Lucie Raelider: Grundlagen und Versuch einer landscliaftskundl. Gliederung der nördl. algerischen Sahara. 59
Luft und Licht durch zeitweilig eingelassene Lichthöfe. Von diesen Straßen gehen kleine, gewundene,
noch schmälere Nebengäßchen ab, in denen absolute Finsternis herrscht — Licht erhalten sie nur an der
Einmündung in die Straße.
Die angrenzenden, meist einstöckigen Häuser, deren flache, nach den Seiten überragende Dächer
die Straßen überdachen, sind alle in maurischem Stil aus an der Sonne getrockneten Erdbrocken erbaut.
Die meisten haben an der fensterlosen Straßenwand aus gehärteter Erde hergestellte Sitzbänke, die vor
züglich in den Gassen zu beobachten sind, die an Stelle der Dächer auf kurze Strecken durch viele Bogen
überwölbt sind und das Tageslicht hereinfallen lassen 73 ). Die Dächer sind gleichmäßig zu Terrassen um
gewandelt und von einer meterhohen Mauer umgeben; den Ecken sind kleine geweißte Dreieckstürmchen
aufgesetzt. Gänge ermöglichen einen oberirdischen Verkehr, die mit den dunklen engen Straßen der
Stadt unten in ihrer Lage und Richtung übereinstimmen.
Die Stadt wird nun von allen Seiten durch die Palmenpflanzungen umschlossen und zwar derart, daß
sie sich nach Osten fast 1km weit ausdehnen, nach Westen jedoch nur den dritten Teil des Maßes. Auf
fällig ist der große unbrauchbare Raum, den die jetzt verlassenen Pflanzungen im Norden und Süden
einnehmen. Vermutlich haben die andringenden Sandmassen — wenn nicht Verminderung des Quell
wassers — zur Aufgabe der Gärten 74 75 ) gezwungen; die Karte zeigt die gefährliche Nähe des Sandes hart
am Rand der Außenmauer. Aber auch im Westen ist die Oase auf schmalem Streifen einwärts verdrängt
worden, hier erreichen die Sandablagerungen die Höhe der Einfassungsmauer. Die Palmenpflanzungen
sind von Straßen- und Bewässerungskanälen durchzogen und durch Lehmmauern quadratisch abge
grenzt. Häuser kommen nicht in ihnen vor. Außer Palmen werden viele Obstbäume gezogen, in deren
Schutz Gemüsezucht betrieben wird. Am Außenrand der Pflanzungen wird Getreide angebaut. Diese
Gärten hat man nun zum Zweck ausgiebiger Bewässerung durch Quellwasser vertieft anlegen müssen.
Je weiter ein Garten von der Quelle entfernt ist, umso tiefer liegt er.
Die berühmte Quelle von Ghadames liegt im Westen am Rande der Stadt. Ihr artesisches Wasser
wird in ein viereckiges 15 m breites und 25 m langes Becken gefaßt, das mit alten Steinmauern umgeben
ist und etwa 5—6 m tief ist. Die große Durchsichtigkeit des Wassers läßt alles erkennen: den
Grund bedecken große Wasserpflanzen — Fische und Mollusken fehlen jedoch. An zahlreichen Stellen
wirbelt das Quellwasser auf, das eine Temperatur von 30—35° besitzt 73 ) und wird aus fünf Rinnen
(saguia) in die Oase geleitet. Das 2/—3 g salzhaltige Wasser gilt als ausgezeichnetes Trinkwasser.
Außer diesen Quellbecken gibt es noch, abgesehen von fünf bis sechs salzigen gewöhnlichen Brunnen,
die den Abwässern entstammen, in seiner Nähe zwei artesische Brunnen, deren Wasser aus einer Tiefe
von mehr als 4 m mittels fünf kombinierter Chadoufs emporgeholt werden muß. Obwohl das Wasser mit
25° eine etwas geringere Wärme als die Quelle hat, scheint es doch derselben artesischen Grundwasser
schicht zu entstammen 76 ).
4. Der südliche Grenzübergangsraum.
Ab Mouilah Maättallah existiert kein Regboden mehr, es beginnt bereits die pflanzenleere Hamada
von Tinghert, die an ihrem Rand in rundliche Kalkhügel aufgelöst und von bedeutenden Schluchten
zerschnitten ist, deren breiteste das Igharghartal mit 3 km darstellt. Bis nach Ghadames erheben sich
zwischen dem Gebiet des Erg und der Hamadaschichttafel hohe Felszeugenberge, die als Uebergangs-
formen zwischen der nackten Felstafel El Homra und dem Sandmeer des Erg vermitteln.
7S ) Pervinquiere, La Tripolitaine interdite. Ghadames. Paris 1912.
74 ) Nach PerviiHiliiere, a.a. O., S. 155, zweifelhaft, oh es Dattelpalmen waren. Wahrscheinlicher war das Be
stehen von Getreidefeldern.
75 ) Pervinquiere, a. a. O., S. 144: Wassertemperatnr im März = 30°,
Lufttemperatur im März = 8,5°.
n ) Mirchner, a. a. O., S. 108; Pervinquiere, a. a, O., S. 150.