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Full text: 65, 1937

Möller, F. u. Sieber, P.: Über die Abweichungen zwischen Wind u. "geostrophischem Wind usw. 317 
aber gegenüber dem geostrophischen Wind zu groß ist. Für eine solche Er- 
klärungsweise sind nur die Windstärkeunterschiede, insbesondere bei den großen 
Windstärken, etwas zu groß. Auch läßt sich das Fehlen dieser Abweichung bei 
NNW-Winden nicht erklären. 
Ein Fehler könnte vielleicht durch falsche Luftdruckangaben bei der Be- 
stimmung des geostrophischen Windes hervorgerufen sein. Jedoch könnte hier- 
durch nur das Erscheinungsbild der scheinbaren Vektordifferenzen im Winter 
gedeutet werden. Wenn z.B. der Luftdruck von Stettin systematisch etwas zu 
tief wäre, dann würde immer ein geostrophischer Wind mit einer zu großen 
Komponente in der Richtung Erfurt—Breslau, also mit zuviel Westwind bestimmt, 
und die Vektordifferenz v—vz müßte eine einheitliche Richtung nach W auf- 
weisen, Dies ist nur im Winter andeutungsweise der Fall. 
Ein anderer Fehler wäre durch Verwendung einer falschen Luftdichte ent- 
standen zu denken. Wenn diese bei der Berechnung von vg zu groß angesetzt 
ist, dann wird vg zu klein bestimmt und es wird scheinbar der Wind in jedem 
Falle zu groß gegenüber dem geostrophischen Wind. Dies könnte hier im Sommer 
der Fall sein und der Verdacht ist deshalb nicht von der Hand zu weisen. Nur 
wird dann einesteils die Drehung gegenüber dem geostrophischen Wind nicht 
erklärt, andernteils müßte sich auch ein entgegengesetzter oder wenigstens ver- 
schwindender Unterschied im Winter zeigen. Im Sommer bringt außerdem der 
Ostwind besonders warme, also leichte Luft, während er im Winter kalte und 
schwere Luft heranführt. Dies müßte einen entsprechenden Unterschied in den 
Vektordifferenzen (v— Dg)n Zwischen Sommer und Winter einerseits, zwischen 
W und E andererseits, zur Folge haben. Ein solcher ist aber nicht zu bemerken. 
Eine weitere Deutungsmöglichkeit besteht darin, daß die gefundenen Unter- 
schiede einfach diejenigen sind, die allgemein zwischen dem reibungslosen Wind 
am Boden und dem in 1000 m Höhe herrschen, Dies ist unwahrscheinlich, denn 
noch nicht veröffentlichte Untersuchungen über die Windänderungen mit der 
Höhe in der freien Atmosphäre haben gezeigt, daß die Vektoränderung mit 
der Höhe bei W-, E-, S- und N-Wind durchaus dieselbe ist und sich z. B. durch 
Zusatz einer Nordwest- oder Südwestkomponente in der Höhe äußert, aber nie 
bei Ost- und Westwinden entgegengesetzte Vektoränderungen auftreten wie hier 
im Sommer. 
Schließlich könnte man auch annehmen, daß die gefundenen Differenzen 
(D— Dg)m Nicht auf einen Bestimmungsfehler, sondern auf eine allgemeine Eigen- 
schaft der Strömungssysteme unserer Wettererscheinungen zurückzuführen sind. 
Es wäre denkbar, daß systematisch — wenigstens in den untersten Schichten der 
Atmosphäre — eine Strömung vom Hoch zum Tief vorhanden ist, die aus den 
absinkenden Luftmassen des Hochs gespeist wird und das Aufgleiten der Luft 
im Tief unterhält. Eine Stütze würde diese Annahme in der Untersuchung der 
Windänderung mit der Höhe durch H. U. Sverdrup?) finden, der ebenfalls fest- 
stellen mußte, daß der Wind nie den geostrophischen Wind erreicht, sondern 
immer links abgelenkt bleibt, eine in dieser Allgemeinheit anders unerklärliche 
Beobachtung. Die Gültigkeit solcher Vermutungen würde jedoch verlangen, daß 
unsere gesamten theoretischen Anschauungen vom Aufbau und Zustandekommen 
der Strömung in der Atmosphäre einer Revision unterzogen würden. Hierfür 
erscheint das Beobachtungsmaterial nicht ausreichend, wenngleich unten eine 
weitere Stütze beigebracht werden wird. 
Alles in allem erscheint es nicht ausgeschlossen, daß die ermittelten Ab- 
weichungen nicht reell, sondern entweder auf Beobachtungsfehler (Luftdruck) 
oder Rechnungsfehler (Dichte) oder auch Reibungseinflüsse (und dann in größeren 
Höhen nicht mehr vorhanden) zurückzuführen sind. Für die Fortführung der 
Untersuchung zu dem gesteckten Ziel ist es jedoch auch gleichgültig, welches 
die Ursachen der gefundenen Abweichungen sind, es muß nur ihr Vorhandensein 
in Rechnung gestellt und der Gang der Untersuchung danach eingerichtet werden. 
Setzt man also an, daß der Wind gegenüber dem geostrophischen Wind im 
erster Linie immer zu groß und nach links abgelenkt sei, so ergeben sich 
1) Th. Hesselberg u. H. U. Sverdrup, Beitr. z. Phys. d. fr. Atm. 7, 1916, 156.
	        
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