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Aus dem Archiv der Deutschen See warte. — 46. Bd. Kr. 3.
laufend aneinander gefügt, eingetragen wurden, entstanden die №. 53—62, Taf. 3 u. 4. Den zu einem Zeit
punkte gehörigen Geschwindigkeitspfeil erhält man, indem man das entsprechende Windzeichen mit dem
nächstfolgenden verbindet. Da der zeitliche Zwischenraum 3 Std. = 10 800 Sek. beträgt, so bedeutet
die gleiche Strecke, die einem cm/sec entspricht, auch 108 m in 8 Stunden. Vernachlässigt man die
Änderung des Stroms während dieses Zeitraums, so stellt diese Strecke auch die Vertriftung eines
Wasserteilchens in 3 Stunden dar; genauer müßte man sagen: innerhalb des Zeitraums VA Stunde vor
bis l!4 Stunde nach dem jeweiligen Zeitpunkte; Mitternacht ist durch das Zeichen 0 angegeben.
Was auch hier zuerst ins Auge fällt, ist der überraschend große Unterschied zwischen
den Strömen in den verschiedenen Tiefenlagen.
In der Springzeit war die allgemeine Trift nach SO gerichtet, und zwar am stärksten in 1 m
Tiefe, wo in 75 Stunden eine Verfrachtung des Wassers um etwa 30 km oder rund 16 Sm vor sich ging,
am geringsten in der 10 m-Tiefe, in der das Wasser nach vielem Hin und Her schließlich nur 6 km, d. i.
3 Sm vom Platze gekommen war. Eine Ausrechnung des resultierenden Windes am Beobachtungsorte er
gibt für die erste und zweite Tide Wind aus S 86° O, 2.4 m/sec, für die dritte und vierte aus N 40° W,
2.6 m/sec, für die fünfte und sechste aus N 37° W, 6.1 m/sec. Aber die Betrachtung des örtlichen Windes
allein genügt nicht zur Erklärung der Strömungen; man muß die Windverhältnisse über größeren Teilen
der Nordsee sowie das Steigen und Fallen des mittleren Wasserstandes an der Küste zu Rate ziehen, will
man einen auch nur halbwegs befriedigenden Einblick erhalten. Auch dann bleibt manches noch rätsel
haft. Z. B. nahm in 1 m Tiefe der Strom am Vormittage des 19. VI. eine entschieden-östliche Richtung
an. bevor der Wind umschlug; vorher aber, bei Ostwind, setzte er nördlich. Die Wetterkarten der Deut
schen Seewarte geben bis zum Abend des 16. VI. wesentlich westliche und nördliche Winde über der
Nordsee, die vielleicht das schwache Steigen des Wassers in der Helgoländer Bucht am 16. VI. mit ver
ursachten (Taf. 2, Nr. 12). Dann aber herrschte mehrere Tage Ostwind, und das Wasser fiel bis zum
19. VI.; der dann einsetzende NW-Wind bewirkte ein kräftiges Steigen des Wassers um 3 dm und mehr.
Welche Mitwirkung im allgemeinen den Wasserstandsverhältnissen, dem an der Küste verteilten
Flußwasser, dem über der Nordsee herrschenden Luftdruck und den Winden auch zukommen mag,
so sprechen doch die bislang gemachten Wahrnehmungen für einen ziemlich beständigen, entlang der
ostfriesischen Inseln in die Nordsee eindringenden und an der schleswig-holsteinischen Küste nach N
umbiegenden Strom, wie ihn noch neuerdings Böhnecke 26 ) als Teil eines die Deutsche Bucht entgegenge
setzt dem Uhrzeiger umkreisenden Stromwirbels aufgefaßt hat. Stellt man sich auf diesen Standpunkt,
so kann man in der nordwärts gerichteten Strömung am Nachmittage des 18. VI. die Wirkung des nicht
eben starken Ostwindes erblicken: er konnte die allgemeine Ostströmung wohl (vielleicht unter Mitwir
kung der Erdumdrehung) nach N umbiegen, reichte aber nicht aus, um sie nach W umzukehren; sein Ein
fluß wäre dann in 5 m Tiefe bereits nicht mehr wahrzunehmen. Während der später einsetzende NW-
und N-Wind an der Oberfläche sehr bald klare Strömungen erkennen ließ, traten im Verlaufe des 20. VI.
in der Tiefe verwickelte Verhältnisse ein, und zwar um so unübersichtlicher, je tiefer die betrachtete
Schicht lag. Am auffallendsten ist wohl die 10 m-Tiefe (Nr. 55), in der am 20. VI. bei westlichen und nord
westlichen Winden die Wasserbewegung nach Westen, also entgegengesetzt dem soeben beschriebenen
„ständigen Küstenstrome“, und am 21. VI. nach Osten ging. Man kann vielleicht einen Schlüssel zu die
sem Verhalten finden, wenn man das kräftige Steigen des Wassers bis zum 21. VI. in Rechnung zieht,
das zunächst ein dem Strome entgegengesetztes Gefälle erzeugen mußte; dieses hätte dann Unterströme
verursacht, die das vom Winde zugeführte Wasser zum Teil wieder aus der Deutschen Bucht hinausbe
förderten, bis am 21. VI. der auffrischende Wind bis in größere Tiefen durchgriff, oder bis vielleicht
das Gefälle sich ausgeglichen hatte, indem der auch in der See gestiegene Wasserspiegel sich der
Höhenlage des mittleren Wasserstandes an der Küste näherte. Etwas drastisch ausgedrückt: Der Wind
und das durch ihn erzeugte Staugefälle kämpften gewissermaßen um die Oberhand in ihrer Wirkung auf
die Unterströmungen, die infolgedessen hin- und herpendelten. Daß der Windstau sich nicht nur aperio-
**) Böhnecke, 6.: Salzgehalt und Strömungen der Nordsee. Ver. Inst. Meeresk. N. F. A. 10, Berlin 1922,
S. 22, 28 n. Taf.