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Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte. — 48. Bd. Heft 5.
Bei unserem Marsch nach Norden kommen wir an eine Stelle, wo sich der Sommerdeich dem Haupt
deich nähert und schließlich mit ihm verschmilzt. (Siehe T. 2. Sk. 2, und Bild 2.) Diese Stelle ist inter
essant, denn wir überblicken von ihr drei Landschaften, nämlich Koog, Sommerkoog und Vorland, die
hier alle hart aneinander stoßen. Hinter dem grünen Vorland sehen wir sogar noch eine vierte, das
Kulturwatt, herüberschimmern.
Wir setzen unseren Weg nach Norden fort, jetzt rechts den Koog und links das Vorland, das allmäh
lich immer schmäler wird. Wir erreichen schließlich Friedrichskoog-Spitze, wo der Hauptdeich aus der
bisherigen nordwestlichen Richtung sidh nach NO und schließlich nach O und SO wendet. Diese Friedrichs
koog-Spitze ist das am weitesten ins Watt vorgeschobene Stück der Halbinsel. Hier findet starker Ab
bruch statt. Das Vorland ist beinahe ganz geschwunden und beschränkt sich fast auf die Berme des
Deiches. Unmittelbar an der Kante streicht ein Wattstrom vorüber, hinter dem wir die grauen Schlick
ernd Sandflächen der Marner Plate erblicken. Hier von der Höhe des Deiches können wir auch, wenn das
Wetter nicht zu diesig ist, einen oder zwei dunkle Punkte am Horizont ausmachen, Bake und Windmotor
von Trischen.
Dies ist auch der richtige Punkt, um uns über die Begrenzung unseres eigentlichen, nunmehr vor uns
liegenden Arbeitsgebiets an Hand der Karte klarzu werden. (Siehe f. 2, Sk. 2.)
Wir wollen unter Watten das gesamte, bei höchstem Wasserstande (Spring- und Sturmflut) bedeckte
und bei niedrigstem Wasserstande (Nipptide, Ostwind) trocken fallende Areal betrachten. Damit haben
wir also auch das Vorland und die Schwemmsandplate von Trischen zu den Watten gezählt, die bei
Mittelhodiwasser nicht mehr überflutet werden. Die Grenze zwischen Meer und Land wäre damit fest
gelegt. Es bleibt noch die Begrenzung gegen die seitlich anliegenden Wattenflächen nach Süden und
Norden zu besprechen. Diese Grenzen sind durch die Natur selbst in der Gestalt zweier großer Watt
ströme gegeben.
Die Südgrenze beginnt im Friedrichskooger Hafen mit dem Hafenpriel, der in das Krabbenloch
mündet. Dieses geht einerseits in das Groß-Putengatt und andererseits in das Neufahrwasser über. Wir
wollen hier der Einfachheit und der Klarheit zuliebe Krabbenloch und Neufahrwasser unter der Be
zeichnung ..Friedrichskooger Strom“ zusammenfassen und als Süclgrenze unseres Arbeitsgebietes fest
setzen. Die Nordgrenze ist ohne weiteres durch den „Flackstrom“ gegeben, der hier an der Friedrichs
kooger Spitze beginnt und den wir von der Krone des Deiches überblicken. (Bild 3.)
Bevor wir mit der Betrachtung der einzelnen Wat'tgebiete beginnen, müssen wir noch einige Be
griffe, die künftig angewandt werden, klären. Zunächst das Entwässerungssystem, das die gewalti
gen Wassermassen, die zur Flutzeit die Watten bedecken, ableitet. Auf den Seekarten sind die verschie
densten Bezeichnungen eingetragen. Um zu vereinfachen, unterscheidet Krüger (Das Seegebiet Olden
burgs; Meer und Küste bei Wangeroog) Priele, Bal jen und Gatte.
In unserem Gebiet treten die Gatte morphologisch nicht scharf abgegrenzt hervor; wir können sie
daher vernachlässigen. Man unterscheidet deshalb für das Wattgebiet dieser Arbeit am besten zwei
Formen: den Priel und den Wattstrom.
Der Priel ist eine bachartige, rinnenförmige Hohlform des Watts, die bei Hohlebbe entweder ganz
leer läuft oder doch so, daß man sie ohne größere Schwierigkeiten durchwaten kann (von dem Ausnahme
fall der später zu erwähnenden Löcher abgesehen).
Der Wattstrom dagegen führt auch während der Plohlebbe noch soviel Wasser, daß auf ihm zu dieser
Zeit noch Schiffahrt möglich ist. Der Wattstrom zeigt weiter oft einen seeartigen Charakter; Sandbänke
und Wattinseln liegen häufig in seinem Lauf. Das sieht man vor allem am LriedridiskoogTer Strom. Die
seeartigen Erweiterungen treten besonders vor und nach Bifurkationen auf, die die Wattinseln umschließen.
Die scharfe Auseinanderhaltung von Wattströmen und Prielen ist für eine landschaftskundliche Be
trachtung der später zu besprechenden Wattrücken von größter Wichtigkeit. Die Wattströme treten ah
Begrenzung auf; die Priele dagegen sind sehr wesentliche Landschaftsteile der Landschaft selbst.
Erwähnt wurde schon der Begriff „Wattinsel“. Krüger versteht darunter Wattflächen, die zeitweise
rundum von Wasser umgeben sind. Ich möchte diesen Begriff dahin abändern, daß ich darunter Watt-
flächen verstehe, die selbst während der Zeit der tiefsten Ebbe von Wasser umgehen sind. In unserem
Gebiet sind es die Wattinseln in den Wattströmen, die wiederum verschiedenen Charakter zeigen
können, und die Aufiensände. Die letzteren nennt Krüger Riffe („Riffe sind den Inseln vorgelagerte