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I. Einleitung.
Im Jahre 1906 hat die Deutsche Seewarte auf Anregung ihres damaligen Abteilungsvorstandes
W. Koppen begonnen, auf deutschen Handelsschiffen Höhenwdndmessungen mit Pilotballonen durch
führen zu lassen. In dankenswertester Weise haben sich damals der Norddeutsche Lloyd und
die Hamburg-S ü da merikanischeDampfschiffahrts- Ge seil Schaft zur Verfügung ge
stellt; in tatkräftiger, fördernder Arbeit haben deren Kapitäne und Schiffsoffiziere die Durchführung
der Windmessungen übernommen. Um Aufschlüsse über den Luftaustausch zwischen höheren und
niederen Breiten im großen und namentlich über die eigenartige Windschichtung in den Passatge
bieten zu erhalten, hat die Seewarte Höhenwinde auf dem Atlantischen Ozean auf Schiffen messen lassen,
die in der Brasilien- oder La Plata-Fahrt beschäftigt waren. Aus diesen Gesichtspunkten heraus sind
den beteiligten Kapitänen als Aufstiegsgebiete die Breiten zwischen 10° und 35° sowohl auf der Nord
ais auch auf der Südhalbkugel besonders empfohlenworden; die im Herbt 1907 erschienene Abänderung
der Beobachtungsamveisung sieht sogar eine Beschränkung auf diese Breiten vor.
Auf dem für einen Längsschnitt durch die atlantischen Passatgebiete besonders günstig gelegenen
Schiffswege nach Südamerika hat im Jahre 1906 der Dampfer „H alle“ (Kapitän Bortfeld t) des
Norddeutschen Lloyd Pilotballone aufgelassen und beobachtet. Im folgenden Jahre haben sich die beiden
Lloyddampfer „Stuttgart“ (Kapitän B o r t f e 1 d t) und „Halle“ (Kapitän Rohde) an diesen
Arbeiten erfolgreich beteiligt. Im Winter 1907/1908 und im Jahre 1908 hat sodann der Dampfer „C a p
Ortegal“ (Kapitän Siepermann) der Hamburg-Süd das Werk fortgeführt. Auf diese Weise
sind in den Jahren 1906—1908 neben einigen mißglückten Versuchen 65 brauchbare Höhenwind
messungen zwischen dem Kanal und Südamerika eingebracht wurden, deren Ergebnisse von
W. Köppen 1 ) bearbeitet und veröffentlicht worden sind.
In den folgenden drei Jahren hat D r. Harry Meyer während zweier Segelschiffsreisen auf
Schulschiffen des Norddeutschen Lloyd, an denen er als Navigationslehrer teilgenommen hat, in Zusam
menarbeit mit den Kapitänen und Offizieren der Schiffe für die Deutsche Seewarte Höhemvinde mit
Pilotballonen gemessen. Die erste Fahrt auf dem Segelschulschiff „Herzogin C ä c i 1 i e“ hat von
der Weser nach der Westküste von Südamerika (Mejillones) und zurück nach Rotterdam geführt,
während die zweite Reise, zunächst auf gleichen Wegen verlaufend, auf dem Segelschulschiff
„Herzogin Sophie Charlotte“ von der Westküste (Callao) nach Sidney und von dort um das Cap
der guten Hoffnung nach dem Kanal unternommen worden ist. Von den 54 Aufstiegen, die auf beiden
Reisen in den Jahren 1909—1911 gesammelt wurden sind, liegen 39 auf dem Atlantischen Ozean, 15 auf
dem Südpazifischen. Auch die Ergebnisse dieser Höhenwindmessungen sind auf der Seewarte bearbeitet
wurden, und zwar von P. Perle wit z*’).
Die Beobachtungsmethode hat darin bestanden, daß der mit Wasserstoffgasfällung mit hinreichend
konstanter Steiggcschwindigkeit sich erhebende Gummiballon einerseits über den Peilkompaß hinweg
zur Bestimmung des Azimuts, andererseit mit dem — meist umgekehrt gehaltenen — Sextanten zur
Bestimmung des Höhenwinkels angepeilt wurden ist; auf der Seewarte ist für diesen Zweck ein ent
sprechend vereinfachter Sextant gebaut wurden. Hierzu wurden im allgemeinen drei Beobachter be
nötigt, von denen der eine den Sextanten bediente, ein zweiter die Azimutpeilung am Peilkompaß durch
führte, ein dritter die Zeit gab; die Beobachtungsamveisung von 1907 sieht sogar vier Beobachter vor,
da es zur Erreichung möglichst großer Höhen zweckmäßig war, zwei Personen mit den Sextanten
messen zu lassen.
Im Jahre 1921 ist es A. Wegene r und E. K u h 1 b r o d t :i ) gelungen, die Beobachtungsmethode der
Höhenwindmessungen durch den Bau des „Spiegel-Theodolite n“ zu verbessern. W egener
und K u h 1 b r o d t schalteten vor das Fernrohr eines kardanisch aufgehängten Ballon-Theodoliten eine
nach dem Sextanten-Prinzip umgekehrt angeordnete Spiegeleinrichtung, durch die die Kimm in das Ge
sichtsfeld des Fernrohrs hineingespiegelt wird. Auf diese Weise kann zur Beobachtung des Bailones ein
Theodolit 10- bis 20facher Vergrößerung benutzt werden. Einen gewöhnlichen Ballon-Theodoliten an Bord
eines Schiffes zu verwenden, ist im allgemeinen nicht möglich, da man ohne kardanische Aufhängung bei
Schwankungen des Schiffes das Ballonbild häufig aus dem beschränkten Gesichtsfeld verliert und nur