Aus dem Archiv der Deutschen Seewarte. - -t8. Bd. Heft 5.
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Bei Betrachtung der Kartenskizze mag es auffallen, daß. die Marner Plate nicht auch in der Mitte
durchquert wurde. Das hat seinen Grund in der Lebensgefahr. Die Entfernung ist zwar gering; aber
mit dem Faltboot, das ich dabei auf einen Bootswagen schnallen und karrenartig durchs Watt schieben
müßte, muß jede Strecke verdreifacht, bei schlickigem Watt noch mehr vervielfacht werden. In tiefem
Schlickwatt aber wäre ein Vorwärtskommen überhaupt unmöglich (vergl. Randschi ick watt). Wenn ich
in der Schlickwattumgebung der auf dem Nordhang der Marner Plate auftretenden „Löcher" stecken
geblieben wäre, so könnte ein auftretendes Unwetter oder selbst nur stärkerer Wind leicht mein Leben
gekostet haben. Bis das steigende Flutwasser mich flott gemacht hätte, wäre der verhältnismäßig schmale
Wattstrom längst zu einer einen gefährlichen Seegang entwickelnden Wasserfläche geworden. Bei starkem
Wind und hohem Wasserstaue! aber herrscht über dem Watt ein derartig kurzer und harter Seegang,
daß ein Faltboot ihm nicht mehr gewachsen ist.
Als einmal die Ebbe schon zu tief abgelaufen war. so daß ich nicht mehr die östliche Legde clurch-
padcleln konnte, wie es meine Absicht war, und andererseits ein derartiger Südwest aufgekommen war,
daß an ein Zurückpaddeln kaum zu denken war, entschloß, ich mich zu einer Ueberquerung des Watt
rückens, die ich dadurch bewerkstelligte, daß. ich das Boot auf den Bootswagen schnallte und über das
Watt schob. Das Wagnis glückte, da das Watt nicht zu schlickig wurde, und ich in dem Augenblick, als
das Vorwärtskommen unmöglich schien, mein Boot wieder zu Wasser - bringen konnte {lafel I. Karten
skizze 1 bei F)*).
Es ist selbstverständlich, daß alle Angaben über die Gebiete, die ich nicht aufgesucht habe, schema
tischer oder konstruktiver Natur sind. Die Mitteilungen über die Wasserscheide und die mittleren Ge
biete sind teils nach meinen eigenen Eindrücken, die ich mit dem Glas gewonnen hatte, und teils nach
Mitteilungen Ortskundiger eingetragen.
Die Schwierigkeiten, auf die ich bei meinen Bemühungen, geeignete Karten und Literatur zu be
kommen, stieß, zeigten deutlidi. wie sehr dieses Gebiet für die Wissenschaft noch Neuland ist.
Die Meßtischblätter waren nicht zu verwerten, da auf ihnen das Watt überhaupt nicht angegeben ist.
Die Generalstabskarten zeigten ein völlig veraltetes Bild; aber selbst die neuesten Seekarten waren be
reits überholt. Sie zeigten beispielsweise da Priele, wo keine mehr waren, und Watt, wo sich tiefe Rinnen
befanden. Besonders auffällig sind die V eränderungen im Gebiet der Anßensände.
Marineleitung und Baubehörden waren äußerst entgegenkommend: aber es zeigte sich, daß keine
Spezialkarten vorhanden waren.
Ich führte meine Untersuchungen also nach der neuesten Seekarte im Mafistabe 1:100 000 durch.
T. 1. Sk. 1. und T. 2, Sk. 2 (siehe Anhang), sind in den Grundzügen nach dieser Seekarte gezeichnet.
I rischen ist nach einer Kartenwiedergabe schematisch eingetragen, die in einer Hamburger Tageszeitung
erschien und mir zufällig in die Hände fiel. Sie stellt die tatsächlichen Verhältnisse wohl am besten dar
und ist wahrscheinlich eine Photographie einer Originalkarte von Irischen, die sich im Besitz des
Domänen-Rent- und Bauamtes Marne befindet. Vom Watt selbst zeigt diese Karte allerdings nichts.
Priele, Aenderungen in der Bakensetzung und in dem Küstenverlauf sowie in den vorhandenen
Landgewinnungswerken habe ich schematisch eingezeichnet nach meinen gewonnenen Erfahrungen. Das
selbe gilt für die Außensände. Es ist selbstverständlich, daß diese Eintragungen und Aenderungen nach
dem Gedächtnis nur höchst ungefährer Natur sind und den tatsächlichen Verhältnissen nicht ganz ent
sprechen. Aber sie geben immerhin ein bedeutend besseres Bild, als es die „neueste“ Seekarte zu geben
vermag.
Aehnliche Schwierigkeiten galt es hinsichtlich der Literatur zu überwinden. Die Werke, die mir
zunächst zur Verfügung standen, waren meist allgemeineren Inhalts und behandelten das Wattengebiet
mehr nebenbei.
Dazu gehören z. B. das ausgezeichnete Werk von Müller über das Wasserwesen der Halligen, ferner
einige Bände der Monographien zur Erdkunde, unter ihnen besonders Schulz, Die deutsche Nordsee, und
Linde, Die Niederelbe; weiter gehören hierher Jensen, Die nordfriesischen Inseln, janssen und Lobsien.
Die Nordseeinseln. Carl Woebcken, Deiche und Sturmfluten, und einige spezielle Arbeiten von Reinke,
Die ostfriesischen Inseln, und Braun, Entwicklungsgeschichtliche Studien an europäischen Flachland
küsten. Etwas mehr mit dem eigentlichen Watt beschäftigt sich das Wattenbuch von Philippsen und die
ausgezeichnete Arbeit von Schütte, Die Entstehung der Seemarschen.
*) Weiterhin gebrauchte Abkürzungen: T. = Tafel, Sk. = Skizze.