafür sind: Außendeichsland, auch wohl einfach Außendeich (Butendiek), mitunter auch An-
waß und Kante. Letzteres aber sind meiner Meinung nach Begriffe, die pars pro toto angewandt werden.
Bei Krüger heißt dieses Gebiet, dem oldenburgischen Sprachgebrauch entsprechend, Außengroden.
Seitwärts ist dieses Vorland theoretisch unbegrenzt. Es fehlt nur da, wo entweder der Deich direkt
von den Fluten benagt wird oder wo die Geest unmittelbar ans Wattenmeer tritt. In dieser Arbeit soll das
Gebiet vom Friedrichskooger Hafen bis etwa zum Auguste-Vietoria-Koog besprochen werden. Landwärts
bildet die Grenze der Hauptdeich oder der Sommerdeich. Seewärts bildet die Grenze entweder ein mehr
oder weniger hohes Flutkliff oder aber, beim natürlichen oder künstlichen Anwachsvorland, die mittlere
Hochwasserlinie, die sich durch das Auftreten der ersten Andelbüschel auch äußerlich bemerkbar macht,
wie mir Bauaufseher Petersen auf Trischen mitteilte.
Der allgemeine Charakter des Vorlandes ist leicht zu kennzeichnen. Es ist uneingedeichtes, nur wenig
über Mittelhochwasser aufragendes Marsddand, das infolgedessen bei höheren Fluten oft unter Wasser
tritt. Es zeigt meist einen dichten Graswuchs und dient als Weideland, im Friedrichskooger Gebiet vor
allem für Schafe und Gänse. Typisch ist der Samt w u di s des Grases. Ob diese Wuchsform nur als eine
Folge des Abweidens clurdi die Schafe entsteht oder ob auch andere Faktoren mitspielen, wage ich nicht
zu entscheiden. Der samtartige Eindruck entsteht durch den außerordentlich dichten und kurzen Wuchs
des Halliggrases. Unter diesem Basen liegt fester, elastischer Marschboden von bläulichgrauer bis bräun
lichgrauer Färbung. An einzelnen Stellen tritt dieser Boden in meist rechteckig begrenzten Feldern zu
tage. Dort werden die Grassoden für die später zu erwähnenden Sodendämme gestochen. An diesen und
auch an anderen vegetationslosen Stellen im Vorland kann man eine eigentümliche Beobachtung machen.
Bei trockenem Wetter blüht das im Boden befindliche Salz in feinen Kriställchen und schimmelartigen
Ueberzügen aus. Daß es sich tatsächlich um Salz handelt, beweist eine Geschmacksprobe.
Diese Tatsache beleuchtet gut die eigenartigen V erhältnisse, die im Vorlandiboden herrschen müssen
und denen die Pflanzenwelt ausgesetzt ist. Die Erscheinung ist übrigens keineswegs sonderbar, sondern
typisch, da es ja verständlich ist. daß selbst sehr reiche atmosphärische Niederschläge nicht ausreichen
können, den Boden, der dauernd frische Salzzufuhr erhält, völlig zu entsalzen.
Der dichte Samtrasen des Vorlandes besteht nach Reinke vorwiegend ans Festuca und Poa. Eine
große Rolle spielt zweifellos der Andel (Festuca thalassica). In dem Rasen, so dicht und gleichmäßig er
auch erscheint, sind aber noch eine Menge anderer Pflanzen eingebettet, so Suaeda maritima (Meer-
strandsgänsefüßcheii) und Plantago maritima (Meerstrandswegerich). Tm August, zur Zeit meiner Unter
suchungen. waren die höher und trockener gelegenen Teile der Vorlands wiesen mit einem zarten, gräu
lichrötlichen Hauch überzogen, der von den zahlreichen Blüten der Grasnelke (Armeria vulgaris)
herrührte.
Diese Andeutungen mögen genügen, da es nicht im Sinne dieser Arbeit liegt, eine floristische Betrach
tung einzuschalten. Tier- und Pflanzenwelt werden auch in der folgenden Arbeit nur so weit behandelt
werden, als sie als landschaftsbestimmender oder doch landschaftsbeeinflussender Faktor in Erscheinung
treten. Um der Landschaft des V orlandes gerecht zu werden, genügt es im vorliegenden Falle, den samt
artigen Rasenwuchs des Grases zu erwähnen. Für speziell Interessierte seien Reinkes „Botanisch-geo-
logische Streifzüge an den Küsten des Herzogtums Schleswig“ erwähnt, ebenso die Arbeiten von Nienburg.
Aufzählungen bringen auch zusammenfassende und allgemeine Werke wie das Wattenbuch von Philippsen
und die Nordseeinseln von Janssen.
Damit hätten wir den allgemeinen Gharakter des Vorlandes besprochen; aber trotz der scheinbaren
Gleichförmigkeit finden sich doch wichtige Unterschiede. V or allem treten diese in der Art der Entwässe
rung auf. Je nachdem, ob das Vorland durch natürliche V orlandpriiele oder durch künstliche, regelmäßig
gezogene Entwässerungsgräben oder aber durch beide Formen entwässert wird, entsteht ein anderes
Landschaftsbild. Ebenso wichtig aber ist für die Einteilung die Berücksichtigung des V orlandsüberganges
zum Watt. Diese Grenze zum Watt kann entweder, wie schon gesagt, durch eine im Abbruch befindliche
Flutkliffküste gegeben sein, andererseits aber kann die Küste im Anwachs sein. Da müssen wir dann
wieder zwischen natürlichem und künstlichem Anwachs unterscheiden. Unter letzterem verstehe ich den
Anwachs, der durch die Tätigkeit des Menschen (Buscfadämme, Grüppen, siehe später) unterstützt wird.